Zeitung Heute : „Er hat Berlin latent gehasst“ Ersatzkanzlers Rückkehr: Stoiber wieder daheim

Mirko Weber[München]

Als der Schriftsteller  Max Frisch einmal vom gebürtigen Fürther Henry Kissinger durchs Weiße Haus geführt wird, das ist 1970, will er eigentlich die ganze Zeit fragen, was wohl das Ziel Richard Nixons sei. Aber er stellt die Frage dann doch nicht. Sie erübrigt sich. Nixons Ziel war es, Präsident zu werden, „und er hat sein Ziel erreicht, indem er kein anderes hatte, Macht als Ziel der Macht…“,  notiert Frisch.

Bei Helmut Gänßbauer ist alles ein paar Nummern kleiner: das Haus und vor allem die gefühlte Wichtigkeit. Aber Helmut Gänßbauer aus Geretsried, der für Edmund Stoiber vor nunmehr 35 Jahren die ersten Wahlkämpfe auf Kreisebene geführt hat, ist auf alle Fälle ein gescheiter Mann. Er wolle nicht im Nachhinein Recht behalten, sagt Gänßbauer, aber er habe schon vor einem Vierteljahr gesagt, „dass Stoiber besser gleich hätte hier bleiben sollen. Es wäre ihm viel Ärger erspart geblieben.“

Genau das hat Gänßbauer im Übrigen Stoiber auch selbst gesagt. Manchmal treffen sie sich, Stoiber hat jahrelang in der Egerlandstraße gewohnt, in Geretsried, das ist nicht weit von Wolfratshausen. Geretsried ähnelt Stoiber mehr als Wolfratshausen. Die Stadt hat alles, was der Neuzeitler zum fortschrittlichen Leben braucht, aber man weiß nie genau, ob man das Gesicht der Siedlung als Grimasse oder als ernsthaften Ausdruck wahrnehmen soll. Und wo eigentlich das Herz sitzt, weiß man auch nicht.

Gänßbauer ist unsicher, ob Stoiber damals richtig zugehört hat, er höre ja so viel. Und oft nicht zu, möchte man ergänzen, aber Gänßbauer kennt natürlich auch die ganzen Geschichten aus der Staatskanzlei, wo den Mitarbeitern regelrecht die Sonne aufgeht im Gesicht, wenn der immer ein bisschen zu Unrecht verteufelte Erwin Huber die Runde macht. Der kennt die Leute mit Namen, weiß allerlei Persönliches und fragt auch mal nach der Familie. Stoiber nie. Es komme jetzt immer öfter vor, sagt Gänßbauer, dass Stoiber alte Freunde aus den Anfangstagen seiner Karriere nicht mehr duzt, sondern mit „Sie“ anredet. Als wären die nie in seiner Welt vorgekommen. Die Macht als Ziel der Macht ist das Einzige, was zählt.

„Er hat ja Berlin latent gehasst“, sagt Helmut Gänßbauer. Womöglich habe Stoiber aber gedacht, der durch das schlechte Wahlergebnis gesunkene Einfluss der CSU könne ohne ihn noch weiter schwinden und sich dann ein Ministerium zurechtgemalt, das auf dem Papier den meisten anderen doch zu sehr nach Traumschloss aussah. Heinrich Oberreuter, der an der Passauer Universität Politik lehrt, beurteilt das nüchterner: Stoiber habe gesehen, dass die „Dinge in Berlin schwer beherrschbar und wahrscheinlich auch nicht zukunftsträchtig sind. Er geht auf Distanz zu einem Kabinett der Schwäche“, sagt Oberreuter.

Natürlich war der Abgang  das Gegenteil von stark. Dennoch finden Gänßbauer wie Oberreuter nicht, dass Stoiber so heftig angeschlagen sei, wie im Moment allenthalben behauptet wird. Dennoch hat Stoiber mit einigem Erschrecken auf die massive Kritik an seinem Rückzug reagiert. Innenminister Beckstein zum Beispiel nannte die Entscheidung „schwer erträglich“. Ex-CSU–Chef Waigel sagte, Stoiber habe der Partei wahrscheinlich zu viel zugemutet. Und an der Parteibasis werden immer mehr Stimmen laut, die eine neuerliche Kandidatur Stoibers bei den Landtagswahlen 2008 in Frage stellen. Gelernt dürfte Stoiber bei alledem haben, dass Franz Josef Strauß nicht Recht hatte, als er einmal behauptete, das Fußvolk der Partei bestehe nur aus „Pygmäen“. Stoiber wird die anderen wachsen lassen und  mehr Leute mit in Boot holen müssen, als ihm innerlich lieb sein kann. Aber er wird sie ins Boot holen, weil ihm die Macht teuer ist.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar