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Ältere Menschen fahren gern weg. Aber sie sind anspruchsvoll. Reiseveranstalter sind gefordert – und brauchen neue Konzepte

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Karibik zum Verlieben – auf den Kleinen Antillen. Wer am feinen Sandstrand der Cockleshell Bay auf Saint Kitts sitzt, hat einen herrlichen Blick auf die Vulkaninsel Nevis. Vielleicht muss man erst ein wenig älter geworden sein, um solche Aussichten in ihrer ganzen Schönheit zu genießen. Foto: picture-alliance/ Bildagentur Huber
Karibik zum Verlieben – auf den Kleinen Antillen. Wer am feinen Sandstrand der Cockleshell Bay auf Saint Kitts sitzt, hat einen...Foto: picture-alliance / Bildagentur H

Die Deutschen werden immer älter – und immer fitter. 70-Jährige ziehen in aller Frühe ihre Bahnen im Schwimmbad, sie sind Mitglied im Sportstudio, sie strampeln auf Fernradwegen, und im Gebirge wandern sie den Jungen voraus. Solche Menschen buchen keinen Seniorenurlaub. „Vor ein paar Jahren haben wir das mal angeboten, aber es war ein Megaflop“, sagt Antje Günther von Dertour. Niemand sähe sich gern als „Senior“ abgestempelt und wolle erst recht nicht zu einer Gruppe gehören, in der es nur alte Menschen gibt. Auch andere Reiseveranstalter haben diese Erfahrung gemacht. Gibt man etwa auf der Internetseite von Tui den Suchbegriff „Seniorenreisen“ ein, bekommt man „kein Ergebnis“. Andere, netter klingende Begriffe wie „Best Ager“, Silver Surfer“ oder „60plus“ werden seit einiger Zeit bemüht. Genützt hat es wenig. Ältere Reisende wollen sich nicht auf so simple Art vereinnahmen lassen.

Aber wie wollen sie denn reisen? Diese Frage zu beantworten, wird für die Reisebranche immer wichtiger. Laut Analyse der Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen (FUR) in Kiel stellen Menschen über 60 Jahre heute ein Drittel der deutschen Urlauber. Die Urlaubsreiseintensität (Anteil der Bevölkerung, der mindestens eine Urlaubsreise pro Jahr unternimmt) liegt bei über 60 Prozent. Aber Personen im Rentenalter sind keine homogene Gruppe. „Da gibt es Menschen, die in den USA vom Atlantik zum Pazifik reisen wollen, sich das mit dem Mietwagen aber nicht mehr zutrauen. Die buchen die Tour dann eben mit dem Bus“, sagt Antje Günther. Aber es gebe auch genau das Gegenteil. „Ältere, die jetzt, mit mehr Zeit als früher, den Mietwagen vorziehen, weil man dann Reisetempo und Pausen selbst bestimmen kann.“

Auch bei FTI fehlen ausgewiesene Seniorenreisen. Allerdings findet man Angebote, die deutlich auf eine ältere Klientel zielen. Darunter fällt zum Beispiel eine Komfortrundreise durch die USA. „Da sind die Tagesetappen kürzer, man bleibt auch mal zwei Nächte in einem Hotel und hat als Zugabe vielleicht noch eine Massage“, sagt Sprecherin Petra Hartmann. Bei der FTI-Tochter LAL-Sprachreisen gibt es Angebote, bei denen das Durchschnittsalter der Teilnehmer mit 55 angegeben wird. „Die Kurse sind so konzipiert, dass man auch mitkommt, wenn man etwas langsamer lernt“, erklärt Petra Hartmann.

Im Großen und Ganzen gilt: Bei der Fülle der Veranstalterangebote kann jeder das für sich passende aussuchen. Wer einen ruhigen Urlaub verbringen möchte, der sollte zum Beispiel kein „kinderfreundliches“ Hotel buchen. Und ein Club mit schrillem Animationsprogramm dürfte auch nicht das Richtige sein. Eher passend erscheint ein Kur- oder Wellnessurlaub. Veranstalter von Gesundheitsreisen dürften zu den Gewinnern der Branche gehören. „Bereits jetzt sind die meisten unserer Gäste über vierzig“, sagt Claudia Wagner, Geschäftsführerin bei FIT Reisen. Zwar wird auch jungen Menschen heutzutage gepredigt, möglichen späteren Gebrechen durch Bewegungsprogramme vorzubeugen. „Aber im Grunde tut doch jeder erst dann etwas, wenn es schon zwickt“, ist Claudia Wagner überzeugt. Und dann interessierten sich die Menschen weniger für einen Strandurlaub auf Mallorca als für eine Badekur in Tschechien.

Eins wissen Veranstalter genau: Die Älteren sind anspruchsvoll. Sie wollen Qualität – und geben dafür auch mehr Geld aus. In vielen Hotels achtet man inzwischen auf die besonderen Bedürfnisse. „Ältere möchten Aufmerksamkeit“, sagt Claudia Wagner. Auf die „richtige Begrüßung“ komme es an und zum Beispiel darauf, dass man das Dinner nicht vom Buffet holen muss, sondern am Tisch als Menü serviert bekommt. Ein Golfplatz in der Nähe sei praktisch, unterschiedliche Sportprogramme und vielleicht auch die Möglichkeit, einen Personal Trainer zu buchen.

Noch haben viele Senioren offenbar genug Geld zum Ausgeben. Eine aktuelle Untersuchung des Marktforschungsinstituts GfK ergab: Der Anteil der über 60-Jährigen stellt bereits jetzt knapp 30 Prozent der Kaufkraft in Deutschland. Die Devise dieser Menschen sei: „Das Leben genießen.“ Das aber geht auch auf einer Studienreise, in der neben vielen Besichtigungen noch Zeit für Erholung bleibt.

Die Veranstalter analysieren genau, was ihre älter werdenden Kunden wünschen. So gibt es bei Tui den „Club „Elan“, bei dem Senioren am Mittelmeer mehrere Wochen überwintern können. Unter der Marke „Club Vital“ bietet Neckermann ähnliches an. Doch auch hier wächst Konkurrenz im eigenständigen Verhalten der Kunden. Sie werden immer selbstständiger. So schreibt etwa Helga (60) im Internetforum www.sonneninsel-teneriffa.de/senioren: „Würde gerne nette Leute kennen lernen, die auch viel Zeit in der Sonne verbringen wollen. Ich lerne seit einiger Zeit Spanisch und möchte das gern weiter vor Ort machen, außerdem habe ich mit dem Golfen angefangen...“ Und Karin (66): „Ich möchte auch einmal im Winter nach Puerto. Kann mir jemand was empfehlen? War schon im Hotel dort, aber anders zu wohnen wäre ja auch vielleicht mal ganz nett...“

Helga oder Karin kämen wohl kaum auf die Idee, eine Bustour buchen. Doch viele Altersgenossen sehen darin eine geeignete Reiseform. FUR fand jetzt heraus, dass 8,4 Millionen Deutsche über 14 Jahren in den vergangenen drei Jahren eine Busreise unternommen haben, fast doppelt so viele können sich eine solche Tour in den nächsten drei Jahren vorstellen. „Ein wachsendes Potenzial“, prognostiziert die Forschungsgemeinschaft. Bereits jetzt sind 63 Prozent der Busreisenden älter als 60 Jahre.

Und welche Ziele steuern Menschen dieser Altersgruppe an? Der Deutsche Reiseverband glaubt, dass es der älteren Generation gerade „deutsche Ziele angetan haben“. Sie reisten bevorzugt an die Nord- und Ostseeküste und ins bayerische Alpenland sowie in mitteldeutsche Gegenden. Kreuzfahrten, als bequeme Art des Unterwegsseins, boomen. Besonders bei Flussreisen ist der Anteil der Passagiere über 70 Jahren hoch. Aber, so ergaben Untersuchungen von Tui, unter den Älteren gibt es auch die sogenannten Happy-Ender, die sich noch einmal in der Welt umsehen wollen. Wenn Fernreisen „beschwerdefrei“ konzipiert werden, dürften sie viele Kunden finden.

„Seniorenreisen“ wandeln sich. Die Alten von morgen werden anders sein als jene von heute. Bei Tui macht man sich schon Gedanken über die „Generation Crisis“, die Jahrgänge 1955 bis 1965. Sie repräsentierten die „Desillusionierten“, zu denen mutmaßlich Manager gehören. Was tun sie im Rentenalter? Gespannt sein darf man auch, wie sich die „Generation Gorby“ verhält, die zwischen 1965 und 1975 geboren sind. Bei Tui klassifiziert man sie als „stoisch und selbstbezogen“. Ob sie deshalb zu den Sturköpfen an den deutschen Küsten fahren, ins All-inclusive-Resort nach Mallorca oder zum Karneval nach Brasilien,kann noch nicht beantwortet werden. Eins aber ist wohl sicher: Zu Hause bleiben werden die Deutschen nicht.

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