Zeitung Heute : Endstation Kaserne: Division der Armen

Elke Windisch

Durch die undichten Fenster pfeift eisiger Wind, das Parkett aus Kiefernholz wellt sich bedenklich unter vom Rost zerfressenen Heizkörpern, die nie Farbe sahen. Die Tapeten hängen in Fetzen von den Wänden, weil ständig feuchte Wäsche auf der Leine hängt. Die Einrichtung ist spartanisch: ein wackliger Küchentisch, vier Hocker, zwei Doppelstockbetten und ein Schrank. Viel mehr würde sowieso nicht hineinpassen in das Zimmer, das 19 Quadratmeter misst. Hier, im Südosten Moskaus, mit dem Auto zwanzig Minuten von den Glitzerfassaden im Zentrum der Boomtown Moskau entfernt, hausen Wladimir Pliss, seine Frau Irina, die in der Bruchbude sogar ihre Doktorarbeit geschrieben hat, und die beiden Söhne: Slawa, 11, und Sascha, 9.

Küche und Gemeinschaftswaschräume müssen sich die Pliss mit mehr als hundert anderen Familien teilen. Warmes Wasser gibt es seit Jahren nicht mehr, kaltes auch nicht immer. Oberstleutnant Pliss ist Regimentsstabschef und befürchtet, dass die ehemalige Kaserne für ihn und seine Familie Endstation ist. "Danach kommt nur noch der Friedhof", sagt Pliss, der mit seinen 39 Jahren nach der mittleren Lebenserwartung noch 25 Jahre vor sich hat. Sollte er vorher sterben, ihm ist es egal: "Wir sind hier lebendig begraben."

Das Schicksal teilt er mit jedem achten russischen Soldaten. In der Armee dienen rund 350 000 Offiziere ohne eigene Wohnung, ein Kontingent, aus dem sich 23 Divisionen aufstellen ließen. Viele vegetieren schon mehr als zwanzig Jahre in heruntergekommenen Kasernen oder Wohnheimen.

Zu ihnen gehören auch Sergej und Oxana Cholodow, die Nachbarn der Pliss. Bei ihnen ist es noch enger, denn in das Zimmer muss noch ein Klavier. Oxana unterrichtet an einer Musikschule; eigentlich ist sie Pianistin. Doch sie hatte selten Engagements, weil Sergej immer wieder von einer Garnison in die andere versetzt wurde, die meisten davon Tausende Kilometer von Moskau entfernt, und so hat sie jetzt schon bei mäßig schweren Stücken Herzrasen.

Oxana und Sergej bringen zusammen 2450 Rubel monatlich nach Hause. Auf dem freien Markt kosten in Moskau selbst Absteigen, die kaum besser sind als die Kaserne, das Doppelte an Miete. "Mein Serjoscha", sagt Oxana mit immer noch verliebtem Augenaufschlag, "hat goldene Hände. Wenn wir eine Wohnung hätten, der würde alles allein machen." Haben sie aber nicht, und so kann Sergej seine handwerkliche Begabung nur an den Stromleitungen unter Beweis stellen, die ständig geflickt werden müssen. Und an einem Stall für Tusik. Wenigstens ihr Meerschweinchen, sagt Tochter Albina, 13, lebe jetzt "wie ein richtiger Mensch".

"Glück", sagt Mutter Oxana und dehnt die Buchstaben, "Glück wiegt manchmal weniger als ein Gramm." Für sie ist es gleichbedeutend mit einem Prikas - einem Blatt Papier von der Größe einer Seite aus dem Schulheft von Albina. Mit dem Doppeladler gestempelt und nur einem Satz darauf: "Die Hauptabteilung Wohnungswirtschaft im Verteidigungsministerium der Russischen Föderation weist Oberstleutnant Cholodow, Sergej Dmitrijewitsch eine Wohnung zu."

Irgendwann, das weiß Oxana aus den Seifenopern im Fernsehen, siegt das Gute immer. Albina ist weniger optimistisch und will dem Guten später als Anwältin auf die Sprünge helfen. "Wenn Papa in fünf Jahren in den Ruhestand versetzt wird", sagt sie siegessicher, "müssen sie uns diesen Prikas einfach geben. So steht es im Gesetz."

11 000 Offiziere sind allein in der Baltischen Flotte ohne Wohnung und hausen mitsamt Familien auf Schiffen. Und in Rostow am Don, wo der Stab des Nordkaukasischen Militärbezirks sitzt, kämpfen 6000 Offiziere einen Zweifrontenkrieg - gegen die Tschetschenen und gegen korrupte Vorgesetzte. Mit deutschen Steuergeldern, insgesamt 8,35 Milliarden Mark, sollten bis Ende 1995 über 46 000 Wohnungen für russische Militärangehörige entstehen. So sieht es der Vertrag vor, den die Kohl-Regierung mit Boris Jelzin zum schnellen Abzug der russischen Truppen aus Deutschland abschloss. Dessen Erfüllung hat offenbar keiner kontrolliert. Die Erlöse der kriminellen Energie flossen nicht etwa, wie im Vertrag vorgesehen, an das Verteidigungsministerium, sondern in die Privatschatullen der Generäle, die sich Villen bauen ließen, einige davon mit klimatisierten Hundehütten.

Der Journalist Alexander Tolmatschow hat den Skandal schon vor zwei Jahren aufgedeckt. Doch die danach eröffneten Verfahren wurden eingestellt, wegen "mangelnder Indizien". Das ist höchst merkwürdig, denn kein General geht mit mehr als 4000 Rubel Sold monatlich nach Hause; das sind 140 Dollar. Tolmatschow selbst sollte mit größeren Summen ruhiggestellt werden. Als das nicht half, wurde er bedroht und sogar tätlich angegriffen. Die letzte Attacke überstand er nur dank seiner Dienstwaffe. Jetzt will er eine "Partei der wohnungslosen Offiziere" gründen.

Die hätte gute Aussichten, in wenigen Wochen mehr Mitglieder zu haben als die KP, die bisher Russlands einzige Massenpartei ist, meint der Offizier Sergej Gorjatschew, der bei Tolmatschow schon mal ein paar Dutzend Aufnahmeanträge bestellt hat. Nastja, Gorjatschews elf Monate alte Tochter, lernt in einem Zimmer von neun Quadratmetern laufen. Dazu muss allerdings der Tisch auf die hochgeklappte Couch gestellt werden. Ein problematisches Unterfangen: Tagsüber liegt dort fast die gesamte Habe de Familie, weil nicht mal Platz für einen Schrank ist. Dabei ist Gorjatschew "Held Russlands" und hätte daher Anspruch auf bevorzugte Behandlung. Als er sein Recht einklagen wollte, belehrten Vorgesetzte ihn, es gebe dringendere Fälle. Das Gesetz schreibt vor, dass zuerst Familien versorgt werden müssen, deren Ernährer gefallen sind. Gorjatschew, dessen Besonnenheit beim Sturm von Grosny im vergangenen Jahr einer ganzen Kompanie das Leben gerettet hat, kam an jenem Abend sehr spät nach Hause, erzählt seine Ehefrau Swetlana. Und gesagt habe er einen einzigen Satz: "Verzeiht mir bitte, dass ich nicht gefallen bin."

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