Zeitung Heute : Er hat unser Verhältnis zu Deutschland entkrampft

Avi Primor

Johannes Rau lernte ich unmittelbar nach meiner Ankunft als Botschafter in Deutschland kennen, noch ehe ich Bundespräsident Richard von Weizsäcker mein Beglaubigungsschreiben überreichte. Es wäre gar nicht in Frage gekommen, mein Amt in Deutschland zu übernehmen, ohne zunächst einen Antrittsbesuch beim nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten zu machen.

Ich kannte Deutschland bis zu meiner Ankunft als Botschafter überhaupt nicht. Nie zuvor hatte ich deutschen Boden betreten. Aber Deutschland war für mich immer so wie für uns alle: ein Rätsel, ein Problem, eine Angst oder eine große Hoffnung. Wir Israelis haben die Entwicklung in Deutschland immer mit dem größten Interesse verfolgt, selbst wenn man wie ich keinen unmittelbaren Kontakt mit Deutschland haben wollte. Und wer sich in Israel für Deutschland interessierte, konnte den Namen Johannes Rau nicht übersehen. Johannes Rau war omnipräsent. Es gab Jahre, in denen wir uns die Frage stellten: Haben sich die Deutschen gewandelt? Gibt es, wie unser erster Ministerpräsident Ben Gurion predigte, ein anderes Deutschland, oder ist es nur der politische Rahmen, der sich in Deutschland geändert hat? Es waren Leute wie Johannes Rau, die uns allmählich überzeugt haben, dass ein anderes Deutschland auch andere Deutsche bedeutet, dass wir den Deutschen vertrauen, mit ihnen gemeinsam die Vergangenheit analysieren und eine bessere Zukunft gestalten können. Er hat unser Verhältnis zu Deutschland mit viel Geduld allmählich entkrampft. Wir wussten, dass sein Interesse für Israel ohne Vorbehalte, dass es nicht künstlich war, sondern aus tiefster Überzeugung stammte. Er war überzeugt, dass man alles Mögliche tun müsse, um die Juden so weit wie möglich zu entschädigen für das, was in der Nazizeit geschah, dass man sich mit ihnen versöhnen muss – und das vor allem im Interesse der Deutschen. Er glaubte an die deutsch-jüdischen und deutsch- israelischen Beziehungen nicht nur als echter Humanist, sondern als deutscher Patriot. Und genau deshalb war er für uns so überzeugend.

Ich persönlich habe die Freundschaft mit Johannes Rau sehr genossen. Er war ein liebenswürdiger, entgegenkommender Mensch, der mir bei meiner Arbeit in Deutschland ständig geholfen und mich unterstützt hat. Selten ist unsere Trauer um einen Staatsmann so echt und tiefgreifend wie heute.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben