Zeitung Heute : Engel der vergessenen Dörfer

Niemand kommt dorthin. Außer Dr. Haifaa Ischak. Sie reist zu den Allerärmsten in die Berge des Nordirak. Ein deutsches Hilfsprojekt

Erwin Decker[Dohuk]

Als sie die enge und steile Straße zum Dorf hochfährt, beginnt die Glocke der Kirche zu läuten. Es ist kein Gottesdienst, keine Beerdigung und keine Hochzeit. Alle Dorfbewohner wissen aber, warum die Glocke jetzt läutet: Dr. Haifaa Ischak ist wieder einmal in Hermasch. In dem Dorf in den Bergen des Nordirak, das auf keiner Landkarte steht, leben 180 Christen. Sie sind von der Welt vergessen worden.

In den Nachbardörfern wohnen nur Kurden. Im Winter ist es hier bitter kalt, und im Sommer dörrt die Sonne das Land aus. Der VW-Ambulanzwagen hält vor der Kirche. Die Kinder sind die Ersten, die Dr. Haifaa ihre Hände entgegenstrecken. Bürgermeister Toma Elia winkt schon von weitem, als er auf die Kirche zuläuft. In wenigen Minuten sind Dutzende von Frauen zum Gemeindehaus neben der Kirche gekommen. Hier im großen Saal behandelt Dr. Haifaa ihre Patienten. Zuerst die Frauen, dann die Männer.

Es gibt keinen Bus, der in die nächste Stadt fährt, ins 80 Kilometer entfernte Dohuk, und nur zwei Familien haben Autos. Beide sind defekt. Viele Häuser deckt nur ein Lehmdach, Wasser kommt aus einem Gemeinschaftsbrunnen. Außer der Arbeit auf den steilen und kargen Feldern gibt es für die Dorfbewohner hier nichts zu tun und nichts zu verdienen. Fast alle Familien haben einen Verwandten im Ausland, der ihnen etwas Geld schickt für das Allernötigste. Wer krank ist, muss auf den Besuch von Dr. Haifaa warten. Sie kommt meist zwei Mal im Monat. Und jedes Mal läutet die Glocke.

Die kostenlosen Behandlungen im Gemeindehaus sind nahezu öffentlich, räumliche Abtrennungen gibt es nicht. Das stört die Frauen und Männer nicht, denn so müssen sie nachher der Verwandtschaft und den Nachbarn nichts über ihre Krankheiten erzählen, weil die bei der Behandlung ja auch dabei waren. Nur wenn die Patienten sich ausziehen müssen, geht Dr. Haifaa mit ihnen in das kleine Büro des Vorstehers. So weit geht die öffentliche Untersuchung dann doch nicht.

Die Frauen sitzen auf Bänken in einer Reihe an der Wand. Manche haben ihre Kinder dabei. „Einige Frauen wollen nur mit mir reden. Sie warten, bis die anderen behandelt wurden und weg sind. Dann erzählen sie über Familienprobleme, über ihre Kinder – ganz selten auch über ihre Ehe. Das ist bei den Christen im Irak wie in Europa vor 100 Jahren ein Tabu. Ich höre oft nur zu, wenn die Frauen ihre Sorgen erzählen. Ich glaube, das hilft ihnen schon. Damit es wie eine normale Behandlung aussieht, wollen sie, dass ich bei ihnen den Blutdruck messe“, sagt die 31-jährige Ärztin. Überhaupt, alle Patienten bestünden jedes Mal auf einer Blutdruckmessung. Das zeichne offenbar einen Arztbesuch aus. Sie wollen auch immer selbst die Messwerte sehen, auch wenn sie nicht wissen, was sie bedeuten.

Dass die mobile Klinik und Dr. Haifaa in den Bergen des Iraks unterwegs sind, hat seinen Ursprung im bayerischen Bad Schussenried. 1992 bekam Pfarrer Horst Oberkampf mehr durch Zufall einen Brief von einer jungen christlichen Frau aus Dohuk im Irak in die Hände. Sie würde gerne Medizin studieren, schreibt sie, aber das sei ihr finanziell nicht möglich. Der Pfarrer wollte der damals 17-jährigen Assyrerin helfen und sammelte in der Kirchengemeinde, bis genug Geld zusammen war, dass Haifaa Ischak zur Universität gehen konnte. Pfarrer Oberkampf besuchte die inzwischen ausgebildete Ärztin 1997 in Dohuk. Er organisierte auch ein vierwöchiges Praktikum in einem Wiener Krankenhaus, damit sie auch europäische Medizinstandards kennt. Jetzt arbeitet sie als Ärztin in der Notaufnahme im Krankenhaus in Dohuk im Nordirak. Nebenher macht sie noch eine Röntgen-Facharzt-Ausbildung.

Als Dank, dass man ihr beim Studium half, fährt sie an ihren freien Tagen ohne Bezahlung in die entlegenen Dörfer der Berge, um ihre Landsleute, die assyrischen Christen, zu behandeln. „Unsere Spende für das Medizinstudium von Dr. Haifaa ist so gut angelegt wie selten eine Spende. Sie vermehrt sich mit jeder Fahrt der mobilen Klinik in die Berge“, sagt Pfarrer Oberkampf.

Doch jetzt ist das Unternehmen gefährdet. „Wir sind leider mit unseren Mitteln fast am Ende für das Projekt ,mobile Klinik für die Dörfer der Christen’“, sagt Pfarrer Emanuel Youkhana von der kleinen Hilfsorganisation CAPNI (www.capiraq.org), die in Wiesbaden ihren Sitz hat und den Christen im Irak hilft. Sie ist ganz und gar von Spenden abhängig, und die beginnen schon seit längerem, immer rarer zu werden. Gerade im Winter ist das verhängnisvoll. Die schlecht beheizten Häuser und die Mangelernährung machen zu dieser Jahreszeit die Menschen besonders oft krank. „Kinder laufen oft mit Sandalen durch den Schnee oder haben keine warme Kleidung. Das Essen besteht oft nur aus Brot, Reis und Tee. Es gibt keine Vitamine, weil es nur im Sommer Gemüse aus den Gärten gibt. Das heißt, die Menschen haben ein schwaches Immunsystem und werden schnell krank“, sagt Dr. Haifaa.

Ganz zum Schluss ihres Besuchs kommen die Männer zur Behandlung. Jushua hat eine schwere Beinverletzung. Er hat sich mit dem Beil eine tiefe Wunde zugefügt. Die Hose ist rot von Blut. Als er sie ausziehen soll, geniert er sich und wird rot. Er war noch nie in seinem Leben bei einem Arzt, und jetzt soll er sich gar vor einer Frau ausziehen. Auch wenn es nicht in der Halle, sondern im Nebenraum ist. Er schämt sich so sehr, dass er sich am Ende die Wunde dann doch lieber von seiner Mutter als von der Ärztin verbinden lassen will. Dr. Haifaa gibt ihm genug Verbandsmaterial für die Mutter mit. „Ich habe es schon oft erlebt, dass gerade die Männer sich bei einer Behandlung beim Arzt genieren“, sagt Haifaa Ischak.

In Hermasch gibt es eine Schule mit nur einem Lehrer. Er unterrichtet morgens parallel alle Grundschulklassen und mittags alle Hauptschulklassen gleichzeitig. Weil das Dorf im kurdischen Gebiet liegt, dürfen die Kinder nur Kurdisch lernen und nicht Arabisch. Die Chancen auf Weiterentwicklung sinken dadurch rapide. Zu Hause wird nur Assyrisch, die Ursprache von Mesopotamien, gesprochen. Dr. Haifaa spricht beides, ebenfalls Arabisch und sehr gut Englisch. Einmal die Woche kommt ein Pfarrer in das Dorf und hält Gottesdienst. Das ist zugleich auch Gelegenheit der Dorfbewohner und des Bürgermeisters, mit allen über das Notwendigste zu reden.

Der Ambulanzwagen, mit dem Dr. Haifaa die Bergdörfer besucht, fuhr früher einmal in Potsdam und wurde über die Hilfsorganisation CAPNI gespendet. Selten wird darin behandelt, weil fast jedes Dorf in den Bergen eine kleine Kirche hat und daneben einen Versammlungsraum, in dem das besser geht. Manchmal dient der Wagen auch als Krankentransporter, wenn jemand in die Klinik von Dohuk gebracht werden muss. Hauptsächlich aber ist er Apotheke. Genau da aber liegt inzwischen das große Problem. Weil das Geld fehlt, gehen Dr. Haifaa die Medikamente aus. „Deshalb fahre ich seit einiger Zeit viel seltener in die Berge. Ohne Medizin hat das keinen Sinn. Die Kranken warten dort seit einigen Wochen oft vergebens auf mich.“

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