Zeitung Heute : Entfernte Nachbarn

Warum die irakischen Kurden besonders unzufrieden mit der Entscheidung in Ankara sind und glauben, dass die Türken aus ganz anderen Gründen Truppen schicken wollen

Andrea Nüsse[Erbil]

Das weithin sichtbare Gebäude im Zentrum der nordirakischen Stadt Erbil sieht aus wie eine Festung: Ein quadratischer Bau, vier Stockwerke hoch, alle Fenster vergittert. Um das Areal zieht sich eine hohe Mauer, die zusätzlich mit Stacheldraht geschützt wird, an allen vier Ecken erheben sich hohe Wachtürme. Allein die Farben wirken fröhlich: Gebäude und Mauern sind schneeweiß gestrichen, Fenster, Gitter und Türen hellblau. Die Anlage ist der Sitz der türkischen „Peace Monitoring Force“ (PMF), die 1997 am Ende des Bürgerkrieges zwischen kurdischen Fraktionen im Nordirak ins Land geholt wurde. Doch vor Beginn des Irak-Krieges haben die damals verfeindeten kurdischen Gruppen KDP und PUK sich versöhnt und die Friedenstruppe ist eigentlich überflüssig. „Unser Parlament hat sich im Mai bei der türkischen Regierung bedankt und mitgeteilt, dass die Soldaten nicht mehr gebraucht werden“, erzählt Fathel Mirani vom Politbüro der Kurdischen Demokratischen Partei, die den westlichen Teil der irakischen Kurdengebiete regiert. Regierungsvertreter verdächtigen die türkischen Soldaten, in ihrer Festung irakische Turkmenen militärisch auszubilden. Diese Reaktion ist für die irakischen Kurden nur ein Beweis dafür, dass die Türkei sich weiter einmischen will. Vor allem vor dem Hintergrund einer möglichen Entsendung türkischer Truppen in den Irak, sind die Kurden beunruhigt

Ein kurdischer Offizier, sprach gegenüber dem Tagesspiegel aus, was die politische Führung so entschieden nicht sagen will: „Auch wenn die türkischen Truppen im Süden Iraks, in Basra, stationiert würden, werden sie versuchen, sich in die kurdischen Angelegenheiten einzumischen.“ Das Misstrauen der irakischen Kurden ist historisch und wird immer wieder neu belebt. So verkündete der türkische Außenminister Yasar Yakis im Januar 2003 in der Debatte um eine türkische Beteiligung am Irak-Krieg, dass sein Land „legitime und strategische Interessen“ in Mosul und Kirkuk habe

Besonders beunruhigt die kurdische Regionalregierung in Erbil der Verdacht, dass die Türkei einige radikale turkmenische Vereinigungen im Irak unterstützt und gegen die Kurden aufstachelt. Auch die „International Crisis Group" räumt ein, dass die Türkei mit dem Argument, die türkischstämmige Minderheit zu schützen, ihre Präsenz im Nordirak rechtfertigt. Und dass sie damit ihre wahren Ziele, unter anderem eine zu große Autonomie der Kurden zu verhindern, verschleiert.

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