Zeitung Heute : Emotionale Computer: Die Gefühlsmaschine

Kerstin Decker

Wir leben mitten in der Zukunft. Man erkennt es schon an den Filmtiteln. "2001 - Odyssee im Weltraum". Kubricks Variation auf die (Beinahe-)Apokalypse. Und das haben wir jetzt, 2001?

Es geschah einen Tag, bevor Kubricks "2001" wieder in unsere Kinos kam. Letzte Woche. Eine Zeitungsschlagzeile: "Siemens baut den ersten fühlenden Computer." Wer Kubrick kennt, weiß, was das bedeutet.

Dabei kamen wir so optimistisch aus dem Kino. Das Jahr 2001 sieht bei Kubrick einfach überwältigend-beruhigend nach 1968 aus. Die Sessel in Brüllorange. Am meisten aber mussten wir lachen über Hal 9000, den fühlenden Computer. Mein Gott, war der emotional. Ein richtiges Weichei, verglichen mit der Raumschiffbesatzung. Aber gefährlich wie die meisten Weicheier. Und den baut Siemens jetzt? - "Emotional Engine - Roboter fühlen wie wir", lesen wir schaudernd auf der Web-Site der Innovationswerkstatt "c-lab" aus Paderborn.

Paderborn. Es gibt Orte, denen traut man das Verhängnis einfach nicht zu. Genau so wenig wie Treuenbritzen etwa. Paderborn hat einen Dom und dazu das größte Computermuseum der Welt. Im Dom residiert Erzbischof Degenhardt. Der ist eben gerade römischer Kardinal geworden. Sein Leitwort lautet: "Der Herr ist wahrlich auferstanden." Ob der Kardinal schon von dem Roboter nebenan gehört hat, der fühlt wie er?

Vor dem Computermuseum eine riesige Freifläche, das Heinz-Nixdorf-Forum. Wir erkennen seine Bestimmung sofort. Idealer Landeplatz für Monolithen. Der Monolith ist das Kubrick-Symbol des Fortschritts. Immer, wenn in "2001" irgendwo der Monolith landet, ist eine neue Stufe des Verhängnisses erreicht. Das erste Mal fiel er in die Urhorde. Wir schauen uns um. Leichter Schneeregen. Kein Monolith. Alles ist still.

Auch der Pförtner tut, als ob gar nichts passiert wäre. Der Pressesprecher der Zauberlehrlings-Werkstatt trägt demonstrativ eine blaue Mappe unterm Arm "c-lab - Jahresbericht 2000" und beginnt, die Firmengeschichte zu erklären. Natürlich, wer Jahresberichte schreibt und eine Firmengeschichte hat, wirkt immer harmlos.

Ein sehr kleiner Roboter

"C-lab" ist ein Gemeinschaftsunternehmen von Siemens und der Universität Paderborn. Wir öffnen eine Tür mit der Aufschrift in Kniehöhe "Danger, robots must be at least this tall to enter" - "Vorsicht, Zutritt nur für Roboter, die mindestens diese Größe haben". Wir erfassen mit einem Blick den Raum und - haben ihn glatt übersehen. Der "emotional engine", der fühlende Computer, ist ja so klein. Nur ein Kopf auf einem gewöhnlichen Tisch. Voller Drähte auf Plaste. Aber mit Augen, Nase, Mund. So ungefähr sehen die Totenköpfe bei Professor von Hagens in den "Körperwelten" auch aus. Nur dass die Augen kleine Kameras sind, und der Mund ist aus rot-blauer Baumarkt-Kordel. Nein, das ist keinesfalls Hal 9000. Aber wirkte Hal 9000 überzeugender? Wie eine außer Kontrolle geratene Rotlichtlampe. Nein, man muss vorsichtig sein.

Computer sind für die meisten Menschen noch immer dumme, gefühllose Kisten, äußerte dieser Tage anklagend auf Seite eins eine große Zeitung. Auch die c-lab-Forscher halten diesen Zustand für untragbar.

Bernd Kleinjohann, Schöpfer der "emotional machine", formuliert das mit der Unbeirrbarkeit des Wissenschaftlers: "Die Tendenz geht dahin, dass die Maschinen Emotionen zeigen." Es handele sich um die Subjektwerdung des Objekts. Vom Objekt zum Subjekt! So hatte man uns in der Schule noch die Mission der Arbeiterklasse erklärt und etwas später die Hegelsche Dialektik, bis sich die Mainstream-Philosophie zu der Formel bekannte: Subjekt ist Humbug! - Sicher war das Subjekt da sehr gekränkt und hat sich bei den Programmierern ein neues Zuhause gesucht. Die wissen, wer es ist. Nicht die Arbeiterklasse, nicht der Weltgeist, nein, die autonome Maschine der Zukunft!

Skepsis, Hochmut, Demut

Zwei Kollegen vom weltgrößten Computermuseum nebenan kommen und wollen sich den emotionalen Kopf für eine Ausstellung ausborgen. Die Museumsfrau im grünen Kleid sieht ihn mit unverhohlener Sympathie an und findet, dass es bei einem Gefühle zeigenden Computer doch viel leichter werde, "die Maschine als Person zu akzeptieren". Die Maschine als Person? Das philosophische Gewissen wendet ein, dass die Maschine doch etwas vortäusche, das sie gar nicht habe, nämlich Emotion. - Die Museumsfrau guckt erstaunt und findet, dass dieses doch nun eine Unterstellung sei.

Wenn jemand etwas zeige, dann nehme man gewöhnlich an, dass er das Gezeigte auch habe, nicht wahr? - Bernd Kleinjohann gibt ungerührt einen neuen "Gemütszustand" in seinen Computer ein. Der Draht-Plaste-Kordellippen-Kopf beginnt, leicht schräg geneigt, zu lächeln. Und ob er Emotionen zeigen kann! Dies ist ein Ausdruck freundlicher Skepsis. Die Museumsfrau lächelt zurück. Sie mag ihn wirklich. Außerdem, sagt sie, würde ein emotionaler Computer viel eher Verständnis wecken für seine Maschinen-Entscheidungen als ein nichtemotionaler. - Bei Kubricks Hal 9000 war das anders, überlegen wir. Wie der gebettelt hat, nicht abgeschaltet zu werden. Zum Schluss hat er sogar ein Lied gesungen. Alles umsonst. Überhaupt, was tun mit einem depressiven oder hysterischen Computer?

Der Kollege vom weltgrößten Computermuseum schlägt vor, die "emotional machine" neu zu definieren. Die Mensch-Maschine-Schnittstelle werde auf eine höhere Ebene gelegt. Man kommuniziert nicht mehr über Tasten und Benutzeroberflächen, sondern ab sofort über Gestik. Der Pressesprecher kann sich den Einsatz der "emotional machine" besonders gut im Bahnhofswesen oder Hotelgewerbe vorstellen. Etwa als Portier. "Nein, wir haben keine Zimmer mehr frei, könnte er sagen und dazu ein bedauerndes Gesicht machen." Und was, wenn er falsch programmiert wurde und zu dieser Auskunft anfängt zu lächeln? Dann ist die "emotional machine" sicher bald ein emotionaler Schrotthaufen.

Es ist gemein, Erfinder mit Zweifeln zu traktieren. Der Pressesprecher verlässt den Raum. Bernd Kleinjohann übt mit seinem Subjekt-Objekt die Gesichtsausdrücke des Hochmuts (Kopf schräg nach oben, Augen auch), des aufrichtigen Interesses (Blick geradeaus unverwandt ins Gesicht das anderen) sowie der Demut (Kopf geneigt, Augen nach oben), als der Pressesprecher mit einem schwarzen Hund zurückkehrt. Es ist Ibo, der Sony-Hund aus Plaste. Ibo liegt auf dem Boden, reckt sich, in seinen Gelenken beginnt es vernehmlich zu surren, noch lauter als in den kleinen Gesichts-Motoren des Subjekt-Objekts. Bellen kann Ibo nicht, nur surren. Und wie schwer ihm das Aufstehen fällt. Überhaupt, das Laufen. Laufen ist noch immer das größte Problem für alle Roboter. Am schlimmsten aber ist Treppensteigen. Das unterscheidet den Menschen vom Roboter. Der Mensch kann schon sehr früh Treppensteigen, aber erst viel später 153 224 356 668 geteilt durch 42 956 sekundenbruchteilschnell im Kopf rechnen. Bei Robotern ist das umgekehrt.

Ibo fängt an, in seiner unbeholfenen Sony-Welpen-Art surrend einem knallrosa Ball hinterherzukriechen. Bernd Kleinjohann betrachtet ihn als eine Art Vorläufer des Subjekt-Objekts. Das schaut vom Computertisch mit einem Ausdruck höchster Missbilligung auf den Hund herunter. Kein Gesicht haben, aber auf der Erde kriechen!

Bernd Kleinjohann ist der Einzige, der derzeit an Computern mit menschlichem Angesicht arbeitet. Zumindest in Europa. Und außerdem nur nebenbei. Denn wirklich projektreif ist das Subjekt-Objekt noch nicht. Die Museumsfrau bemerkt plötzlich ein Ibo-Erbteil an der "emotional machine". Die Ohren! Das sind ja Hundeohren. - Klar, erwidert gelassen der Subjekt-Objekt-Erfinder. Menschen drückten ihre Gefühle nur selten mit den Ohren aus. Sozusagen ein emotionaler Mangel.

Ein Mitarbeiter ruft herüber, wir sollten uns mal anschauen, was die "emotional machine" schon alles erkennen könne. Auf einem Bildschirm sehen wir größere und kleinere Flecken, das sind die Köpfe der Menschen im Zimmer. So identifiziert das Subjekt-Objekt also sein Gegenüber. Als Flecken. Aber wo unsere Augen sind, bemerkt es nur Leerstellen. Von wegen, schau mir in die Augen, Kleines! Es hat keinen Sinn, sich mit gefühlvollen Rechnern über die Liebe zu unterhalten. Überhaupt wird allen emotionalen Maschinen der Zukunft immer die wichtigste Voraussetzung fehlen, um zu fühlen wie wir. Die Endlichkeit. Das Sterben-Müssen. Wer hätte gedacht, dass unsere größte Unvollkommenheit einmal unsere größte Überlegenheit ausmachen würde?

Ein unüberhörbarer Krach kommt aus der Subjekt-Objekt-Ecke. Der Sony-Welpe hat sein Spiel mit dem knallrosa Ball intensiviert. Das Subjekt-Objekt befindet sich im emotionalen Zustand des Neides über so viel Beweglichkeit. Es ist ja nur ein Kopf. Später soll es auf einen fahrbaren Untersatz gesteckt werden. Den gibt es schon. Er heißt Pathfinder und war ein Hit von Siemens auf der letzten Cebit. Jeder kann ihn von zu Hause aus anklicken, durch die c-lab-Räume fahren lassen und sich durch das Kameraauge alles angucken. Irgendwann haben die c-lab-Mitarbeiter dann die Tür der Damentoilette Pathfinder-sicher gemacht. Aber Bundesinnenminister Schily fand ihn hässlich. Das hat er auf der letzten Cebit gesagt. Vielleicht ist deshalb der Plan entstanden, ihm anstelle des Kameraauges einen richtigen Kopf zu geben. Dann könnte der Minister viel emotionaler mit ihm kommunizieren.

Irgendwer hat Ibo ausgeschaltet. Er liegt in jämmerlich-verkrümmter Haltung neben dem Computerzeitschriften-Artikel "How to build robots that make friends and influence people" - "Wie man Roboter baut, die Freunde haben und Menschen beeinflussen". Der knallrosa Ball ist unter den Tisch gerollt. Auf dem Heinz-Nixdorf-Forum ist Kubricks Monolith noch immer nicht gelandet.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar