Zeitung Heute : Elfenbeinmuseum: Kunst und Kuriositäten

Wolfgang Kling

An der Wand hängt ein gewaltiger Stoßzahn eines Mammuts, mehrere Meter lang, charakteristisch gebogen und mehr als 10 000 Jahre alt. Gleich daneben ist in einer Ecke eine Schauwerkstatt eingerichtet. Auf dem Tisch liegt die abgesägte Spitze eines Elefantenstoßzahns, zart mattweiß schimmernd und erstaunlich schwer, anfassen ist erwünscht. Hinter der Werkbank sitzt die junge Künstlerin Aunamar Kannankulan und führt dem Besucher vor, wie aus einem klobigen, würfelförmigen Stück Elfenbein ein formschönes Kunstwerk entsteht.

Es wird mit allerfeinstem Werkzeug gesägt, gemeißelt, gebohrt, gefeilt, geraspelt und geschabt, dann geschliffen, schließlich poliert. Aber gut Ding braucht Weile - und vor allem große Kunstfertigkeit sowie viel Geduld. In den umstehenden Vitrinen sind die kleinen, ziselierten Werke der Erbacher Künstler ausgestellt, einige können auch gekauft werden.

Spätestens seit dem Welthandelsverbot für Elefanten-Elfenbein, das 1989 in Kraft trat, wird ausschließlich mit ähnlichen Werkstoffen gearbeitet, etwa mit Bein (Knochen), das schon im Mittelalter für Minnekästen und Turmreliquiarien verwendet wurde, dann mit Steinnuss, die Frucht einer Palmenart, die als vegetabiles Elfenbein bekannt ist, und vor allem mit fossilem Mammut-Elfenbein, das im sibirischen Sommer aus dem ewigen Frostboden von Jakutien gefördert wird. In einer der kältesten Regionen der Erde findet man noch immer große Mengen Stoßzähne der ausgestorbenen Riesensäuger.

Die hochinteressante Schauwerkstatt befindet sich im Deutschen Elfenbeinmuseum Erbach. Und dieses schmucke Städtchen liegt mitten im hessischen Odenwald, rund 35 Kilometer von Heidelberg entfernt. Das Museum, 1966 eröffnet, ist das einzige Spezialmuseum dieser Art weltweit, das den künstlerischen Werdegang vom derben Werkstoff bis zum graziösen, ornamentierten Kunstwerk dokumentiert und darüber informiert. In vier großen Sälen sind mehr als 2000 Exponate ausgestellt. Die Bandbreite der Stücke europäischer Elfenbeinkunst reicht vom Mittelalter mit seinen vorwiegend sakral geprägten Kunstwerken bis zur Gegenwart, wobei die Höhepunkte der höfischen Drechselkunst aus der Barockzeit ebenso präsent sind wie die klassizistischen Arbeiten des Erbacher Grafen Franz I. aus dem Ende des 18. Jahrhunderts oder die außergewöhnlichen Beinschnitzereien des bekannten expressionistischen Malers Karl Schmidt-Rottluff (1884-1976). Höchst grazil anmutende junge Frauen im Jugendstil schuf der im Odenwald heimische Elfenbeinmeister Otto Glenz (1865-1948).

Minnekästen und Reliquiarien

Geradezu kurios in ihrer handwerklichen Rafinesse sind zahlreiche Stücke aus Japan und China. In beiden Ländern hat die Elfenbeinschnitzerei eine uralte Tradition, in China reicht sie bis zur Hochkultur um 1000 vor Christus zurück. Hervorragende Schnitzereien afrikanischer und grönländischer Naturvölker ergänzen die filigranen Schmuckstücke im zweiten Ausstellungssaal. Dass Elfenbein eines der ältesten plastischen Materialien unserer Kunst- und Kulturgeschichte ist, belegt der etwa 30 000 Jahre alte Mädchenkopf aus Mammut-Elfenbein, der im südwestfranzösischen Ort Brassempouy gefunden wurde. Dieses herrliche prähistorische Kunstwerk ist als Kopie im ersten Ausstellungssaal zu bewundern.

Die in ganz Europa berühmte Erbacher Elfenbeinschnitzerei initiierte Graf Franz I. (1754-1823), als er nach langer Studienreise aus Südeuropa in den heimatlichen Odenwald zurückkehrte. In seiner Werkstatt im Erbacher Schloss schuf der aufgeklärte Landesherr schließlich selbst wunderschöne Amphoren, Leuchter, Schmuckdosen und andere Ziergeräte in Elfenbein und regte die Horn- und Holzdrechsler seiner Grafschaft dazu an, mit dem selben Werkstoff künstlerisch zu arbeiten, was die Odenwälder Meister danach auch rege und höchst kreativ taten. Im Jahre 1873 wurde auf der Wiener Weltausstellung die "Erbacher Rose" mit einer Verdienstmedaille ausgezeichnet. Die 1892 in Erbach gegründete "Großherzogliche Fachschule für Elfenbeinschnitzerei und verwandte Gewerbe" ermöglichte vielen jungen Künstlern eine solide Ausbildung in diesem Metier. Diese Schule, die sich heute in der Trägerschaft des Odenwaldkreises befindet, bildet auch heute noch Schüler in der Elfenbeinkunst aus.

Der vielbesuchte Luftkurort schmiegt sich überaus reizvoll in das breite Mümlingtal. Die frisch herausgeputzte Schaufassade des gräflichen Barockschlosses dominiert den großen, quadratisch angelegten Marktplatz, der außerdem vom Fachwerkbau des Alten Rathauses aus dem 16. Jahrhundert und mehreren hübschen Bürgerhäusern mit Gaststätten und etlichen Geschäften, die natürlich vorwiegend Elfenbeinschmuck anbieten, umsäumt ist. In der Mitte des Platzes hat man dem kunstsinnigen Grafen 1874 ein steinernes Denkmal gesetzt: Franz I. mit einer römischen Toga gekleidet. Das mutet etwas seltsam an, hat aber seinen reellen Grund, denn schließlich war der noble Mann ein glühender Liebhaber der antiken Welt. Seine aus Italien mitgebrachten Sammlungen, ausgestellt im kunsthistorischen Museum des Schlossgebäudes, genießen zu Recht Weltruf.

Das römische und griechische Zimmer zeigt originale Büsten berühmter Cäsaren und Feldherren. Im prunkvollen neugotischen Rittersaal sind Waffen des deutschen Rittertums ausgestellt. Die Hirschgalerie zeigt kolossale und abnorme Jagdtrophäen, die Gewehrkammer die Entwicklung der Handfeuerwaffen und das afrikanische Jagdmuseum präparierte Wildarten der Steppe und Savanne.

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