Zeitung Heute : Entschärfte Beweislage

Nach dem Fund einer Bombeim Bonner Hauptbahnhof wurden zwei zunächst Tatverdächtigewieder freigelassen. Wie gefährlich war die Bombe wirklich undwohin führt die Spur?

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Der Fall erscheint mysteriös. Sicherheitsexperten schließen nicht aus, dass Salafisten die Bombe am Bonner Hauptbahnhof abgelegt haben. Zwei Männer aus der Bonner Islamistenszene, die als verdächtig galten, kamen Dienstagabend wieder frei – sie hatten ein Alibi. Es sei auch möglich, dass ein „verrückter Einzeltäter“ die blaue Reisetasche mit dem Sprengsatz deponierte, sagte ein Experte. Inzwischen fahndet die Polizei nach einem Mann, der mit der Tasche auf Video-Aufnahmen der Fastfood-Kette McDonald’s zu sehen ist. Ein rechts- oder linksextremer Hintergrund sei unwahrscheinlich. Die Bundesanwaltschaft wartet weiterhin ab, ob sich ein terroristischer Hintergrund ergibt. Falls nicht, wird die Anklagebehörde darauf verzichten, die Ermittlungen an sich zu ziehen.

Nach Informationen des Tagesspiegels lagen in der Tasche ein 40 Zentimeter langes Metallrohr mit acht Zentimeter Durchmesser, umwickelt mit vier durch ein Paketband zusammengebundenen Butangas-Kartuschen mit jeweils 500 Milliliter Inhalt, sowie ein Wecker, zwei einfache Batterien und eine 9-Volt-Blockbatterie. Durch den von der Polizei veranlassten Beschuss mit einer Wasserkanone wurde der Sprengsatz teilweise zerstört. Deshalb ist unklar, ob es einen Zünder gab. Die Polizei hat bislang auch keinen Zündstoff entdeckt.

In dem Metallrohr befand sich Ammoniumnitrat. Ob das Rohr komplett gefüllt war, lässt sich angesichts der Zerstörung durch den Wasserstrahl nicht feststellen. Außerdem war der Metallbehälter nur an einer Seite geschlossen. Möglicherweise wurde eine Abdichtung durch das Wasser weggeschleudert. Hätte der Bombenleger das Rohr aber nur an einer Seite verschlossen gehabt, wäre die Sprengwirkung erheblich vermindert gewesen. Der Explosivstoff wäre bei der Detonation entwichen, möglicherweise wäre das Metallrohr auch nicht zersplittert. Einen komplett verschlossenen Behälter hingegen hätte eine Detonation durch den starken inneren Druck zerfetzt. Der Splitterflug hätte noch in mehreren Metern Entfernung Menschen treffen können.

Sicherheitsexperten halten aber nach bisherigen Erkenntnissen ein in Medien geschildertes Szenario wie bei den Anschlägen in Madrid für übertrieben. Dschihadisten hatten am 11. März 2004 in Vorortzügen zehn Sprengsätze, versteckt in Rucksäcken, gezündet. 191 Menschen starben, mehr als 2000 wurden verletzt. Die Bomben wurden per Handy gezündet, das würde nicht zu dem Bonner Sprengsatz passen. Der Wecker in der Reisetasche lässt annehmen, der Sprengsatz hätte mit einem Zeitzünder zur Explosion gebracht werden sollen.

Selbst wenn keine militanten Salafisten für den Bau der Bombe verantwortlich sein sollten, wird in Sicherheitskreisen befürchtet, dass Dschihadisten den Fall propagandistisch ausschlachten. „Es würde zur psychologischen Kriegführung der islamistischen Terrorszene passen“, sagte ein Experte. Dazu gehöre, gerade in der Vorweihnachtszeit, Angst zu schüren. Der Experte erinnerte an zwei Szenarien, die jeweils zum Jahresende hin Unruhe ausgelöst hatten.

Im November 2010 warnte der damalige Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) vor Anschlägen in Deutschland und sprach von „konkreten Hinweisen“. Die Polizei sperrte in Berlin den Reichstag für Besucher, auf dem Hauptbahnhof patrouillierten schwer bewaffnete Polizisten. Viele Menschen verzichteten in Berlin aus Angst vor Terrorangriffen auf den Besuch der Weihnachtsmärkte. Zehn Jahre zuvor konnte die Polizei in Frankfurt am Main gerade noch rechtzeitig einen schweren Anschlag verhindern, mit dem algerische Islamisten den Weihnachtsmarkt in Straßburg treffen wollten. Die Terrorzelle war dabei, in Frankfurt einen Sprengsatz zu basteln, der unter anderem aus einem mit explosiven Chemikalien gefüllten Kochtopf bestehen sollte. Frank Jansen

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