Zeitung Heute : Energie, die wir brauchen

Deutschland und der Rest der EU sind abhängig von Öl- und Gasimporten. Kann Atomkraft sie ersetzen?

Dagmar Dehmer

Warum wird in Deutschland immer dann wieder über Atomenergie geredet, wenn es Probleme mit Energieimporten gibt?

Acht Jahre lang kämpfte der römische Politiker Cato. Jede Senatssitzung beendete er mit dem Antrag, „dass Karthago zerstört werden muss“. Drei Jahre nach seinem Tod ging sein Wunsch in Erfüllung. Die deutsche Diskussion um den Atomausstieg trägt ähnliche Züge. Wann immer es passt, sagen Wirtschaftsminister Michael Glos (CSU) oder BadenWürttembergs Ministerpräsident Günther Oettinger (CDU): „Im Übrigen sind wir der Meinung, dass die Laufzeiten für die Kernreaktoren verlängert werden müssen.“ Die Aussage ist politisch völlig folgenlos, weil sich Union und SPD in ihrem Koalitionsvertrag darauf festgelegt haben, den Atomausstieg beizubehalten. Und die Einstiegsdiskussion geht im Fall der Konflikte um russische Gas- oder Öllieferungen völlig am Thema vorbei. „Was ich überhaupt nicht verstehe, ist, wie man einen Zusammenhang zwischen den russischen Öllieferungen und der Atomenergie herstellen kann“, sagte Umweltminister Sigmar Gabriel (SPD) dem Tagesspiegel. „Deshalb heißt es ja auch Atomstrom und nicht Atomdiesel.“

Der Anteil der Atomenergie am Gesamtenergieverbrauch lag in Deutschland im Jahr 2005 bei genau 12,5 Prozent. Lediglich bei der Stromversorgung spielt sie mit etwa einem Drittel eine Rolle – Gas und Öl hingegen sind hierbei unbedeutend. Nach Angaben des Staatssekretärs im Umweltministerium, Michael Müller (SPD), liegt der Anteil der Stromerzeugung durch Erdöl bei 1,7 Prozent, der mit Gas bei zehn Prozent. Die Atomenergie ist in diesem Zusammenhang nur dann eine relevante Größe, wenn man darüber nachdenkt, mit welchen Brennstoffen in Zukunft Strom erzeugt werden soll. Wenn das Klima besser geschützt werden soll und erneuerbare Energien die endlichen Brennstoffe wie Kohle noch nicht vollständig ersetzen können, könnte Gas vorübergehend eine Alternative sein. Doch das würde die deutsche Abhängigkeit von russischen Importen weiter erhöhen. Nur wer das verhindern will, könnte auch die Atomkraft wieder ins Spiel bringen – aber auch nur, wenn gleichzeitig die damit verbundenen Sicherheitsrisiken verdrängt werden. Was bei einem Unfall passieren kann, hat der Gau in Tschernobyl vor 20 Jahren gezeigt.

Wie abhängig ist die Europäische Union von Energieeinfuhren?

Kein europäischer Staat ist dazu in der Lage, die gesamte Energie, die er benötigt, selbst zu erzeugen. Alle EU-Mitglieder sind auf Einfuhren angewiesen. Nach Angaben von Eurostat steigt die Importabhängigkeit der EU – sie lag im Jahr 2004 bei 54 Prozent, ein Jahr später waren es bereits 56 Prozent. Die deutsche Importabhängigkeit beträgt sogar 70 Prozent. Beim Uran, aus dem Brennstäbe für Atomkraftwerke gemacht werden, liegt sie bei 100 Prozent. Nach Angaben der Internationalen Energieagentur in Paris werden die wirtschaftlich abbaubaren Uranvorräte noch 65 Jahre reichen, wenn es beim derzeitigen weltweiten Kraftwerkpark bleibt. Beim Mineralöl ist Deutschland zu 97 Prozent auf Importe angewiesen, beim Gas zu 83 Prozent. Was die Steinkohle betrifft, liegt die Importabhängigkeit bei 61 Prozent. Nur bei der Braunkohle und den erneuerbaren Energien gibt es keine Einfuhren.

Woher kommen die Öl- und Gaslieferungen für Europa?

Bis auf Norwegen und Großbritannien ist den meisten Öl- und Gasförderstaaten gemeinsam, dass sie politisch instabil sind oder von autoritären Regimen regiert werden. Das kann sich auch auf die Energieversorgung auswirken: Je instabiler die politische Lage ist, je autoritärer das System, desto unsicherer sind die Lieferungen. In Russland – Deutschlands wichtigstem Öl- und Gaslieferanten – nehmen die demokratischen Strukturen seit Jahren eher ab als zu. Zum Beispiel mit einem Parteiengesetz, das die meisten Parteien zwingt, sich aufzulösen, oder einer Gängelung von Nichtregierungsorganisationen, die es in Russland immer schwerer haben, überhaupt noch zu arbeiten. Von der abnehmenden Pressefreiheit dort ganz zu schweigen.

Saudi-Arabien, das Deutschland mit Öl beliefert, ist ein autoritäres Königreich. Irans Präsident stellt das Existenzrecht Israels infrage und leugnet den Holocaust. Außerdem betreibt er ein Atomprogramm, dessen Friedlichkeit der Westen entschieden bezweifelt. Nigeria und Angola sind die größten afrikanischen Öllieferanten, beide Staaten sind jedoch politisch sehr instabil; Sudan und Tschad werden diktatorisch geführt. Ähnliches gilt für die vorderasiatischen Staaten rund um das Kaspische Meer, die ebenfalls weit von westlichen Demokratiestandards entfernt sind. Venezuela dagegen, das gerade dabei ist, sich zu einem autoritären Staat zu wandeln, liefert sein Öl vor allem in die USA.

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