Zeitung Heute : Er liebte die Ozeane – und war wasserscheu

Der Tagesspiegel

Von Paul Janositz

Er war ein Held. Er griff mit beiden Händen nach dem Abenteuer. Wer meint, in einer technisierten, abgesicherten Welt seien keine Abenteuer mehr möglich, der sollte das Leben des gestern im Alter von 87 Jahren gestorbenen Thor Heyerdahls studieren.

Er ist ein wasserscheues Kind, das fast zweimal ertrinkt. Ein Fallschirmjäger, der im zweiten Weltkrieg gegen die deutschen Besatzer kämpft. Ein junger Mann, der zusammen mit seiner ersten Frau Liv auf den pazifischen Marquesa-Inseln der Zivilisation entfliehen will. Ein 33-jähriger Zoologe und Geograph, der 1947 im peruanischen Hafen Callao ein aus Stämmen des Balsa-Baumes zusammengezimmertes Floß besteigt.

„Kon-Tiki“ nennt Heyerdahl sein Gefährt – wie der gottähnliche Sonnenkönig im alten Peru. Die waghalsige Fahrt soll nach Polynesien führen und beweisen, dass es für die Indios schon vor der Inka-Zeit möglich war, von der Küste Südamerikas zu den Inseln des östlichen Pazifiks zu gelangen.

101 Tage später ist Heyerdahl am Ziel. Er schreibt ein Buch, der ein in 70 Sprachen übersetzter Welterfolg wird. Der Dokumentarfilm über seine 8000 Kilometer lange Fahrt beschert ihm den Oscar. Über „Kon-Tiki“ wird rund um die Welt gestritten. Die Frage, ob die Besiedelung Polynesiens von Amerika aus erfolgte, interessiert nun auch Menschen, denen völkerkundliche Themen bisher gleichgültig waren. Und immer noch zieht das Floß im Osloer Kon-Tiki-Museum die Besucher an.

„Heyerdahl ist es hervorragend gelungen, wissenschaftliche Themen populär zu machen“, sagt Markus Schindelbeck, Ethnologe am Berliner Völkerkundemuseum. Die Anerkennung der Forscher-Zunft hat Heyerdahl aber nicht gefunden. Spekulativ seien seine Thesen gewesen, sagt Schindelbeck – die Belege, gesammelt in vielen spektakulären Expeditionen, ohne wissenschaftliche Bedeutung; die archäologischen und ethnografischen Fakten sprachen „fast alle gegen eine Besiedelung Polynesiens von Amerika aus“.

Entmutigt hat Heyerdahl solche Kritik nicht, eher angespornt. „Mein ganzes Leben schon kämpfe ich gegen Dogmen“, sagte er, 85-jährig, in einem Interview mit dem Schweizer Magazin „Facts“. Jede Kritik habe zu einer neuen Expedition geführt. Mit seinen Aktivitäten forderte er die traditionelle Wissenschaft heraus, die ihre Erkenntnisse auf versunkene Zeugnisse stützt. Heyerdahl erfand die „experimentelle Archäologie“. Fahrten zu den Galapagos-Inseln und zur Osterinsel nutze er für neue Buch- und Filmerfolge, bevor er 1969 einen ersten Schiffbruch erlitt. Eine Atlantiküberquerung mit seinem Papyrusboot „Ra“, benannt nach dem ägyptischen Sonnengott, musste er 1000 Kilometer vor dem Ziel, der karibischen Insel Barbados abbrechen. Die Fahrt in einem Boot, wie es vor 5000 Jahren zu Nilfahrten benutzt worden war, sollte beweisen, dass die Ägypter schon Jahrtausende vor Kolumbus in der Lage waren, Zentralamerika zu erreichen.

Auf den getrennten Erdteilen fand Heyerdahl erstaunliche kulturelle Parallelen. Es gab ähnliche Keramiken, Schiffe aus Binsen und Rohr und Pyramiden in Stufenform. In beiden Hochkulturen, in Mesopotamiens wie in Mexiko, wurden Sonnengötter verehrt. Die Menschen in beiden Erdteilen mussten – davon war Heyerdahl fest überzeugt – in Verbindung gestanden haben.

Unbeirrt überzeugt, dass „Ozeane keine Barrieren für die frühen Menschen waren, sondern Verkehrswege“ stach Heyerdahl 1970 vom marokkanischen Hafen Safi aus erneut in See. Und diesmal glückte das Vorhaben. Sein Boot „Ra II“ erreichte Barbados. Buch und Film über die 57-tägige Fahrt wurden wie gewohnt Welterfolge, das Boot kam ins Osloer Museum.

Für das nächste archäologische Experiment fertigte Heyerdahl das Boot „Tigris“ aus mesopotamischem Schilf. Mit einer internationalen Crew segelte Heyerdahl fünf Monate lang vom Irak über Oman, Pakistan, Dschibuti zum Eingang des roten Meeres, um zu beweisen, dass bereits die Sumerer auf dem Seeweg mit anderen Kulturen Verbindung hatten. Die Fahrt endete mit einem Fiasko. Als „Tigris“ wegen eines Krieges zwischen Äthiopien und Somalia nicht ins Rote Meer einfahren konnte, steckte Heyerdahl sein Boot in Brand. Der Protest gegen Krieg und Aufrüstung brachte zwar keinen Frieden in die kriegerische Gegend um das Horn von Afrika. Doch Heyerdahl ließ in seinen politischen und ökologischen Engagement nicht nach. Er setzte sich weiter für Abrüstung ein, kritisierte die Verschmutzung der Meere und engagierte sich bei der Naturschutzorganisation WWF.

Anfang April hatte Heyerdahl keine Nahrung, kein Wasser und keine Medikamente mehr zu sich genommen – nachdem bei ihm Krebs diagnostiziert worden war. Er starb gestern in seinem Haus in Italien.

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