Zeitung Heute : Entwicklungshelfer

Unter Hardy Rudolf Schmitz ist Adlershof zum größten deutschen Technologiepark geworden. Jetzt kümmert sich der Chef auch um die City-West und den Flughafen Tempelhof

Cay Dobberke
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Seine Zeit muss sich Hardy Rudolf Schmitz jetzt noch besser einteilen, denn der Chef der Technologieparks Adlershof hat zusätzliche Aufgaben übernommen: In Charlottenburg erarbeitet ein Team um den 58-Jährigen gemeinsam mit dem Senat, dem Bezirk, der TU und der Universität der Künste ein Konzept zur „nachhaltigen Vitalisierung des kreativen Quartiers“ rund um den Ernst-Reuter-Platz. Und auch über die Zukunft des Flughafens Tempelhof soll sich Schmitz im Auftrag des Senats Gedanken machen. Denn es hat sich herumgesprochen, dass Schmitz der richtige Mann für richtungsweisende Entwicklungen ist. Adlershof, die „Stadt für Wissenschaft, Wirtschaft und Medien“, ist mit 4,2 Quadratkilometern Fläche sowie 14 200 Beschäftigten in 814 Firmen und Instituten der größte deutsche Technologiepark.

Das war 1991 bei der Gründung nicht absehbar. Der „industrielle Kern“ waren laut Schmitz die Forscher der ehemaligen DDR-Akademie für Wissenschaften, von denen sich viele selbständig machten. Andere wechselten in neue Einrichtungen wie das Institut für Planetenforschung des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR), das die Arbeit des einstigen „Instituts für Kosmosforschung“ fortführt und für seine Spezialkameras am Bord von Weltraumsonden bekannt ist.

„Anders als Technologieparks auf der Grünen Wiese haben wir eine Vergangenheit – am Anfang war die Wissenschaft“, sagt Schmitz. Heute ist die Humboldt-Universität mit sechs naturwissenschaftlichen Instituten ein wichtiger Vertreter der Lehre und Forschung. Schmitz leitet den Standortbetreiber Wista Management GmbH seit 2002; zuvor war bei BMW und Boston Consulting und einer der Gründer des IT-Konzerns CompuNet. In Adlershof haben der Bund, das Land und die EU bisher rund 1,2 Milliarden Euro investiert, dazu kamen rund 500 Millionen aus der Privatwirtschaft.

Zur Historie gehören auch die Ursprünge als Flugplatz Johannisthal, auf dem im September 1909 die ersten deutschen Motorflugzeuge abhoben. Dieses Jubiläum wird zurzeit unter dem Motto „100 Jahre Innovation aus Adlershof“ mit vielen Veranstaltungen gefeiert. Einen Flugbetrieb gibt es nicht mehr, doch Elektronikfirmen, Forscher und weitere Spezialisten arbeiten auch heute der Luft- und Raumfahrt zu. So prüft die Gesellschaft für Entwicklung und Versuch Adlershof (Geva) in einem alten Hangar Triebwerke für das weltweit größte Passagierflugzeug, den Airbus A380.

Auch als Medienstandort ist Adlershof bedeutsam. Schon in den 20er Jahren wurden dort Filme gedreht, später siedelte sich das DDR-Fernsehen an. Heute gibt es 174 Medienbetriebe, darunter das Studio der ARD-Talkshow „Anne Will“.

Zu den bekanntesten Nutzern des Technologieparks zählen die innovativen Solartechnikunternehmen wie Solon oder Sulfurcell. Vor fünf Jahren hatten Forscher des Hahn-Meitner-Instituts (heute: Helmholtz-Zentrum) die Solarfirma gegründet. Den finanziellen Durchbruch brachte später Risikokapital, das unter anderem vom US-Computerriesen Intel stammt. Deshalb können die neuartigen Dünnschicht-Solarmodule bald in einer eigenen Fabrik gefertigt werden, die 85 Millionen Euro kosten und ab Herbst bezogen werden soll. 175 Mitarbeiter verlassen dann ihre angemieteten Räume, in denen der Betrieb stetig gewachsen war, und bis Mitte 2010 soll die Mitarbeiterzahl um 100 steigen.

Sulfurcell ist ein Lieblingsbeispiel des Wista-Geschäftsführers, denn er hält es für seine zentrale Aufgabe, solche Formen des Firmenwachstums zu ermöglichen. Sein Ziel ist nicht, etablierte Konzerne nach Adlershof zu holen. Vielmehr sollen mittelständische Firmen entstehen, die in Innovationszentren mit Mietflächen ziehen oder kleine Grundstücke erwerben können. Will die Firma später expandieren, kauft sie Flächen hinzu oder zieht im Technologiepark um. Dies geschieht laufend, momentan schaut Schmitz aus seinem Büro zum Beispiel auf eine Baustelle der „Gesellschaft zur Förderung angewandter Informatik“.

Einige Brachen am Rande des Technologieparks richtet die Wista Management gerade für den Verkauf und die Bebauung her. „In sieben bis zehn Jahren könnten wir doppelt so groß werden“, glaubt Schmitz. Aber er hält nichts von ungezügeltem Wachstum: „Das ideale Krisenverhalten ist die Entdeckung der Langsamkeit.“ In Adlershof gehe es um nachhaltige Erfolge, Insolvenzen liegen nur bei ein bis zwei Prozent. In anderen Ländern sei die Zahl der Pleiten in Technologieparks häufig zweistellig. Als Standortvorteile loben Firmen das starke Netzwerk der Anlieger und die gute Verkehrsanbindung durch den S-Bahnhof und die neue Autobahn A113; auch der Großflughafen BBI entsteht in der Nähe. Auch ist es nicht schwer, qualifiziertes Personal zu finden. Die Absolventen der Humboldt-Uni sind ja praktischerweise Nachbarn.

www.adlershof.de

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