Zeitung Heute : Ende der Herrschaft der Nummernkonten?

WOLFGANG KUNATH[KINSHASA]

Der neue starke Mann in Zaire, Laurent Kabila, hat eine gesellschaftliche Vision, die da lautet: Gemeinwohl und gute HerrschaftVON WOLFGANG KUNATH, KINSHASAAls Marschall Mobutu im vergangenen Dezember nach einer monatelangen Europa-Reise wieder in Kinshasa ankam, standen Zehntausende am Straßenrand und jubelten ihm zu; jetzt aber behaupten die Zairer plötzlich, sie seien befreit worden.Natürlich gibt es in Phasen radikalen Umbruchs immer und überall welche, die in verdächtig hohem Tempo die Seiten wechseln.Aber viele fühlen sich tatsächlich befreit.Mitunter bedient sich die Geschichte bestimmter Zeitgenossen, die der Mehrheit das Naheliegende erst denkbar und wünschbar machen.Wer hätte es denn vor dem unglaublichen Siegeszug von Laurent Kabila und seinen Rebellentruppen für möglich gehalten, daß das ewige Regime des Marschalls so geräuschlos fallen könnte.Aber was heißt das für Zaires Befreiung? Die Wirtschaft eines der potentiell reichsten Länder des Kontinents ist weitgehend zerstört.Selbst in die eigentlich überaus lukrativen Bergwerke müssen Milliarden gesteckt werden.Zaire wird viel Glück und noch mehr Geschick brauchen, um wieder auf die Beine zu kommen. Doch was wird aus einer Gesellschaft, die von der Raffgier und dem Egoismus eines Herrschaftssystems deformiert ist, das die Skrupellosigkeit zur ethischen Devise und das Recht des Stärkeren zum Gesetz gemacht hat? Natürlich war es unmoralisch, daß der Westen dem absurden Marschall so lange die Stange gehalten hat, nur weil man sein Land als Rohstoffquelle und als sogenanntes Bollwerk gegen die geopolitischen Winkelzüge Moskaus zu brauchen meinte.Die westlichen Industrienationen verstehen sich - jedenfalls behaupten das ihre Staatsmänner gerne in ihren Sonntagsreden - auch als Wertegemeinschaft, womit ja wohl eher Moralisches als Materielles gemeint ist.Und wenn die internationalen Beziehungen mehr sein sollen als nur ein krass auf den eigenen Vorteil ausgerichteter Abgleich der Interessen, dann wird man um ein Minimum an Moral nicht herumkommen, dann muß man sich eben von finsteren Figuren wie Mobutu fernhalten, so nützlich sie bisweilen auch sein mögen. Nach dem Absterben des Kommunismus braucht man natürlich auch keine Bollwerke mehr gegen ihn, und deshalb wurde mancher fallengelassen, der früher gehalten worden wäre.Mobutu hat es am eigenen Leibe erfahren.Aber da gehorcht die Anwendung der Moral natürlich nur der politischen Konjunktur.Das außenpolitische Prinzip, um der eigenen Interessen willen über die Schurkereien dieses oder jenes Regimes hinwegzuschauen, ist dadurch noch nicht abgeschafft, und die Aussicht, ein Stahlwerk oder eine Schnellbahn verkaufen zu können, vermag den moralischen Impetus von Außenpolitik erfahrungsgemäß schnell unter die Grenze der Wahrnehmbarkeit zu drosseln. Und Kabila - wird er ein neuer Diktator werden, ein zweiter Mobutu, wie mancher schon fürchtet? Vermutlich nicht.Der selbsternannte Staatschef des neubenannten Kongo dürfte sich eher dem Lager jener Regenten in Afrika anschließen, die ein neues Herrschaftsmodell repräsentieren: Museveni in Uganda, Zenawi in Äthiopien, Afeworki in Eritrea, Rawlings in Ghana.Demokraten westlichen Zuschnitts sind sie allesamt nicht, ein gewisses Maß an autoritärem Gehabe ist ihnen und der Art, die Staatsgeschäfte zu führen, zu eigen.Aber sie haben wiederum alle den Willen, ihr Land zu entwickeln und eine liberale Wirtschaftspolitik zu betreiben, solange die nur Erfolg verspricht.Dahinter steht eine gesellschaftliche Vision, ein Ideal von Entwicklung, Gemeinwohl und guter Herrschaft.Und das unterscheidet sich wohltuend von der in Afrika weitverbreiteten Ansicht, die Führung der Staatsgeschäfte diene zu allererst dazu, die Schweizer Nummernkonten der Amtsträger zu füllen.Mobutu verkörperte diese Devise wie kein anderer.Für Kabila und seine Leute bedeutet das zunächst, daß sie den Staat überhaupt wieder zum Funktionieren bringen müssen.Wenn die Lehrer mal wieder bezahlt, die Straßen repariert, die Arztbesuche erschwinglich werden, wenn die Inflation gestoppt ist und Aussicht auf Wirtschaftsaufschwung und Arbeitsplätze besteht, dann hat Kabila schon halb gewonnen.Und wenn die Obrigkeit des neuen Kongo die Menschen nicht traktiert und nicht entmutigt, dann werden die neuen Kongolesen Kabila lieben, egal ob er morgen Wahlen ansetzt oder nie.

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