Zeitung Heute : Empfänge beehren

Von Elisabeth Binder

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IMMER WIEDER SONNTAGS

Foto: Pavel Sticha

Was machen die Leute hier? Was suchen sie nur?? Frage einer Geistesgröße auf einem Empfang mit einer überdurchschnittlich hohen Quote von Geistesgrößen. Die beste Retourfrage wäre natürlich gewesen: „Was suchen Sie hier?“ Wobei man das „Sie“ hätte betonen müssen. Gut, die Canapés waren so erlesen wie die Getränke vorzüglich, und der hier versammelte durchschnittliche Intelligenzquotient marschierte auch flott auf die 150 zu. Es wurde jedenfalls deutlich geistreicher geplaudert als auf den üblichen Stehfeten; es gab auch keine nervige Musik, und es war nicht mal zu sehr gequetscht.

Andererseits: Wer nicht aus Geldmangel allabendlich mit knurrendem Magen ins Bett gehen muss, wäre ja auf GratisGetränke und Häppchen um des Überlebens willen nicht angewiesen. Ein guter und vertrauter Freundeskreis, so vorhanden, bringt Gelegenheit zu sehr viel intensiveren Gesprächen als sie noch auf dem anspruchsvollsten Empfang denkbar sind. Frauen setzen sich manchmal dem Verdacht aus, dass sie einfach nur ihre schönen Klamotten ausführen und – wenn möglich – bewundern lassen wollen. Als wenn das nicht ein durchaus legitimer Impuls wäre in einer Welt, in der auch viele gebildete Menschen fünf berühmte Models eher nennen können als fünf berühmte Pianisten. Aber in dieser Liga von Empfang schien auch das nicht so recht denkbar, obwohl die Klamotten klasse waren.

Was ist es also dann? Wurden „Stehen“ oder „Wandeln“ kürzlich zum Sport ausgerufen? Dann könnte man den Besuch eines solchen Ereignisses im Hinblick auf die darein investierte Zeit also dahingehend abschreiben, dass man was für seine Gesundheit getan hat?

Ich glaube, dass es etwas viel Besseres ist, was die Leute zu Empfängen treibt: eine unverwüstliche Optimismus-Reserve, sprudelnd noch in einem Alter, in dem man Optimismus normalerweise abgelegt hat. Denkt man als Teenager beim Blick in den Briefkasten zuallererst daran, dass der neue Freund die versprochene CD geschickt haben könnte, weiß man’s als Erwachsener besser. Es wird bestenfalls die Kreditkartenrechnung drin sein, wahrscheinlich aber das Ergebnis jenes Blitzes, der einen mit Tempo 45 in der 30er-Zone erwischt hat. Freut man sich als junger Mensch beim Klingeln des Telefons auf eine schöne Verabredung, hofft man später im Leben zuerst, dass da nichts Schreckliches rüberkommt.

Nur bei Empfängen ist das anders, jedenfalls bei solchen mit bekannt kultivierten Gastgebern. Die sind immer noch gut für die Hoffnung auf erfreuliche Begegnungen mit netten Menschen, auf das belebende Element einer auch in ihrer Kürze klugen oder geistreichen Konversationen. Da hat das Neue nichts Bedrohliches, sondern etwas potenziell Erfreuliches. Sicher, manche betrachten so etwas als Arbeit, als Netzwerkpflege, aber das muss nicht immer im Vordergrund stehen. Je kultivierter das Publikum, desto wahrscheinlicher die reine Freude. Kurz: Empfänge erreichen unter Umständen die Wiederbelebung des Kindlichen selbst in sehr honorigen Würdenträgern. Kulturvolle Empfänge mögen nicht immer sonntags stattfinden, aber gerade wegen dieser Eigenschaft haftet ihnen ein zutiefst sonntäglicher Charme an.

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