Zeitung Heute : Engagierter Streiter, Beobachter, Mahner

Der Tagesspiegel

Tilman Fichter

Als vor etwas mehr als dreißig Jahren die Berliner Luft im Umfeld studentischer Demonstrationen gegen den amerikanischen Krieg in Vietnam immer „steinhaltiger" wurde, tauchte -Bildungsredakteur, Uwe Schlicht, eines Tages am Rande dieser „Demos" mit einem abgeflachten Helm und einem wasserdichten Allwettermantel auf. Den Riemen des Helms fest unterm Kinn zusammengeschnallt, stand Schlicht unserem damaligen martialischen „Outfit" in US-Army-Parkas und Bauarbeiterhelmen in nichts nach. Auf seinen Steinschlag-Helm hatte er deutlich sichtbar das Wort „Presse" gemalt. Im Nachhinein fällt mir auf, daß der Zusatz „Freie" fehlte. Denn trotz seiner antikommunistischen Vorbehalte hat Schlicht in all den Jahren stets korrekt über Argumente und Aktionen der akademischen Linken berichtet. In deutlichem Gegensatz zu einer Reihe von Redakteuren aus dem Hause Springer hat er auch nie versucht, den Dutschke-SDS in die Nähe der SED zu rücken.

Der Autor ist Politikwissenschaftler und war bis 1970 Mitglied im SDS-Landesverband Berlin.

Eberhard Lämmert

Es war ein denkwürdiger Satz, mit dem der 97-jährige Hans-Georg Gadamer die Klage eines Kollegen über die Herabwürdigung des Professorenstandes in den Jahren der Studentenrevolte abschnitt: „Wir hätten damals besser zuhören sollen." - Fast zwei Jahrzehnte früher hatte Uwe Schlicht geschrieben: „Statt dass die besten Kräfte aus Politik und Gesellschaft den Dialog mit den Studenten geführt hätten, überließ man sie ihren eigenen Wortführern..."

Öffentlich geförderte Wissenschaft muss auch bereit sein, auf die Existenzprobleme der jungen Generation einzugehen. An dieser Einschätzung ist eine Leitlinie der tagtäglichen Aufmerksamkeit abzulesen, mit der Uwe Schlicht die politische Geschichte der Berliner Universitäten nachgezeichnet hat. Das heißt nicht, dass er zu irgendeiner Zeit ein Freund linker Parolen gewesen wäre! Auch für die Stichwortgeber der Revolte aus dem Lehrkörper hatte er das wachsame Auge des eingefleischten West-Berliners. Aber ebenso unnachsichtig bedachte er diejenigen, denen die Verteidigung der Standesrechte wichtiger war als der Sprung über den eigenen Schatten, solange der Dialog noch möglich gewesen wäre.

Aus der Zeit, in der wir viel miteinander zu tun hatten, ist mir zweierlei in Erinnerung geblieben: die Geduld, mit der er zuhörte, und die Präzision, mit der er unbequeme Fragen stellte. Hoch habe ich ihm die Entschiedenheit angerechnet, mit der er Versuche verurteilte, Studenten und Absolventen der FU, die in den Unruhen oder auch nur in den Selbstverwaltungsgremien politisch hervorgetreten waren, durch Namenlisten öffentlich anzuprangern und ihnen damit spätere Berufsaussichten einzuschränken.

Der Autor war 1976 bis 1983 Präsident der Freien Universität.

Peter Glotz

Als ich im Frühjahr 1977 Wissenschaftssenator in Berlin wurde, führte ich zuerst ein Gespräch mit dem Berliner Korrespondenten der Frankfurter Rundschau, der mir gut bekannt war. Aber kaum kam ich ins Büro zurück, packte mich mein Pressereferent am Ärmel: „Das dürfen Sie nicht machen", sagte er. „Sie müssen erst mit Schlicht reden.“

„Schlicht?", fragte ich. „Wer ist das?" „Der Hochschulmann des Tagesspiegel", bekam ich zur Antwort. „Aber nicht nur das. Er ist eine Instanz. Ohne ihn kann man in Berlin keine Wissenschaftspolitik machen.“

Im Lauf der Jahre wurde es eine enge Arbeitsbeziehung. Schlicht neigt nicht zur Kameraderie. Er redete mit meiner Kontrahentin genauso oft wie mit mir, war vor allem aber tagtäglich an den Hochschulen präsent. Eine „Instanz" war er in der Tat. Das hing mit der Berliner Pressesituation zusammen. Der Tagesspiegel war die einzige seriöse Zeitung. Der Verleger, Franz Karl Maier, gab Schlicht genügend Platz für seine Berichterstattung. Und der Tagesspiegel ließ sich von niemandem einkaufen. Springers „Morgenpost" dagegen, so gut sie gemacht war, ließ sich von Alexander Schwan (damals einer meiner schärfsten Kontrahenten) eher bewegen als von mir, und die überregionalen Blätter wurden in Berlin wenig gelesen.

Uwe Schlicht war kein Publizist im üblichen Sinne. Er wollte nicht seine Meinungen durchsetzen, obwohl er durchaus welche hatte. Er fungierte als Gesprächsanwalt. Er nahm die Politiker in die Zange: Sie sollten sagen, was sie zu tun gedächten. Schlicht galt als diskret, als unbestechlich und als fair. Aber als Regierungsmitglied musste man auch wissen: Er stimmte die Zeitpunkte und Inhalte seiner Publizistik nicht auf die Planungen irgendeines Senators ab. So hat er einen wichtigen Beitrag dazu geleistet, dass die zutiefst emotionalen Auseinandersetzungen zwischen Studierenden und Politik im eingesperrten Berlin der 70er Jahre Schritt für Schritt ein wenig rationaler wurden.

Der Autor war von 1977 bis 1981 Wissenschaftssenator (SPD) in Berlin

Gesine Schwan

Seitdem ich Uwe Schlicht kenne, geht es um Bildungsreform. In den sechziger Jahren standen die Öffnung der tertiären Bildung für alle sozialen Schichten und die Demokratisierung gegen die so genannte Ordinarienuniversität vorrangig auf der Agenda. Picht hatte mit dem Ausrufen des Bildungsnotstands Alarm geschlagen. Die Hochschulen bevölkerten sich. Die bald erkennbare Schere in der entstehenden Massenuniversität zwischen der rasant steigenden Zahl der Studierenden und dem nur geringfügigen Anstieg der Professorenstellen wurde zunächst mit „Untertunnelungs"-Argumenten beantwortet. Man solle nur auf die geburtenschwachen Jahrgänge warten, den Studentenberg mit vorübergehenden Maßnahmen „untertunneln", dann würde sich das Verhältnis von Lehrenden zu Studierenden schon einpendeln, und die neue Universität wäre im Lot.

Sie ist, wie wir nach mehr als drei Jahrzehnten wissen, nie ins Lot gekommen. Die Grabenkämpfe in der Folge von 68 hatten daran zunächst einen Anteil, aber entscheidend war und blieb bis heute die chronische Unterfinanzierung der Hochschulen. Sie hat inzwischen über die zunehmende Abhängigkeit von Drittmitteln zu einer dramatischen Unterstellung der Wissenschaft unter kurzfristige ökonomische Effizienzkriterien geführt, die ihren Wahrheitsauftrag und die daran gekoppelte Fähigkeit der Gesellschaft, die Herausforderungen der Zukunft freiheitlich und demokratisch zu bestehen, dramatisch gefährdet. Uwe Schlicht warnt seit Jahren unermüdlich und eindringlich vor dieser Kurzsichtigkeit. Wir werden seine kompetenten Analysen und Warnungen noch lange brauchen!

Die Autorin ist Rektorin der Europa-Universität Viadrina in Franfurt/Oder und beurlaubte Professorin für Politologie an der Freien Universität.

Günter Spur

Uwe Schlicht war als Journalist und Redakteur über Jahrzehnte kritisch mit der Berliner Wissenschaftspolitik verbunden. Kreativ und engagiert begleitete er das Berliner Hochschulgeschehen. Als Beobachter und Mahner forderte er zum Dialog zwischen Wissenschaft und Politik heraus und engagierte sich mit großem Sachverstand für die Weiterentwicklung der Universitäten sowie für den Aufbau der Akademie der Wissenschaften.

Anfangs offen für die Reformen der sechziger und siebziger Jahre, immer den Wissenschaftsrat im Blick, unterstützte er besonders die Wissenschaftspolitik des ehemaligen Senators Erhardt und dessen Forderung nach Exzellenz in Lehre und Forschung. Ein strenger Geist, leidenschaftlich in der Diskussion, gerecht im Urteil - so erlebten ihn alle, die ihn über Jahrzehnte kennen und schätzen lernten.

Der Autor ist Emeritierter Professor der TUBerlin und ehemaliger Leiter des Fraunhofer-Instituts für Produktionsanlagen.

Winfried Benz

Uwe Schlicht hinterlässt eine Art wissenschaftspolitisches Vermächtnis. Er hat es kürzlich auf einem Symposion von Wissenschaftsrat, Stifterverband und Volkswagenstiftung in Berlin vorgetragen(vgl. Tsp vom 2. März 2002). Die Botschaft lautet: „Eine Großstadt, die kaum noch Industrie besitzt, muss auf die Wissenschaft setzen." Berlin tut dies seit Jahren nicht oder nur halbherzig. Uwe Schlicht hat nie nachgelassen, dies auch gegen anderslautende Beteuerungen der Politik deutlich zu machen und die entsprechende Wissenschaftspolitik einzufordern.

Das Spektrum der wissenschaftspolitischen Fragen, an denen er arbeitete, war breit. Manches Brett musste über Jahre gebohrt werden. Aber er ist ausdauernd, hartnäckig und hat ein gutes Gedächtnis. Er hat seinen Blick stets über Berlin hinaus auf die gesamte Republik gerichtet, auch auf das Ausland. Aufmerksam hat er die Arbeit des Wissenschaftsrates begleitet, in dem er für viele Anliegen einen Verbündeten sah. Dies gilt auch umgekehrt. Trotz der wechselseitig guten Beziehungen blieb er kritisch. Einen Beitrag zum 40-jährigen Bestehen des Wissenschaftsrats im Jahr 1997 überschrieb er: „Keine ungetrübte Erfolgsstory."

Die Zusammenkünfte mit Uwe Schlicht waren auf die Sache konzentriert, ohne Abschweifungen. Er war absolut vertrauenswürdig; dies haben auch andere gewusst, denn nur so lässt sich sein erstaunlicher Informationsfundus erklären.

Der Autor war von 1989 bis Januar 2002 Generalsekretär des Wissenschaftsrats.

Wolf Lepenies

Berlin hat in den letzten Jahrzehnten viele Kultur- und Wissenschaftssenatoren gekannt, doch nur einen Bildungsexperten: Uwe Schlicht. Auf ihn war Verlass: Man konnte sicher sein, ihn nie zum Lobbyisten eigener Interessen gewinnen zu können. Uwe Schlicht musste man überzeugen, denn überreden ließ er sich nicht. Eine höfliche Bockigkeit gehörte zu seinen Stärken.

Jedes Interview mit ihm zeigte, welchen Charme das Altmodische haben kann. Allen Aufnahmegeräten gegenüber blieb er skeptisch und vertraute lieber seiner eigenen Auffassungsgabe, seinem schnellen Stift und unzähligen Notizblöcken, die er mit atemberaubender Geschwindigkeit voll schrieb. Uwe Schlicht trauerte der Zeit der Talare nicht nach, aber er war ein Konservativer: Er wollte schreibend dazu beitragen, das eindrucksvolle Berliner Bildungserbe zu bewahren. Zugleich war Uwe Schlicht ein scharfer Kritiker bestehender Institutionen, wenn sie über ihre Verhältnisse lebten oder eigenen Ansprüchen nicht länger gerecht wurden. Er war konservativ und kritisch zugleich. Er formulierte radikal, ohne rücksichtslos zu sein. Er schimpfte auf die Berliner Verhältnisse und mochte Berlin - ein Stadtpatriot.

Der Autor war von 1986 bis 2001 Rektor des Wissenschaftskollegs zu Berlin.

Erich Thies

Das Kürzel U.S. steht für mich als Markenzeichen eines engagierten Journalismus. Uwe Schlicht begleitet die Berliner Hochschulpolitik nun seit langer Zeit, und zwar nicht nur durch kompetente Berichterstattung, sondern auch durch deutliche Kommentare, die weit über die Berliner Provinz hinauswirken. Der Tagesspiegel hat durch ihn eine überregionale wissenschaftspolitische Seite gewonnen, deren Fortsetzung ich mir wünschte.

U.S. hat sehr wirkungsvoll das Feld von Wissenschaft und Politik bestellt, dadurch Reflexionsprozesse und Entscheidungen provoziert, die den Hochschulen und damit dem Land Berlin gerade in schwierigen Zeiten verkrusteter Ideologie oder Haushaltsnot sehr geholfen haben. Beispiele gibt es genug: die drastischen Einsparungen und damit Vernichtung von Studienplätzen, die Irrungen und Wirrungen der Hochschulmedizin, die Pläne, das Gebäude der Akademie der Wissenschaften zu verscherbeln ...

Seine kritischen Kommentare haben sowohl Hochschulvertreter als auch Politiker tatsächlich in Bewegung setzen können. Und was kann man von der Arbeit eines guten Journalisten mehr erwarten?

Der Autor war von 1992 bis 1998 Wissenschafts-Staatssekretär in Berlin und ist Generalsekretär der Kultusministerkonferenz.

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