Zeitung Heute : „Er musste sich wohl von uns befreien“

2002 war das Hermann-Hesse-Jahr. Viele meldeten sich zu Wort, nur einer schwieg: sein Sohn. Heiner Hesse erzählt, wie es ist, mit einem ziemlich schwierigen Vater aufzuwachsen.

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Heiner Hesse, 93, ist der mittlere Sohn des Schriftstellers Hermann Hesse, einem der einflussreichsten Autoren des 20. Jahrhunderts. Heiner Hesse ist Mitherausgeber der neuen HesseGesamtausgabe, die im Suhrkamp-Verlag erscheint. Wir treffen ihn in seiner alten, umgebauten Mühle am Berghang des Lago Maggiore oberhalb Asconas. Ein schmaler Pfad führt zu der Mühle, an der Eingangstür hängt ein Notizblock mit einem Bleistift, darauf die Initialen „HH“.

Interview: Kerstin und Gunnar Decker Herr Hesse, Ihr Vater war der jugendliche Rebell der Literatur, vielleicht einer der ersten, der wusste, was Jugend wirklich bedeutet.

Sie denken an seinen Roman „Unterm Rad“. Sicher, er flog von den Schulen, aus den Lehren, stritt mit seinen Eltern, besorgte sich einen Revolver.

Bis die Eltern keinen Ausweg mehr sahen und das wilde Kind in die Irrenanstalt gaben. Von dort schrieb er an den Vater: „Sehr geehrter Herr! Da Sie sich so auffällig opferwillig zeigen, darf ich Sie um sieben Mark oder gleich um einen Revolver bitten…“ Haben Sie je solche Briefe an Ihren Vater geschrieben?

Nie.

Sie hätten Grund gehabt.

Hermann Hesse war kein Rabenvater. Es gab eine Zeit, da durften wir jeden Abend zu ihm hinauf in sein Arbeitszimmer. Das war ein heiliges Zimmer, es roch nach Tabak. Mein Vater ist nie böse geworden, niemals laut. Und wenn er Zeit hatte – dann für uns.

Vielleicht war Ihr Vater niemals laut, aber wie alt waren Sie, als er Sie und Ihre Geschwister weggab und seine Frau in die Irrenanstalt schickte?

Mein älterer Bruder Bruno war zwölf, ich war neun. Bis dahin hatten wir das schönste Kinderleben. Wir sind auf die Tanne vor unserem Haus in Bern geklettert und haben in zwölf Metern Höhe die Schokolade gegessen, die wir in Mutters Schränken gestohlen hatten. Wir waren sehr wild.

Der Autor Romain Rolland hat Sie und Ihren großen Bruder beschrieben, als er im August 1915, mitten im Ersten Weltkrieg, Ihren Vater besuchte. Ziemlich weit entfernt von der Stadt, auf einem Hügel am rechten Ufer der Aare, lebte Hesse in einer Villa mit seiner Frau und „zwei ziemlich hübschen Jungen zwischen acht und zehn Jahren, die den Tag über nackt verbringen, wie kleine Wilde…“

Habe ich doch gesagt, dass wir wild waren. Und Wilde sind nun mal nackt.

Ihr Vater war Nacktkletterer. Sie wohnen heute neben dem Monte Veritá, hier organisierte sich die erste Nudistenbewegung in Europa.

Ach, wissen Sie…

Von Ihrem jüngsten Bruder Martin sagt Romain Rolland nichts. War er nicht dabei?

Nein, Martin war kleiner und sehr oft krank. Als er eine Hirnhautentzündung bekam, hat meine Mutter in abgedunkelten Räumen wochenlang bei ihm gesessen.

Bruno, der Ältere, und Sie wurden getrennt, als Ihr Vater eines Tages beschloss, im Tessin ein neues freies Schriftstellerleben zu beginnen.

Ja, Bruno kam aufs Land, zum Maler Cuno Amiet. Er hat „Onkel“ und „Tante“ zu ihm und seiner Frau gesagt und ist später ein braver Cuno-Amiet-Schüler geworden. Ich jedoch kam von einem Heim ins nächste. Knabenheim, Landerziehungsheim, alles. In einem Kinderheim hatte ich meine erste Freundin, die habe ich über zehn Jahre später geheiratet.

Warum diese ständigen Wechsel?

Bruno hatte es offenbar besser getroffen als ich.

Suchte Ihr Vater die Heime aus?

Er blieb immer im Hintergrund. Er war nie fähig, selber zu handeln. Dr. Lang, ein Freund, regelte meist alles in seinem Auftrag.

Von einem Tag auf den anderen ohne Mutter, ohne Vater, ohne Geschwister. Sie haben Ihren Vater nicht für diese Einsamkeit gehasst?

Nein, das wäre mir nie in den Sinn gekommen.

Sie haben ihn nie um einen Revolver gebeten?

Nein.

Und nie solche Briefe verschickt wie Ihr Vater an seinen Vater: „Nun jedenfalls seid Ihr mich los, und das genügt ja. Achtungsvoll H. Hesse.“

Manchmal besuchte ich meinen Vater. Aber es war schwierig. Denn ich gab ihm natürlich die Hauptschuld für die kaputte Ehe. Und auch dafür, dass meine Mutter krank wurde.

Wann haben Sie gemerkt, dass es schwierig wurde zu Hause?

Gar nicht. Ich saß auf der Tanne, war glücklich und habe nichts bemerkt.

Woran ist die Ehe Ihrer Eltern kaputt gegangen?

Mein Vater hat meinen kleinen Bruder Martin nicht ertragen. Martin besaß alle sensiblen Seiten meines Vaters in Potenz, er war übernervös, immerzu krank, er schrie viel. „Entweder das Kind muss aus dem Haus oder ich gehe“, hat mein Vater schon früh zu meiner Mutter gesagt. Mehr als einmal.

Eine unbarmherzige Alternative für die Mutter.

Und dann 1918 sind sie hier unten in Ascona zu einem deutschen Psychiater gegangen. Der kam aus der Monte-Veritá-Bewegung. Es muss eine Art Psychoanalyse gewesen sein. Zuerst hat mein Vater mit dem Psychiater gesprochen, dann sollte sie zu ihm. Als sie wieder draußen war, bekam sie einen Wutanfall. Da hat sie versucht, meinen kleinen Bruder zu erwürgen.

Das ist nicht unbedingt der Sinn von Psychoanalyse.

Nein, das ist nicht der Sinn. Es war das erste Mal, dass sie einen solchen Ausbruch hatte.

Und da dachte Ihr Vater, sie sei schizophren?

Der Arzt sah das auch so. Wenn man sich zwischen Kind und Mann entscheiden soll, ist das schon eine schizophrene Situation.

Hermann Hesse wurde selbst in eine Irrenanstalt geschickt, dabei war er nicht krank. Nur mit Glück durfte er sie wieder verlassen. Trotz dieser Erfahrung wiederholte er das an seiner Frau. Verstehen Sie das?

Es war wohl Hilflosigkeit. Sie waren überfordert, alle beide.

War Ihre Mutter wirklich schizophren? Das schreiben jedenfalls alle Hesse-Biografen.

Nein, mit Schizophrenie hatte das nichts zu tun. Es waren schwere Depressionen. Das haben wir zum Glück schriftlich von Herrn Jung…

…dem berühmten Psychoanalytiker…

…genau. Meine Mutter wurde in Küsnacht eingeliefert, C.G. Jung war dort Therapeut. Ich habe einen Brief von Jung an meinen Vater gefunden. So krank kann meine Mutter nicht gewesen sein, schließlich hat sie noch unseren ganzen Berner Hausstand aufgelöst.

Bei Ihrem Vater liest sich das anders. Von seiner früheren Existenz sei wenig übrig geblieben, sagt er, „so machte ich einen Strich unter sie, packte meine Bücher, meine Kleider und meinen Schreibtisch ein, schloss das verödete Haus und suchte einen Ort, wo ich allein und in vollkommener Stille von vorn beginnen konnte.“

Nein, gepackt und alles organisiert hat immer sie. Mein Vater war praktischen Dingen nicht gewachsen.

Nun hatte Ihre Mutter nicht mehr die Gelegenheit, sich für ihren Mann oder den jüngsten Sohn zu entscheiden. Auch der kleine Bruder wurde von der Mutter getrennt?

Natürlich. Er kam wieder in das Heim, in dem er früher schon oft war. Er stand immer schon mit einem Bein in seinem späteren Zuhause. Es war ein Altersheim. Martin war das einzige Kind unter lauter alten, gebrechlichen Leuten.

Was hat man sich dabei gedacht? Dass der übernervöse Junge in einem Altersheim ruhiger wird?

Vielleicht. Später hat Martin dieses Altersheim geerbt. Es hatte zwei alten Frauen gehört, die ihn mochten und keine Kinder hatten.

Und was hat Ihr Bruder mit dem Altersheim gemacht?

Daran erinnere ich mich nicht mehr. Martin ist später Fotograf geworden, genau wie meine Mutter. Beide haben später viele Jahre zusammengelebt.

Sie ist also wieder gesund geworden?

Relativ bald. Und sie hat meinen Vater, der fast zehn Jahre jünger war, noch überlebt. Meine Mutter war die erste Berufsfotografin der Schweiz, mein Bruder Martin wurde ein gefragter Architekturfotograf. Auf seinen Bildern sind immer Häuser ohne Menschen, nur in schwarz-weiß. Als die Farbfotografie aufkam, stellte sich heraus, dass Martin farbenblind war.

Er hat vielleicht die schönsten Bilder Ihres Vaters gemacht. Er hat sich mit seinem Vater versöhnt?

Scheinbar. Aber eines Tages, als er schon über 60 Jahre alt war, nahm er sich das Leben.

Hat Ihr Vater Sie damals besucht in den Kinderheimen?

Nein, er hat sich nur von Freunden berichten lassen, wie es mir ging. Aber manchmal waren wir doch alle zusammen, mein Vater, Bruno und ich. 1918 oder 1919 gab es ein Kinderheim am Vierwaldstätter See. Da waren Kinder deutscher Kriegsgefangener, mein Vater hat dort mitgearbeitet. Ich kann mich noch so gut an dieses Lager erinnern, weil mein Bruder und ich die Bestimmer waren. Es war eine schöne Zeit. Alle mussten machen, was wir wollten. Wir haben jeden Streit geschlichtet. Denn wir waren so stark wie ein Dutzend von diesen kranken, unterernährten Kriegskindern zusammen. Bei diesen Kindern wurde ich politisiert. Denn es gab zwei Parteien, eine reaktionäre und eine fortschrittliche.

Die fortschrittliche war gegen den Krieg und die reaktionäre dafür?

Nein, für den Krieg waren alle. Wir auch.

Bei Ihrem pazifistischen Vater?

Damals wusste ich noch gar nicht, dass ich einen pazifistischen Vater hatte. Aber wir haben im Lager immer auf der richtigen Seite gestanden. Wir haben einen Moment zugeguckt und sind dann dazwischen gegangen. Immer auf Seite der Schwachen.

Herr Hesse, darf man von einem Schriftsteller verlangen, ein duldsamer Familienvater zu sein, auch wenn das seine Produktivität bremsen könnte?

Ich glaube nicht. Hermann Hesse war zuerst Hermann Hesse und erst dann unser Vater und Ehemann. Er war ja selbst in einer großen Krise. Er hatte 1916 einen psychischen Zusammenbruch. Er musste sich wohl von uns befreien.

Was wurde aus Ihrem älteren Bruder Bruno? Haben Sie mit ihm über Ihre Kindheit gesprochen?

Nein, nie. Mein Bruder wurde Maler wie sein Pflegevater. Er nahm auch sein Gemüt an. So eine ländliche Genügsamkeit.

Aus Schulen weglaufen, Lehren abbrechen, nicht wissen, was man werden will – das waren die Anfänge Ihres Vaters. Seine Söhne waren unkomplizierter?

Ich wusste auch lange nicht, was aus mir werden sollte. Ein Freund meines Vaters hat meine Matura bezahlt. Denn mein Vater hatte nach 1918 wenig Geld, er hätte uns nie zum Studium schicken können. Aber ich sollte studieren. Als ich sagte, ich wolle Ingenieur werden, war er begeistert. Aber nach der Matura wollte ich nichts mehr hören vom Studieren. Ich wollte lieber Plakatmaler werden.

Und was sind Sie geworden?

Als ich schon über 18 Jahre alt war, begann ich eine Lehre. Meine Mitlehrlinge waren 14 oder 15. Ich wurde Schaufensterdekorateur und fand auch eine feste Anstellung bei einer Züricher Firma. Ich war verantwortlich für sieben Schaufenster in der Bahnhofstraße. Ein Jahr später ging die Firma pleite. Ich war ein guter Dekorateur. Besonderes Talent hatte ich für politische Schaufenster. Ich habe für Emil Oprecht in Zürich dekoriert, ein sehr linker Buchhändler. Er hat Thomas Mann verlegt, als keiner sonst es tat. Die Nazis haben 1934 meine Schaufenster eingeschlagen. So gut waren die gemacht.

Sie waren ein Linker.

Ich war so links, wie man nur sein kann. Ich war Kommunist. Ich war zwar nie in einer Partei, aber wenn die Kommunisten ihre Versammlungen hatten, habe ich Marx-Zitate quer durch die Säle gespannt und Marx selber auf drei Meter vergrößert.

Was hielt Ihr Vater von Ihren Überzeugungen?

Ich war ja nicht allein, Martin war auch Kommunist. Bruno war zu sehr Bauer, um noch Kommunist werden zu können. Mein Vater versuchte, uns davon abzubringen. Wir hatten Auseinandersetzungen. Er sagte: Marx wendet sich an die Massen, ich wende mich ans Individuum. Die Masse, das ist doch ein Salat.

Hat Sie das überzeugt?

Nicht gleich. Lange nicht. Als Kommunist musst du bereit sein zu schießen, hat er gesagt. Ich weiß noch, ich habe überlegt, ob man das für eine bessere Welt nicht in Kauf nehmen muss – mit Stalin an der linken Seite. Martin war viel radikaler. Ich glaube, der hätte sogar geschossen. Vielleicht radikalisiert so eine Kindheit im Altersheim. Aber ich zögerte doch. Während des Krieges - ich war in der Schweizer Armee - wurden sieben Mann aus meinem Bataillon ausgesucht, die sollten einen Kameraden erschießen. Es hieß, der Kamerad sei ein Verräter. Ich weiß noch, welche Angst ich hatte, ich könnte ausgesucht werden. Andere mussten dann schießen. Es hat lange gedauert, bis ich begriffen habe, dass Stalin genau so ein Schwein war wie Hitler.

Sie haben da so einen „Fuck the Army!“-Aufkleber an der Tür, darauf sieht man eine Schildkröte, die mit einem Stahlhelm kopuliert.

Heute bin ich Pazifist. Absoluter Pazifist.

Ein Krieg gegen den Irak…

…wäre der falscheste aller möglichen Wege. Es ist schon entmutigend, dieser Rückfall in längst überwundene Logiken. Schließlich stand mein Vater wie wenige für eine Versöhnung über die „Kulturkreise“ hinaus. Und wie wenige wird er überall auf der Welt gelesen, in Asien genauso wie in Amerika. Hier, sehen Sie mal, die japanische Hesse-Ausgabe…

In Südkorea gab es Pläne, ein großes Hermann-Hesse-Museum zu bauen.

Ich habe hier zwar große südkoreanische Delegationen empfangen, und es sollte ein riesenhaftes Museum werden, aber ich glaube, daraus wird nichts. Südkorea meldet sich nicht mehr. Doch dafür Tblissi. Gerade eben waren Hermann-Hesse-Tage in Tblissi. Es gibt auch schon eine georgische Hesse-Ausgabe.

Ein Einfluss des deutschen Hesse-Jahres, das in diesen Tagen zu Ende geht?

Eine schöne Fernwirkung, finde ich. Das gefällt mir viel besser als der Hermann-Hesse-Wein rot, Hermann-Hesse-Wein weiß, die Hermann-Hesse-Maultaschen, die bei uns auf den Markt kamen. Aber viel habe ich nicht mitbekommen von den Hesse-Festivitäten, dafür war ich dieses Jahr zu krank. Ich konnte dafür Hesse lesen.

Hatten Sie immer Lust, Ihren Vater zu lesen?

Ich glaube ja. Ich musste mich nie zwingen. Ich bin ein großer Leser meines Vaters und finde jeden Druckfehler. Dann sage ich: Nein, so hat mein Vater das nicht geschrieben! Und ich kann Menschen nicht verstehen, die den Stil meines Vaters altmodisch finden – im „Glasperlenspiel“ zum Beispiel.

Das „Glasperlenspiel“…

…ist ein Buch der Zukunft, Sie werden sehen! Diese Frage nach einer Weltregierung. Die Kritik unseres „feuilletonistischen Zeitalters“. Der Theologe Hans Küng hat vor 25 Jahren auch mal geschrieben, das „Glasperlenspiel“ sei Quatsch mit Soße. Da habe ich mich hingesetzt und zurückgeschrieben, er soll es doch erst einmal lesen.

Und?

Nach sieben Jahren kam ein Buch bei mir an. Walter Jens schrieb darin über Thomas Mann, Hans Küng über meinen Vater.

Die Kinder Thomas Manns haben auch angefangen zu schreiben wie ihr Vater. Sie nie?

Ich war mit den jüngsten Mann-Kindern befreundet, mit Elisabeth und Michael. Elisabeth war im letzten Herbst noch bei mir. Ich bewunderte sie. Ich habe auch mal versucht zu schreiben. Aber mehr für mich, um Gewissheit zu haben.

Welche Gewissheit haben Sie gefunden?

Ich habe wieder aufgehört.

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