Zeitung Heute : Entwerfen gegen den Mythos

Kostas Murkudis ist Deutschlands avantgardistischster Designer – jetzt arbeitet er für das Jeanslabel Closed und ist glücklich.

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Einen Kaffee hat es gedauert, dann wusste Kostas Murkudis: Die Chemie stimmt. Nun ist er neuer Chefdesigner beim Hamburger Label Closed. Er hätte die Nachricht gerne eine Weile für sich behalten und erst jetzt bekannt gemacht, wo die erste Kollektion zu sehen ist. Stattdessen machte sie bereits im April letzten Jahres die Runde.

Zeit genug für die Frage: Was zieht den Designer ausgerechnet zu Closed? Unaufgeregt und lässig, aber eben auch irgendwie, nun ja, langweilig – in den letzten Jahren hatte das im Premiumsegment angelegte Denimlabel an Originalität verloren. Es waren zu viel Ähnliches auf den Markt gedrungen. Nicht unbedingt mit besseren Produkten, dafür aber mit schärferen Profilen. Die Hosen von Closed verband man unweigerlich mit Steppjacken und Loafern, dem Look der schicken, reichen Mütter aus Hamburg-Eppendorf.

Kostas Murkudis hingegen ist für seine experimentellen, nahezu künstlerischen Entwürfe bekannt. Auf den ersten Blick das Gegenteil von Closed, auf den zweiten gar nicht so weit weg davon, denn als das Label 1978 in Italien gegründet wurde, arbeitete man mit dem damals ausgefallenen Designansatz, Sportswear mit Haute Couture zu verbinden. „Closed war das erste Label mit Designerjeans. In den Achtzigerjahren war die Marke ein Mythos“, sagt Murkudis.

Einen Mythos – dafür ist man bei Closed heute realistisch genug – versucht man aus dem Label nicht noch mal zu machen. Nachdem die italienische Holding 1989 in Konkurs gegangen war, kaufte Günther Giers die Markenrechte, sein Sohn Gordon stieg 1997 ein, seit 2004 leitet er die Firma gemeinsam mit seinen Jugendfreunden Til Nadler und Hans Redlefsen. Das Ziel der drei: Closed soll wieder für eindeutiges Design stehen und international breiter aufgestellt werden. Kostas Murkudis halten sie für genau den Richtigen.

Mit griechischen Wurzeln in Deutschland geboren, assistierte der Designer sieben Jahre lang bei Helmut Lang in Wien, zeigte 1994 die erste eigene Kollektion in Paris, wurde Kreativdirektor von „New York Industrie“ in Italien. Zuletzt arbeitete er mit Nicolas Ghesquière bei Balenciaga und war nach dessen Rücktritt als Kreativdirektor des französischen Modehauses im Gespräch.

Bei Closed ist Murkudis nun für das Design der Damenlinie zuständig. Seine erste Winterkollektion zeigt er heute Abend in der Potsdamer Straße. In Lederjacken und Pullover sind Schaumteile aus dem Motorradsport eingearbeitet, auf einem militärisch anmutenden Overall finden sich seidene Flächen, dazu gibt es feminine Blusen und natürlich Jeans. Murkudis geht auf in seiner Aufgabe und bleibt bescheiden: „Im Prinzip ist das Closed-DNA. Nichts, was ich erfunden habe.“

Muss man das? Als Designer irgendwann sein eigenes Label zurückstellen und bei einem größeren Haus als Kreativdirektor einsteigen? „Muss man nicht“, sagt Murkudis. „Aber für mich war es das nächste Level.“ In den Jahren zuvor war er immer wieder Kooperationen eingegangen, mit Schiesser, FlipFlop, Coccinelle. Im Nachhinein kommt ihm das wie eine Schule vor, in der er verschiedene Fächer belegte: Unterwäsche, Schuhe, Taschen. Eines Tages, so hoffte er, würde er das Wissen mal anwenden können.

Nach seiner letzten Show im Sommer 2011 beschloss er dann: Das war's in Berlin. Keine weiteren Präsentationen fürs eigene Label. Material beschaffen, vorfinanzieren, Partner finden, dem Geld hinterherrennen – er fühlt sich zu alt dafür. „Ich habe das alles oft genug durchgemacht und weiß, wie kräfteraubend dieses ganze Business im Alltag ist.“ Bei Closed möchte er sich auf das konzentrieren, was er am besten kann: entwerfen. Lisa Strunz

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