Zeitung Heute : Er bleibt Millionär

Vom Mediencoup zum Medienflop: Günther Jauch will Christiansens Job jetzt doch nicht – und die ARD steht blamiert da

Markus Ehrenberg,Joachim Huber

Es brauchte drei Anrufe und diesen einen Satz, und die ARD war blamiert bis auf die Knochen. Gestern Morgen wählte Günther Jauch nacheinander die Nummern von ARD-Programmdirektor Günter Struve und von NDR-Intendant Jobst Plog und WDR-Chef Fritz Pleitgen.

Ich mach’s nicht, hat Jauch ihnen gesagt, ich komme nicht zur ARD.

Im Herbst 2007 sollte Günther Jauch, 50 Jahre alt, die Nachfolge von Sabine Christiansen antreten und die Polittalkshow am Sonntag im Ersten moderieren. Er sollte neben Harald Schmidt eine der Vorzeigefiguren des öffentlich-rechtlichen Fernsehens werden. Der Einkauf eines der beliebtesten Deutschen ins eigene Programm sollte Struves Ambitionen untermauern: Information und Unterhaltung auf höchstem Niveau, das gibt es eben nur bei der ARD. Beckmann, Schmidt, Pilawa, Jauch – wir kriegen jeden, früher oder später.

Und nun das. Eine Absage. Was ist passiert? Die Anrufe von Jauch in den ARD-Zentralen waren, so wird berichtet, heftig und emotional. Kurz vor der Jauch’schen Telefonaktion hat sich die ARD am Mittwoch von ihrem Skiexperten Markus Wasmeier getrennt. Der treue „Wasi“, immerhin zwölf Jahre im Dienst der ARD, hatte für das Computerspiel „Winter Games 2007“ geworben, das der konkurrierende Privatsender RTL auf den Markt gebracht hatte. ARD-Mitarbeiter sollen aber nicht mehr für kommerzielle Produkte und schon gar nicht die der privaten Fernsehkonkurrenz werben. Nach einigen peinlichen Enthüllungen und einer öffentlichen Schleichwerbungsdiskussion gilt im ARD-Rund jetzt die reine Lehre: strikte Trennung von Werbung und Programm.

Warum griff Günther Jauch jetzt zum Telefon? Wenn der „Wasi“ wegen eines Computerspiels fliegt, was mag erst passieren, wenn Jauch seine Werbeaktivitäten als ARD-Moderator fortsetzen sollte? Zwar nicht fürs eigene Konto, sondern mäzenatisch gestiftet, aber solch ein feiner Unterschied geht mit der reinen Lehre nicht in eins. Auch wenn Günther Jauch gestern mitteilen ließ, dass der Vertrag mit der ARD im November bereits „komplett ausformuliert“ worden sei. Insbesondere das für die ARD wichtige Thema Werbung sei sehr schnell geklärt gewesen. Und zum Fall Wasmeier sagte Jauch dem Tagesspiegel gestern Abend: „Das hat miteinander nichts zu tun. Ich habe von der Wasmeier-Geschichte erst erfahren, als ich der ARD schon offiziell abgesagt hatte.“

Für Jauch war der Zeitpunkt des Ausstiegs nicht entscheidend, sondern der Ausstieg selbst. „Es hätte auch vor einer Woche oder in einer Woche sein können“, sagte er.

Die Wut von Günther Jauch muss groß sein. Ihr kriegt’s nicht hin, soll Jauch den ARD-Hierarchen am Telefon zugerufen haben. Das zumindest ist die Version eines ranghohen Mitarbeiters der ARD. Struve und Plog jedenfalls hatten ihm Tag und Nacht versichert, der ausgehandelte Vertrag werde die ARD-Gremien passieren. Tat er aber offenbar nicht. Gestern teilten der WDR-Intendant Fritz Pleitgen und seine Nachfolgerin Monika Piel mit, für die ARD sei nicht hinnehmbar gewesen, wenn Jauch mit „stern tv“ bei RTL weitermache. Dem Publikum sei schwer zu vermitteln, wenn Jauch am Sonntag im Ersten einen Polittalk moderieren und „uns in der Woche mit einem journalistischen Format als Konkurrent entgegentritt“. Seltsam, als ob man das nicht vorher gewusst hätte.

Dabei war sich Günter Struve seiner Sache derart sicher, dass er im Interview mit dem Tagesspiegel Anfang Dezember gesagt hatte: „Was ich absolut ausschließen kann, ist, dass es bei Günther Jauch zu irgendwelchen Problemen kommen wird.“ Sollte es doch zu einem Problem kommen, kündigte Struve seinen Rücktritt an. „Aber sofort“, sagte der Programmchef. Jetzt ist Jauch zurückgetreten. Und Struve? Bedauert zutiefst den Jauch-Rücktritt vorm Amtsantritt. Von Rücktritt war gestern keine Rede mehr.

Man muss schon noch mal innehalten, um zu verstehen, was da passiert ist. Das Jauch-Engagement war einer der Mediencoups des vergangenen Jahres. Fernsehliebling Jauch macht rüber von den Privaten zu den Öffentlich-Rechtlichen, kehrt zu Mutter ARD zurück, aus deren Schoß er Mitte der 80er Jahre als Moderator im Bayerischen Rundfunk kroch. Längst ist ein König in Fernseh-Deutschland. Eigener Kopf, eigener Wille, eigene Vorstellungen. Dieser Souverän seiner Selbst sperrt schon mal die Medien von seiner Hochzeit im Juli 2006 aus, der lässt sich für einen Wechsel zur ARD gewinnen – wenn die Bedingungen stimmen. Günther Jauch will auch schon mal den dreifachen Rittberger: weiterhin für RTL arbeiten, wie er es der Senderchefin Anke Schäferkordt im vertraulichen Gespräch versprochen hatte. Weiterhin werben, um das Geld für gute Zwecke wie den weiteren Wiederaufbau seines Wohnorts Potsdam zu spenden. Und bei der ARD den öffentlich-rechtlichen Journalisten geben.

So war das zwischen ihm und dem ARD-Dreigestirn Pleitgen, Plog und Struve verabredet. Aber vielleicht ist schon viel früher etwas schiefgelaufen zwischen Jauch und der ARD. Schon die Verkündigung des Coups war so nicht geplant, auch da war ein kleiner Anlass Motor für die große öffentliche Bewegung. Wolfgang Klein, der Redaktionsleiter von „Sabine Christiansen“, hatte sich Mitte 2006 vom ARD-Talk zu „Berlin Mitte“ verabschiedet. Das wollte das ZDF verkünden, hatte die Rechnung aber ohne die ARD gemacht. Voller Hybris posaunte der Marktführer am 23. Juni 2006 die Personalie Jauch hinaus, um das ZDF kleinzuhalten. Nur gab es zu dem Zeitpunkt noch gar keinen Vertrag zwischen dem verantwortlichen NDR und Günther Jauch. Der Kontrakt wurde über Wochen und Monate ausgehandelt, stets begleitet vom Chor der Kritiker. In der ARD – Spitzname „Alle Reden Durcheinander“ – und außerhalb. Tonlage: Wer von der ARD teuer bezahlt wird, darf nur für die ARD arbeiten. Und Werbung sei bei einem öffentlich-rechtlich tätigen Journalisten sowieso eine Sünde.

Der Kontrakt gedieh, die Meckerer meckerten weiter, dann erschien Ende Dezember in der „Zeit“ ein Interview mit der designierten WDR-Intendantin Monika Piel. „Entweder ist einer bei uns oder bei den Kommerziellen“, sagte sie. Klare Worte, in Richtung Günther Jauch. Der rief wieder beim ARD-Spitzentrio an, und konnte noch einmal ruhig gestellt werden. Von nun an redeten wirklich alle durcheinander.

So sehr, dass sich gestern sogar RBB-Intendantin Dagmar Reim aufregte, eine aus der ersten Riege der ARD. Sie könne Jauchs Schritt verstehen, sagte Reim im Inforadio. „Wenn die ARD die trübsten Klischees erfüllt, die über sie im Umlauf sind, dann wird die Verhandlungsposition, die solch ein Senderverbund einnimmt, nicht gerade besser.“ Der neue ARD-Vorsitzende Fritz Raff hatte gesagt, er könne auch ohne Jauch leben. Das musste Eindruck auf Jauch machen. Das Trio um Struve beschwichtigte, frisch ins Amt gekommene Hierarchen wie Piel und Raff machten weiter Wind. Und der wurde stärker. Als Sabine Christiansen im Dezember mit ihrer Russlandsendung und dem ausgeladenen Putin-Kritiker Garri Kasparow böse Kommentare kassierte, war für eine weitere Gruppe im Riesenreich der ARD die Stunde gekommen: Die Christiansen-Nachfolgesendung sollte aus der ARD-Unterhaltung wieder in die Hoheit der Chefredakteure transferiert werden. Das wollte Jauch nicht. Damit „wäre die Sendung dem ständigen Risiko ausgesetzt, zum Spielball der politischen Farbenlehre innerhalb der ARD zu werden“, befand er. Dies entspreche nicht seinem Empfinden von „innerer Freiheit und äußerer Unabhängigkeit“. Günther Jauch, erfolgreich wie er ist, wollte nicht in die Ebene der ARD-Mühen.

Das kann man verstehen, wenn man sich nur ein bisschen in seinen Kopf hineindenkt. Jauch ist wahrscheinlich wirklich der beliebteste deutsche Fernsehmann. „Wer wird Millionär?“ räumt dreimal die Woche abends ab. Sechs Millionen Zuschauer schalten RTL ein, träumen davon, auch einmal auf dem Stuhl zu sitzen, von Jauchs Cockerspanielblick belächelt oder verunsichert zu werden und am Ende eine Million Euro zu gewinnen. Fernsehkritikerin Barbara Sichtermann hat einmal geschrieben: Jede Mutti wünscht sich Jauch als Schwiegersohn.

Hat man Jauch im Haus, kann man jede Frage beantworten und wird Millionär. Man muss ihn nur im Haus haben.

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