Endphase der Bewerbung : Warum Berlin Olympia nötiger braucht als Hamburg

Die Chancen einer Olympiabewerbung Berlins sind größer als die Risiken. Doch sie liegen verschüttet unter einem Haufen an Fehlurteilen. Ein Kommentar.

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Muss nicht erst gebaut werden. Berlin verfügt schon über eine Olympia-Infrastruktur.
Muss nicht erst gebaut werden. Berlin verfügt schon über eine Olympia-Infrastruktur.Foto: dpa

Kann Berlin sich fast aus dem Stand heraus begeistern lassen? Sich langsam warmzumachen für Olympia reicht jedenfalls nicht mehr. Nur noch drei Wochen bleiben, um in der Stadt ein gutes Grundgefühl für eine Bewerbung zu erzeugen. In der letzten Februarwoche wird die Stimmung abgefragt. Ohne klare Mehrheit in der Bevölkerung hat sich das Thema Olympia in Berlin erledigt. Auf Jahrzehnte hinaus. Es wäre ein Sieg des Denkens in Risiken.

Die Chancen der Berliner Olympiabewerbung liegen gerade verschüttet unter einem Haufen an verständlichen Vorbehalten, aber leider auch fatalen Fehleinschätzungen. Die größte davon ist, dass jeder Euro, der für Olympia ausgegeben würde, automatisch in Schulen und Kindergärten fehlt. Als ob es nur einen einzigen Geldtopf gäbe, der entweder nach links oder nach rechts geschoben wird. Dieses Missverständnis prägt derzeit die ganze Debatte.

Wenn Berlin die Spiele 2024 oder 2028 nicht haben will, ist dadurch nichts für Schulen und Kindergärten gewonnen. Der Zuschlag für die Spiele eröffnet dagegen ganz neue Möglichkeiten. Das oft zu Recht kritisierte Internationale Olympische Komitee gibt Rio de Janeiro, dem nächsten Ausrichter, 1,5 Milliarden Dollar dazu. London hat 2012 mit dem Geld vom IOC sowie dem Verkauf von Eintrittskarten und Werberechten einen operativen Gewinn erzielt. Teuer wurden die Spiele vor allem deshalb, weil London einen ganzen Stadtteil umgestaltet hat.

Die guten Beispiele scheinen dennoch gerade hinter den schlechten zu verblassen, hinter Peking und Sotschi und der Fußball-WM in Katar. Berlin muss für die Spiele aber keine Bergregion mit Auto- und Eisenbahnen erschließen wie zuletzt Sotschi. Es muss noch nicht mal ein Olympiastadion bauen. Berlin kann sich in dieser Bewerbung von Anfang an damit befassen, wie es die Spiele für seine Entwicklung nutzen will.

Olympia erleichtert Investitionen in den Breitensport

Da bietet Olympia weite Perspektiven. Das olympische Dorf schafft neue Wohnungen. Die Spiele verbessern die Infrastruktur des Sports. Es ist ebenfalls ein Irrglaube, dass Olympia ein abgehobenes Kräftemessen gedopter Profisportler sei. Ausrichter der Spiele zu sein, erleichtert Investitionen in den Breitensport. Auch in einige Schulturnhallen, die nichts mit den Spielen zu tun haben werden. Und nicht zu vergessen die Paralympics. Mit ihnen kann die Stadt sich mehr Barrierefreiheit erarbeiten, Bedingungen für Menschen mit Behinderung verbessern.

Im Duell mit dem deutschen Mitbewerber Hamburg liegt Berlin jedoch kurz vor Spielschluss hinten. Weil die Hamburger Bevölkerung die Spiele sportlicher nimmt. Die Elbphilharmonie eben nicht als Gegenargument ins Feld wirft so wie es in Berlin ständig mit dem Flughafen passiert. Aber will die Stadt weiter alle aufwendigen Projekte von sich schieben mit dem Hinweis, man müsse doch erst mal den BER fertigstellen? Das kommt einem Verbot gleich, groß zu denken und zu planen. Kann die Stadt es sich wirklich leisten, ihre Zukunft von einer Entrauchungsanlage abhängig zu machen?

Die Skepsis gegen die Olympiabewerbung spiegelt auch ein fehlendes Zutrauen in die Berliner Politik. Die Schwäche der Stadtregierung eröffnet aber andererseits der Gesellschaft und engagierten Unternehmern mehr Gestaltungsräume in dieser Bewerbung. Und warum sich einer Chance berauben wegen Politikern, die bei der Eröffnungsfeier längst nicht mehr im Amt sein werden?

Der schwierige Sprung über den eigenen Schatten

Berlin hätte die Spiele nötiger als Hamburg, weil seine Wirtschaftskraft nicht mit der Hamburgs mithalten kann. Weil Berlin eher von Geschichten lebt. Olympia wäre eine neue Erzählung, eine junge und lebendige und dazu ein Aufbruch mit einem verbindenden Thema, weil Freude an Bewegung für die gesamte Gesellschaft von Bedeutung ist. Die Stadt kann ein großes Wettkampfziel bestens gebrauchen. Ein solches Ziel, das wissen Sportler, kann ungeahnte Kräfte freisetzen und dabei helfen, sich selbst zu übertreffen.

Die schwierigste sportliche Übung für Berlin ist gerade der Sprung über den eigenen Schatten.

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