Zeitung Heute : Emotionales Aktionsfeuerwerk

REINHART BÜNGER

Emotionales AktionsfeuerwerkRTL-Chef Helmut Thoma setzt weiter auf den ständigen Wechsel von Brandstiftern und SanitäternVON REINHART BÜNGER

Die deutschen Fernsehsender werden zu bestimmten Jahreszeiten noch stärker als bisher dazu übergehen, mit Wiederholungen zu arbeiten: "Wir können uns das nicht mehr leisten, dauerhaft Originalprogramm zu senden", sagte RTL-Geschäftsführer Helmut Thoma am Sonnabend auf der Eröffnungspressekonferenz seines Senders auf der IFA.Vor der Produktion müsse überprüft werden, in welcher Jahreszeit mit welchen Einnahmen zu rechnen sei. Die weitere technische Entwicklung betrachte er unter dem Stichwort digitales Fernsehen mit großer Gelassenheit.Ein Fernsehbild bleibe ein Fernsehsehbild - "content is king und bleibt es auch".Pay-TV-Angebote würden ein Erfolg werden, so Thoma, wenn "ganz besondere Angebote" zu sehen sein würden.Doch schon im werbefinanzierten Fernsehen hätten es hochklassige Angebote schwer, noch Zuschauer zu finden."Man kann natürlich auch dem Fisch und dem Wurm noch eine Kamera umhängen", spielte Thoma unter dem Gelächter der Anwesenden und dem donnernden Applaus der RTL-Prominenten von Frank Elstner bis Hans Meiser auf Pay-TV-Angebote für kleinere Zielgruppen an. RTL werde Marktführer bleiben, erklärte Thoma."Wir machen jetzt eine Pause im Sommer, aus Kostengründen." RTL werde 1998 rund 1,1 Milliarden in das Programm investieren.In Deutschland gebe es zwei private Fernsehsender, die Geld verdienen, "und immer mehr, die keines verdienen".In wirtschaftlicher Hinsicht sehe er für RTL auch im nächsten Jahr keine Gefahr.Dieses Jahr werde das Unternehmen noch einmal mit einem Zuwachs abschließen.Mit deutlichen Worten kritisierte Thoma die "Fülle von Programmen, durch die sich öffentlich-rechtliche Sender inspirieren lassen".Die Konvergenz des dualen Systems präge sich immer stärker aus, "da wird abgekupfert, aber bei den Öffentlich-rechtlichen stinkt es nur vornehmer". Marc Conrad, Programmdirektor von RTL, kündigte ab Herbst ein weitgehend unverändertes Programmangebot am Tage an.Abends werden künftig folgende Schwerpunkte gesetzt: montags eigenproduzierte Serien, dienstags Krimiserien, mittwochs TV-Movies, donnerstags Ärzteserien, freitags Jugendprogramme.Die Programmangebote am Wochenende bleiben strukturell unverändert.RTL wird allerdings eine Game-Show einführen, in der als Hauptgewinn ein Eigenheim vergeben wird. Insgesamt setzt RTL weiterhin auf ein Action-Feuerwerk, "das bunteste Programm seit Erfindung der Bildröhre", wie es in einem Werbetrailer im RTL-Zelt hieß.Etliche Sanitäter, Gefängniswärter, Autofahrer, Helikopterpiloten, Selbstmörder und andere Psychopathen sollen das Programm weiterhin zum Erfolg tragen.Die zweite Programmsäule umschrieben die Werbestrategen des Privatsenders mit "Einschalten und ablachen".Das Programm des Privatsenders aus Köln besteht also weiterhin vor allem aus emotionalem Sperrfeuer.

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