Zeitung Heute : Englisch im Einsatz

Zur Fußball-WM gibt es für Berlin Nachhilfe – in Sachen Sprachen, Freundlichkeit und Kompetenz

Johannes Edelhoff

Dieses Jahr ist es wohl soweit. Jahrelang hatte die „Berliner Schnauze“, Sinnbild schroffen und gleichzeitig schlagfertigen Verhaltens, durchgehalten, sich erfolgreich gegen alle Anpassungszwänge gewehrt – und überlebt. Egal wie oft Tourismusmanager zu mehr „Servicekompetenz“ rieten. Fragte jemand zum Beispiel „Sind sie der 187’er?“ in einen Bus hinein, so konnte es schon mal vorkommen, dass er ein verschmitztes „Nein, ich bin der Busfahrer“ als Antwort bekam. Doch damit ist vielleicht bald Schluss. Denn 2006, im Jahr der Fußball Weltmeisterschaft, soll alles anders werden.

Die öffentlichen Dienststellen Berlins und die Dienstleistungsbetriebe der Hauptstadt haben der „Berliner Schnauze“ den Kampf angesagt und bilden ihre Mitarbeiter dieses Jahr in Sprach-, Service- und interkulturellen Kompetenzkursen weiter wie nie zuvor. Das Ziel: Berlin soll freundlicher werden. Touristen sollen in der ganzen Stadt kompetente, mehrsprachige und freundliche Ansprechpartner finden. Deshalb büffeln Busfahrer Englisch, studieren Bahnmitarbeiter das Kulturprogramm der Hauptstadt und Sicherheitskräfte lernen gastfreundliches Verhalten. „Dafür haben wir im Sommer bereits die Initiative ,Service in the City ins Leben gerufen. Das ist der Grundstein der Berliner Freundlichkeitskampagne“, sagt Gerhard Buchholz, der Medienbeauftragter der Berlin Tourismus Marketing GmbH (BTM). Der Initiative gehören Handelskammer (IHK), Taxiinnung, Einzelhandelsverband, BVG, S-Bahn und Hotel- und Gaststättenverband an. Zusammen wollen sie ihren Gästen einen rundum angenehmen Aufenthalt bieten. Die BTM selbst schult die freiwilligen Helfer der WM in speziellen Tourismuskursen. Während des Turniers können sie dann Touristen erklären, was abends im Kino, im Theater und der Oper läuft, empfehlen Bars und wissen wie man dort hinkommt.

Um ausländischen Touristen schnell helfen zu können, wenn die ihre Handtasche verloren haben oder nach der Botschaft ihres Landes fragen, lernen Berliner Polizisten „Englisch für Einsatzbeamte“. Im Kurs politische Bildung erfahren sie Hintergrundinformationen zu den Ländern, deren Nationalmannschaften in Berlin spielen und im Kurs interkulturelle Kommunikation besuchen sie beispielsweise eine Moschee, um mehr Gefühl für die Traditionen fremder Kulturen zu bekommen. „Wir wollen als weltoffene Polizei erscheinen“, sagt Polizeisprecherin Verena Enko. Die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) spendieren ihren Mitarbeitern Sprachunterricht der besonderen Art: Die Bus- und Bahnfahrer können in Selbstlernkursen – einer BVG-Eigenentwicklung – „berufsrelevante Sätze“ auf Englisch pauken. Nur die BVGler in den Servicezentren lernen Englisch direkt von Muttersprachlern. Und auch die Deutsche Bahn möchte, dass ihr Servicepersonal über die Bahnsteigkante hinaus blickt. Von März bis Mai schult sie 15 000 Mitarbeiter in Sprach- , Kultur- und Ortskenntniskursen.

Freundlichkeit ist während der WM auch für die Mitarbeiter privater Sicherheitsdienste ein Muss. Das Organisationskomitee (OK) der WM verpflichtet Sicherheitsfirmen, „die zum Einsatz kommenden Mitarbeiter bezogen auf die WM entsprechend zusätzlich zu schulen und vorzubereiten“, heißt es in einer Erklärung des OK. Absolute Grundvoraussetzung für Securitykräfte ist demnach eine Sachkundeprüfung bei der IHK. Wer zur WM der rund 1200 Mann starken Sicherheitstruppe im Berliner Olympiastadion angehören will, muss sich darüber hinaus in Punkto Freundlichkeit, Ortskenntnis und interkultureller Kompetenz weiterbilden.

In ganz Deutschland bereiten sich die Hotels , in denen die Nationalmannschaften unterkommen, intensiv auf die WM vor. Der Geschäftsführer und Küchenchef des Hotels Waltersbühl im Allgäu, in dem das togolesische Team zu Gast sein wird, verordnete seinen Mitarbeitern nicht nur Crash-Kurse in Französisch, sondern fliegt extra nach Togo, um die dortigen Gewohnheiten und die Küche kennen zu lernen. Im Seminaris-Seehotel in Potsdam, wo das Team der Ukraine verweilen wird, lernen die Kellner, Servicekräfte und Rezeptionisten Ukrainisch von Muttersprachlern. Zudem denkt die Hotelleitung darüber nach, das Personal in ukrainische Verhaltensregeln einzuweisen. Dann würden Lehrer des Interkulturellen Kompetenzzentrums Rheinland-Pfalz (Ikoku) den Hotelangestellten erklären, ob man in der Ukraine bestimmte Tischregeln beachten muss und wie man sich dort die Hand gibt. „Was in Deutschland eine ganz normale Geste ist, kann woanders als Provokation aufgefasst werden, weil es einen Eintritt in die Intimsphäre darstellt“, erklärt Jürgen Beneke, der das Ikoku wissenschaftlich begleitet. „Es ist nicht nur wichtig, dass man freundlich sein will, sondern auch, dass man weiß, was der Gegenüber als freundlich empfindet.“ Deshalb bietet das Ikoku in Zusammenarbeit mit der Deutschen Bahn im Hinblick auf die WM spezielle Kurse an, die für den Umgang mit internationalen Gästen fit machen sollen.

Doch ist solch ein Aufwand für die vierwöchige WM wirklich sinnvoll? „Die Weiterbildung ist nicht nur sinnvoll, sondern absolut notwendig, um die Defizite der Stadt zu verringern“, sagt Christina Hufeland, Leiterin der Öffentlichkeitsarbeit der Berlin Partner GmbH, der Wirtschaftsförderung Berlins. Sie erwartet einen „Schub für die Metropole Berlin“. „Die Freundlichkeitsoffensive wird nachhaltig wirken.“

Also wirklich keine Überlebenschance mehr für die „Berliner Schnauze“? Viele Berliner Taxifahrer zumindest verhalten sich fortbildungsresistent. Nur rund 75 der insgesamt 14 000 Fahrer haben bisher an einem WM-Sprachkurs der Taxiinnung teilgenommen. Perfekte Englischkenntnisse brauche man aber ohnehin nicht, heißt es von Seiten der Innung, schließlich befördere man ganz normale Fahrgäste und keine VIPs.

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