Zeitung Heute : Entwickler von Horrorspielen denken um - Nach den Splatterorgien nun Unterhaltung pur

Kurt Sagatz

"Die Ära der Splatter-Spiele mit ihren Blutorgien ist nach Littleton zu Ende. So etwas wird von der Bundesprüfstelle sofort auf den Index gesetzt". Die Einschätzung als solche ist nicht verwunderlich, anders ist das bei der Quelle. Denn Jürgen Winkler, Geschäftsführer der Berliner Spielesoftware-Schmiede Burns, hat gerade erst bekannt gegeben, dass er zusammen mit dem Horrorfilm-Regisseur Jörg Buttgereit ein Spiel namens "Game of Death" entwickeln will.

Nach Winklers Ansicht steht die Aussage über den Niedergang der ultrabrutalen Ego-Shooter keineswegs im Widerspruch zum neuen Horror-Spiel. Natürlich soll das Todesspiel den Gamern das Fürchten lehren. Dafür sorgt allein schon der Plot. In dem Spiel wird es darum gehen, als komatöses Opfer eines Verkehrsunfalls in einer Zwischenwelt gegen die größten Massenmörder der Welt anzutreten, die wiederum dem Leben des Spielers die Substanz zu entziehen versuchen. Charles Manson, Ed Gein und Fritz Haarmann heißen die Gegner und allein die Aufzählung lässt keinen Zweifel daran, dass "Game of Death" nach der Veröffentlichtung im nächsten Jahr kein virtueller Spaziergang durch den Louvre wird.

Auf die pure Darstellung von Gewalt wie in Doom oder Quake wollen die Entwickler von Burns gleichwohl verzichten. "Keine Splatter-Orgien, kaum Blut", verspricht Winkler und setzt dagegen lieber auf andere Elemente zur Spannungssteigerung. Und diese sollen von Jörg Buttgereit und seiner Erfahrungen in der Umsetzung von Horrorstreifen kommen. So soll erreicht werden, dass der Spieler eine emotionale Bindung zum Todesspiel aufbaut, erklärt Winkler die Kooperation mit dem Filmmann.

Leicht verdauliche Spielkost dürfte das "Game of Death" freilich nicht werden. Das zeigt schon das kurze Video, das die Spieleentwickler für ihre Verhandlungen mit den einschlägigen Vertriebsfirmen hergestellt haben. Zu den Hardrockklängen der Band "Misfits" wird der Substanzverlust der Spielfigur auf drastische Weise vorgeführt: Erst verliert der Protagonist Teile der Haut, später lösen sich auch Fleisch und Sehnen von den Knochen bis am Ende das entblößte Skelett selbst am Boden zu Staub zerfällt. Einen gewissen Hang zu diesem Genre braucht der Spieler schon, auch wenn beim digitalen Zerfallsprozess kein Blut fließt.

Bekannt geworden ist die Spielefirma Burns durch einen ganz anderen Stoff. "Captain Gysi und das Raumschiff Bonn" hieß ein kleines Diskettenspiel, dass die PDS bei der im Ostteil der Stadt ansässigen Firma Ende 1997 in Auftrag gab und zu dem später auch ein zweiter Teil mit dem Namen "Captain Gysi: Galaxis Futura" hinzu kam. Im Gegensatz zu vielen anderen Politspielen erhielten die Gysi-Games sogar in der Fachpresse lobende Worte und begründeten den weiteren Erfolg der Firma, die seither bei den Vertriebsfirmen erheblich bessere Karten hat.

Überhaupt versteht sich Burns trotz "Game of Death" nicht als Horrorspiele-Laden. Neben dem Massenmörderspiel wird derzeit ein Comic-Adventure mit dem Titel "Happy Doomsday" entwickelt, bei dem es vor allem um Slapstick und Unterhaltung gehen soll. Die Zeiten der langatmigen Adventures, bei denen die Spieler Stunde um Stunde vor kniffligen Rätseln verbrachten, sei vorbei, so Winklers Einschätzung. Die nachwachsende Spielergeneration orientiere sich eher an Fernseh-Sitcoms und sei nur durch immer neue Gags bei der Stange zu halten. "Mit unseren Spielen sollen die Gamer der Spassgeneration das Gefühl bekommen, dass sie etwas versäumen, wenn sie abschalten", so Winkler in Anlehnung an die TV-Formate. Mit größerem Anspruch hat dies zwar nichts zu tun, gleichwohl dürfte die seichte Spiele-Unterhaltung weniger bedenklich sein als das wilde Geballere der zurückliegenden Action-Spiele.

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