Zeitung Heute : Endstation: Gelobtes Land

NICOLA KUHN

Die Ausstellung "EXIL" in Berlins Neuer NationalgalerieVON NICOLA KUHNDie Szene hätte überall angesiedelt sein können: im Kopf oder in der Wirklichkeit.Als Max Beckmann 1938 im holländischen Exil "Die Hölle der Vögel" malte, gab er den Betrachtern nur einen kleinen Hinweis, wo sich diese Hölle befand, wer ihre Folterer sind: Sie haben den Arm zum Hitlergruß erhoben. Den Künstler selbst als ihr Opfer sehen zu wollen, ist schon zuviel gedeutet.Beckmann gehört zu den wenigen Malern, die nicht vordergründig auf die Verfolgung reagierten, sich stattdessen tiefer in ihre Welt der mythologischen Verschlüsselungen versenkten.Mit dieser Haltung überstand er künstlerisch den Krieg und konnte 1947 in den USA tatsächlich einen Neubeginn starten: das Leben, die Üppigkeit kehrten zurück in seine Bilder, auch wenn dahinter noch immer das Unheil lauerte. Max Beckmann bleibt der Ausnahmekünstler, auch in der Ausstellung "EXIL, Flucht und Emigration europäischer Künstler 1933-1945", die das Schicksal von 23 prominenten Malern, Bildhauern, Architekten, Fotografen, Kunsthistorikern untersucht und dem Einfluß der lebensbedrohlichen Situation im Dritten Reich auf ihr Werk nachgeht.Damit gibt das Los Angeles County Museum of Art zum zweiten Mal ein Gastspiel in Berlin und erteilt eine weitere Lehrstunde in Sachen Kunst und Kultur während des Nationalsozialismus.Vor fünf Jahren präsentierte Stephanie Barron, Chefkuratorin des Hauses, im Alten Museum eine Rekonstruktion der von den Nazis 1937 organisierten Ausstellung "Entartete Kunst".Nun haben sie und ihre Assistentin Sabine Eckmann mit über 130 Werken in der Neuen Nationalgalerie Gastrecht gefunden: Auch diesmal zeigt die Expressionismus-Expertin keine reine Kunstausstellung.Sie fügt die Arbeiten mit Hilfe von Briefen, Zeitschriftenartikeln, Fotografien, amtlichen Dokumenten, Katalogaufsätzen und Filmausschnitten in ein Beziehungsgeflecht - eine sozial-historische Sicht auf die Kunst. Eine Reihe neuer Erkenntnisse, die in Zeiten unliebsamer Enthüllungen auch für einstige Nachbarländer Nazi-Deutschlands allerdings kaum überraschen, hält die Ausstellung bereit.In den USA sorgte sie für Aufsehen durch die konsequente Beleuchtung der restriktiven Einwanderungsbedingungen, die offene Ablehnung der Amerikaner gegenüber den Emigranten.Zu den beeindruckendsten Dokumenten gehört hier wohl das entsprechende Memorandum des Außenministeriums von 1940 und jenes in der Zeitschrift "Fortune" abgedruckte Umfrageergebnis von 1939, nach dem 83 Prozent der Amerikaner sich gegen die Aufnahme weiterer Flüchtlinge aussprachen.Der Mythos vom toleranten melting pot USA hat einmal mehr an Strahlkraft verloren; die Frage nach den heutigen Bedingungen für Menschen auf der Flucht stellt sich vor diesem Hintergrund von selbst. Überraschender für ein deutsches Publikum wirkt die differenzierte Darstellung der Künstler im Exil: Sie erscheinen nicht länger reduziert auf die Opferrolle, sondern je nach Temperament als politisch handelnde Menschen, die sich mit den ihnen eigenen Fähigkeiten zu wehren suchten.Durch Verbreitung von Cartoons, Karikaturen, Fotocollagen in eigens gegründeten Zeitschriften, durch Ausstellungen suchten sie auf die Situation in Deutschland aufmerksam zu machen, durch den Verkauf von gemeinsamen Grafik-Editionen sich ein Einkommen zu sichern.Zum ersten Mal sind Abzüge der kürzlich in den USA aufgetauchten Fotografien von Josef Breitenbach zu sehen, der von Künstlern im Londoner und Pariser Exil gestaltete Wandtafeln fotografiert hatte, mit denen sie sich um politische Aufklärung bemühten.In Amerika hingegen ließ das öffentliche Engagement aus Angst vor Ausweisung schnell nach; seit 1941 wurden Emigranten zu enemy aliens erklärt. Über die Stationen London, Amsterdam, Paris wendet sich die Ausstellung ihrem Schwerpunkt New York, den Vereinigten Staaten, zu.Wie eine kleine Wegmarke wirkt da Kurt Schwitters wundersam erhalten gebliebene Collage "Das kleine Blumenbild", die er 1941 während seiner Internierung im südfranzösischen Lager Les Milles aus Abfall schuf.Wenige Vitrinen weiter findet sich ein schwungvoll mit violetter Tinte unterzeichneter Brief von Helena Rubinstein, die beim privat organisierten Emergency Rescue Cometee um Verständnis darum bittet, daß sie nur die Überfahrt von Marc Chagall und seiner Frau, nicht aber für Tochter und Schwiegersohn bezahlen könne.Gewiß, vor allem die prominenten Maler, die namhaften Architekten, die Talentierten waren in den USA willkommen.Aber Varian Fry, der vom Emergency Rescue Cometee mit einer Liste 200 ausgewählter Namen nach Frankreich geschickt worden war, schleuste bis zu seiner Ausweisung 1941 die zehnfache Zahl in die Vereinigten Staaten. So kann es passieren, daß der Besucher mehr über die Vitrinen mit geheimen Namenslisten, inoffiziellen Ausstellungseinladungen, Fotografien damaliger Zusammenkünfte gebeugt steht, als sich von den Gemälden faszinieren zu lassen.Kunstwerke und Dokumente stehen gleichgewichtig nebeneinander, ergänzt um ein Modell vom letzten Atelier Piet Mondrians, der sich von den Hochhausschluchten New Yorks, der Jazz-Musik aus den Clubs inspiriert, durch die neue Situation vor allem animiert fühlte.Ähnlich mag es sich für den Österreicher Frederik Kiesler verhalten haben, der 1942 in Peggy Guggenheims Galerie seine surrealistische Ausstellungsarchitektur realisieren durfte.Auch sie ist als Modell nachgebaut inklusive des Lokomotivgetöses, das Kiesler regelmäßig in diesem schlauchartigen Raum ertönen ließ.All das fügte der amerikanische (Ausstellungs-)Architekt Frank Gehry in einen düsteren Rahmen.Die Stellwände ließ er in tristem Grau streichen, die Deckenzone mit schwarzem Tuch verhängen - die obere Halle des Mies van der Rohe-Baus hat ihren lichten Charakter vollkommen gewandelt. Wie ein Aufschrei ragt dennoch Marc Chagalls "Gelbe Kreuzigung" (1940) heraus, mit der er die Leiden seines Volkes anklagt.Enchaurren Mattas grell orangefarbiges Gemälde "Eine ernsthafte Situation" von 1946, in dem das Trauma der Verfolgung ausdrückt, springt den Betrachter förmlich an.Unberührt von solchen Ängsten scheint das Werk der Bauhaus-Architekten Gropius, van der Rohe und Breuer, die mit Architekturmodellen vertreten sind.Auch mit diesem Mythos räumt die "EXIL"-Ausstellung auf: daß die Bauhaus-Ideen in den technikbegeisterten USA ihre eigentliche Erfüllung fanden, daß diese spröden Avantgardisten und Amerika füreinander geschaffen waren.Gezwungenermaßen hatten sich die Bauhäusler auf die Bedingungen des Gastlandes , in der Zusammenarbeit mit der Industrie auf Kompromisse eingestellt."Die provokative Aussage moderner Kunst wird beständig durch Scheckhefte und Cocktailparties annulliert.Befinde ich mich auf demselben Weg?" fragte Lazlo Moholy-Nagy in einem Brief.Nur in seiner Malerei konnte sich der Direktor der Chicagoer School of Design dem neuen Pragmatismus entziehen. So unterschiedlich die nachgezeichneten Positionen sind - von einem Fernand Léger, der durch den erzwungenen Standortwechsel wichtige Anregungen erhielt, bis zu Beckmann, der die USA nach dem Krieg als neue Heimat erkor - , nachdrücklich in Erinnerung bleiben jene Maler, denen das Exil zwar Rettung bedeutete, aber künstlerisch den Einbruch brachte.So entläßt die Nationalgalerie den Besucher mit Gemälden von Lyonel Feininger, dem gebürtigen Amerikaner, der sich nach über fünf Jahrzehnten in Deutschland nun entwurzelt fühlte und nie mehr zu den lumineszenten Kompositionen fand, und von George Grosz, dem Amerika-Fan mit Bowlerhat und Stock in den Zwanzigern, der als Emigrant im Gelobten Land zerbrach.Die Ausstellung zeigt von dem einst so packenden Maler und ätzend scharfen Zeichner späte Werke der Verzweiflung: die in modriger Auflösung begriffene Figur eines "Überlebenden" (1944) oder den mit Heerscharen von Leichen konfrontierte "Kain oder Hitler in der Hölle" (1945). Neue Nationalgalerie, Potsdamer Str.50, bis 4.Januar; Katalog (Prestel) 58 DM.

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