Zeitung Heute : Erbe gerettet, Louvre in Sicht

Die Neugestaltung der MuseumsinselSo schnell vergeht der Ruhm eines hochgelobten Entwurfs: Von Frank Gehry und seinem Vorschlag für die Neugestaltung der Museumsinsel war gestern nur noch pflichtgemäß die Rede.Der stille Sieger aber heißt David Chipperfield, hatte beim ursprünglichen Wettbewerb um die Herrichtung des Neuen Museums im Frühjahr 1994 den zweiten Platz errungen, stand dann ganz im Schatten des viertplazierten und von den Museumsdirektoren und deren "General" Wolf-Dieter Dube favoriserten Gehry, und hat nun mit seinem überarbeiteten Entwurf einen so selbstverständlichen Sieg davongetragen, daß man sich über den dreieinhalbjährigen Glaubenskrieg um die Museumsinsel nur noch wundern kann. Das ist nun Vergangenheit.Gestern bestätigte die Baukommission der Stiftung Preußischer Kulturbesitz das einhellige Votum des vom Stiftungspräsidenten beauftragten Beratergremiums aus der Vorwoche, David Chipperfield mit der weiteren Planung des Wiederaufbaus und der Ergänzung des Neuen Museums zu beauftragen.Die Absegnung dieses Votums durch den Stiftungsrat - also durch die 16 Bundesländer sowie den Bund als den Hauptfinanzier der Preußenstiftung - darf als Formsache abgehakt werden.Erst nach der Auzsführungsplanung können die Kosten zuverlässig geschätzt werden, die mit Sicherheit an oder gar oberhalb der Viertelmilliarden-Grenze liegen werden.Bis dahin werden - so Preußen-Präsident Werner Knopp gestern - mindestens zwei Jahre ins Land gehen. Nein, schnell geht es nicht voran auf der Museumsinsel.Der "deutsche Louvre", als der die Sammlungen der Staatlichen Museen apostophiert werden, ja gar die "Berliner Akropolis", von der Enthusiasten der Museumsinsel schwärmen - sie haben noch eine lange Zeit der Provisorien vor sich.Und mit Sicherheit wird man allen Hoffnungen, der Einzug der Bundesregierung in Berlin und die danach sich häufenden Insel-Besuche durch hohe Staatsgäste könnten die Baumaßnahmen vorantreiben, entsagen müssen.Denn mehr Geld aus dem Bundestopf - so dringend erwünscht es wäre - würde den behutsamen Umgang mit der Altsubstanz, wie er notwendig ist und von Chipperfield auch vorgesehen wird, nicht beschleunigen. Es heißt Abschied nehmen von allen Wünschen nach Beschleunigung, um nicht zu sagen nach Instant-Bau.Stattdessen winkt die Wiedergewinnung eines historisch überaus wertvollen Gebäudes - und mit ihr, darf man hinzufügen, eine Präsentation der kostbaren Berliner Altertumsbestände, die den Bildungshorizont, dem sie ihre Erwerbung und Bewahrung verdanken, nicht verleugnet, ohne darum die Bedürfnisse heutiger Besucher zu negieren.Mag dies eine unerfüllbare Quadratur des Kreises sein, so ist Chipperfields Entwurf zumindest der augescheinlich bestmögliche Kompromiß zwischen den unterscheidlichen, nicht unbedingt verträglichen Anforderungen. Ist Chipperfield der bessere Denkmalpfleger, so Gehry wohl der phantasivollere Baukünstler.Die Entwürfe, die gestern zumindest noch zu sehen waren, wenn auch die Aufmerksamkeit allein dem constructor laureatus Chipperield galt, erlauben ein solches Urteil.Aber sie zwingen eben auch hinzuzufügen, daß Gehry wohl besser auf freiem Felde baut als unter der Auflage, denkmalswerte Substanz zu erhalten. Die zunehmend intimere Kenntnis des Gebäudes, die im Verlauf der bereits 1989 begonnenen und zwischen 1991 und 1995 intensiv ausgeführten Sicherungsarbeiten gewonnen werden konnte, hat den Blick für Rang und Qualität des Denkmals enorm geschärft.Das Neue Museum, errichtet, spiegelt die technischen Fortschritte seiner Entstehungszeit.Entgegen dem historisierenden Erscheinungsbild seiner auf den Sammlungsinhalt bezogenen "griechischen" und "ägyptischen" Dekorationen war der Architekt, Schinkel-Nachfolger Friedrich August Stüler, in der Konstruktion des Gebäudes äußerst fortschrittlich.Die Neuartigkeit der Konstruktionen, derer sich Stüler derart bewußt war, daß er sie nach Möglichkeit sichtbar beließ oder im Deckenschmuck bildlich vorstellte, ist ein wichtiger Bestandteil des Neuen Museums als einem baukünstlerischen Denkmal. "Wie nützt man die Geschichte des Bauwerks in der besten Weise?", war die Grundfrage, die Chipperfield seinem Entwurf Arbeit voranstellte.Er spricht - nicht emphatisch, sondern im Tonfall der dienenden Rolle seiner eigenen Arbeit - von der "Schönheit der Ruine".Klar benennt er den "Konflikt zwischen baulichen und organisatorischen Anforderungen" als "Kern des Problems".Damit macht der 1953 geborene Londoner aber auch deutlich, daß er sich beiden Seiten stellt - der Denkmalpflege und darüberhinaus der städtebaulichen Bedeutung des Ortes ebenso wie den Wünschen der Museumsleute, die heutzutage nicht mehr für den Bildungsbürger in splendid isolation, sondern - zumindest auch - für eine nach Millionen zählende Schar unterschiedlichster Besucher zu sorgen verpflichtet sind.So muß Chipperfield nicht nur die innere Organisation der Räume auf den stetigen Durchfluß der Besucher abstellen, sondern auch - dies der gravierendste Eingriff in die Substanz - den früheren Eingang auf der Ostseite durch einen weiteren und in Zukunft weit wichtigeren auf der Westseite des Gebäudes ergänzen.Das Neue Museum wird die Drehscheibe der ganzen Museumsinsel."Wir haben gelernt," - so Dube, der vom unbeirrbaren Gehry-Verfechter bemerkenswert schnell auf Chipperfield umgeschwenkt ist - "daß wir die Insel nur in den Griff bekommen, wenn wir das Neue Museum als Eingangsbauwerk begreifen." Damit läßt sich die Treppenhalle, deren einstige Ausmalung unwiderbringlich zerstört wurde, auch in ihrer Architektur nicht mehr originalgetreu wiederherstellen.Chipperfield sieht eine Kombination aus (neuer) Wendeltreppe und (dem Original angelehnten) Treppenläufen ins oberste Geschoß vor.Der durch eine Reihe von Museumsbauten ausgewiesene Architekt nennt dieses Vorgehen "Juxtaposition".Generell beabsichtigt er je nach dem Erhaltungszustand des Ur-Gebäudes abgestufte Eingriffe: Restaurierung, wo Originalzsubstanz auch im Bereich der üppigen Raumausschmückungen vorhaben ist; Rekonstruktion, wo das Gebäude im ursprünglichen Zustand ergänzt werden kann, wie an der Ecke gegenüber dem Alten Museum oder bei der Fassade zum Kupfergraben hin; Interpretation, wo innerhalb des alten Volumens neu gebaut werden muß, wie der völlig zerstörte Flügel in Nachbarschaft zum Pergamonmuseum; und Intervention, wo Neues hinzugefügt wird, wie die vorgesehenen Anschlüsse zu den benachbarten Museumsbauten, wie sie der Sammlungsrundgang fordert; ob nun als "Schnelldurchlauf" oder als Bildungsgang, macht keinen Unterschied. Die Geschichte des Gebäudes bestmöglich nutzen: Diesem Motto ist David Chipperfield augenscheinlich gerecht geworden.Die kommende Feinplanung wird noch manchen Detailkonflikt hervorbringen.Aber die Grundentscheidung bleibt:nämlich die Achtung vor dem kostbaren Erbe, das auf der Museumsinsel versammelt ist, und das es für künftige Generationen fruchtbar zu machen gilt.

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