Zeitung Heute : Englands junge Wilde fordern Argentinien

ST.ETIENNE .Aggressive Schlagzeilen in der englischen Boulevard-Presse und die immer weiter ausartenden Auseinandersetzungen zwischen argentinischen Spielern und Medienvertretern haben den hohen sportlichen Gehalt der wohl attraktivsten Achtelfinal-Begegnung dieser WM zwischen den Ex-Weltmeistern Argentinien und England in den Hintergrund gedrängt.Diego Maradonas berühmt-berüchtigte "Hand Gottes" ist auch zwölf Jahre nach dem englischen Viertelfinal-K.o.von Mexiko noch in den Köpfen der Briten."Wir werden wohl nie wieder eine so große Chance bekommen, diese Ungerechtigkeit von damals aus der Welt zu schaffen", sagte Englands Teamchef Glenn Hoddle vor der brisanten Partie heute abend in St.Etienne.

Hoddle, 1986 beim 1:2 gegen die Gauchos selbst ein Opfer des Maradona-Betruges, will das englische Trauma endlich beenden und die offene Rechnung nicht mit martialischen Vokabeln wie "Rache", sondern in rein sportlicher Revanche auf dem Spielfeld begleichen.Sein Kapitän Alan Shearer ist der gleichen Meinung: "Was damals geschah, interessiert mich nicht.Was allein zählt, ist der Sieg." Von der souveränen Qualifikation der Südamerikaner, die mit drei Siegen und ohne Gegentor die Runde der letzten 16 erreicht haben, läßt sich der Torjäger nicht blenden: "Die Argentinier haben bisher keine wirklich schweren Gegner gehabt.Ich verspreche, dies wird gegen uns der Fall sein.Wir werden sie enthüllen."

An seiner bislang erfolgreichen Mischung aus routinierten Spielern und den "jungen Wilden" Scholes, Beckham (beide 23) und Youngster Owen (18) will Hoddle, der großen Respekt vor dem zweimaligen Weltmeister hat, festhalten.Zu Beginn der K.o.-Runde spielt für ihn Erfahrung die größere Rolle, speziell gegen die robusten Südamerikaner."Argentinien hat ein physisch starkes Team mit großen Kämpfern.Wenn die einmal die Kontrolle über das Spiel gewinnen, werden sie schwer zu bremsen sein", sagte der englische Coach, der seine Mannschaft wohl nur auf einer Position ändern wird.In der Abwehr soll Southgate den Vorzug vor Neville erhalten.

Die Deckung ist aus argentinischer Sicht die Achillesferse der Engländer."Sie haben ihre Stärken eindeutig im Angriff", meint Mittelfeldspieler Veron.Die Abwehr der Argentinier ist dagegen das Prunkstück des Teams von Trainer Daniel Passarella, beim Gewinn des WM-Titels 1978 selbst ein eisenharter Verteidiger.Carlos Roa mußte als einziger Torwart der WM noch nicht einmal hinter sich greifen und ist schon seit 729 Minuten ohne Gegentor.Darauf angesprochen, lehnt der Schlußmann aus Mallorca jeglichen Kommentar ab.Roas Befürchtung: "Wenn ich darüber spreche, dann reißt vielleicht die Serie."

Roa und seine Teamkollegen halten sich mit Äußerungen ohnehin zurück.Gestern fingen sich die Argentinier wegen des anhaltenden Ärgers im Umgang mit den Medien einen Verweis vom Internationalen Fußball-Verband (FIFA) ein.FIFA-Sprecher Keith Cooper teilte mit, daß der Weltverband der Delegation einen Brief geschickt hat mit der Aufforderung, den "Mangel an Kooperation mit den Medien" abzustellen: "Dies ist keine Bitte, sondern eine Forderung", betonte Cooper.Zuvor war es bei einer Pressekonferenz zu einem Handgemenge zwischen Journalisten und Sicherheitskräften sowie zu wüsten Beschimpfungen gekommen.Auslöser war eine Szene, die sich nach Zeugenangaben hinter dem Vorhang auf der Bühne abspielte: Mittelfeldspieler Ariel Ortega vom FC Valencia, der bisher nach WM-Spielen jegliche Aussagen verweigerte, hatte von einem Fernsehreporter für ein Interview eine Luxus-Uhr erhalten.

Hintergrund des seit Tagen schwelenden Streits ist ein Exklusivvertrag der Argentinier mit dem Unternehmen "Torneos y Competencias" für den die Mannschaft und Trainer Daniel Passarella nach Zeitungsangaben zwei Millionen Dollar erhalten haben.Die Spieler geben in Frankreich kaum noch Interviews mit Zeitungen, Radio- und Fernsehsendern, die nicht mit "Torneos y Competencias" verbunden sind.Ortega erhielt seine Luxusuhr von einem Reporter des Senders "Telefe", der eng mit "Torneos y Competencias" zusammenarbeitet.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben