Elena Senft schaltet nie ab : Die Frau im Windbreaker

Unsere Autorin wurde auf einem Facebook-Foto markiert. Es zeigt sie auf einer Hängebrücke, verschwitzt, sonnenverbrand. Löschen oder lassen?

Elena Senft.
Elena Senft.Foto: Mike Wolff

Die Digitalkamera ist eigentlich meine Lieblingserfindung. Weil ich vor ihrer Erfindung zu den Menschen gehörte, die im Urlaub an einem Abend 36 nostalgische Schnappschüsse von flüchtigen Bekanntschaften schießen und am nächsten Morgen leider keinen Schuss mehr übrig haben, um sich selbst vorm Taj Mahal abzulichten.

Vor kurzem habe ich eine Reise nach Vietnam unternommen. Und ich bin nicht nur mit einer vollen Speicherkarte beeindruckender digitaler Eindrücke zurückgekommen, sondern auch mit einem neuen Facebook-Freund, einem technisch extrem gut ausgestatteten Inder, der nahezu alles fotografiert hat, was er gesehen hat oder auch nur glaubte, gesehen zu haben. Dies nämlich ist der größte Nachteil an Digitalkameras: Man fotografiert einfach alles. Und kann hinterher in aller Seelenruhe diejenigen Bilder aussortieren, auf denen man die Augen halb geschlossen oder gerade mal – in krummer Haltung – vollständig in den Bauch ausgeatmet hat.

Leider gilt dies nur für die eigenen Fotos, und beim Urlaubsfoto hört die Freundschaft auf: Es ist einem herzlich egal, wenn die beste Freundin auf dem Bild gerade mitten im Niesvorgang ist, solange man selber beim Gruppenfoto im Safarijeep fantastisch aussieht. Der neue Facebook-Freund zumindest hat mich nun auf einem Foto bei Facebook markiert, das er mir außerdem noch auf meine Pinnwand gestellt hat. Und weil ich kein Spielverderber sein will und er seinen kleinen digitalen Gruß sicherlich sehr nett gemeint hat, habe ich nichts unternommen. Ich wehre mich dagegen, jemand zu sein, der ein Foto aus den schönsten, entlegensten Gegenden dieser Welt löscht, weil er sich selber darauf nun mal nicht optimal getroffen findet.

Das Bild des Inders zeigt eine Gruppe, die im vietnamesischen Hochland über eine marode Hängebrücke einen Fluss überquert. Hinten an der dynamischen, furchtlos in die Kamera lachenden Menschenkarawane klebt mit rotem, verschwitztem Gesicht eine dicke Person in einem uncoolen Northface-Windbreaker, die eine Hose trägt, die aussieht, als gehöre sie einem Neuköllner Proleten, der einen Oberlippenschnauz trägt und in seiner Freizeit drei Pitbulls um den Block führt und seine Frau verprügelt.

Diese Person bin ich. Und hätte ich gewusst, dass jemand in diesem Moment den Auslöser einer Kamera betätigt, so hätte ich mich augenblicklich in den Fluss gestürzt und gehofft, mitsamt meinem Windbreaker unterzugehen. (Wahrscheinlich wäre ich aber eh nicht untergegangen, da sich sicherlich alle Kleidungsstücke ausgewiesener Travellermarken bei Wasserkontakt automatisch in Schwimmwesten verwandeln.)

Nun gibt es dieses Foto. Zu meiner Ehrenrettung bleibt mir nur zu sagen, dass meine angestrengte Fratze auf Höhenangst zurückzuführen ist, dass die Hose in Wirklichkeit – also ohne den vietnamesischen, aufblähenden Rückenwind – ganz anders aussieht, und dass ich den Windbreaker nur geliehen habe, um meinen (ebenfalls auf dem Foto deutlich zu erkennenden) Sonnenbrand nicht auf Verbrennungsgrad drei zu erhöhen.

Bisher halte ich still und lösche hämische Kommentare auf meiner Facebook-Seite stillschweigend. Wahrscheinlich muss ich kontern und ein „Vietnam 2010/11-Album“ anlegen. Ein Konvolut von Bildern, auf denen ich mit gutem Teint und schönem Lächeln im Sonnenuntergang stehe und dabei so tue, als würde ich die untergehende Sonne in der Hand halten wie einen verletzten Spatz.

Das schlimme Bild auf der Brücke wäre dann nur noch eines von vielen. Und mit etwas Glück ginge auf diese Weise die Frau im Windbreaker doch noch unter.

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