Zeitung Heute : Erdbeben verwüstet Haiti

Premier: Vermutlich mehr als 100 000 Tote – Inselstaat ruft Weltgemeinschaft zu Hilfe auf

von
318246_0_e73d7527.jpg
Geschockt. Eine Frau wartet unter Trümmern auf Hilfe, steckt im Geröll fest. Ein schweres Erdbeben hat Haiti erschüttert. Es...AFP

Berlin - Vermutlich mehr als hunderttausend Tote und flächendeckende Verwüstungen: Das sind die Folgen des schwersten Erdbebens seit zwei Jahrhunderten in Haiti. Botschafter des Karibik-Staates riefen die Weltgemeinschaft am Mittwoch auf, dem ärmsten Land Lateinamerikas schnell zu helfen. In der Hauptstadt Port-Au-Prince, wo die Naturkatastrophe sowohl den Präsidentenpalast als auch die UN-Vertretung und Elendsviertel dem Erdboden gleichmachte, spielten sich chaotische Szenen ab. Verzweifelte Menschen gruben mit bloßen Händen in den Trümmern ihrer Häuser nach Überlebenden. Nach Auskunft des haitianischen Präsidenten Réné Préval kam auch der Chef der UN-Friedensmission in Haiti (Minustah), der Tunesier Hedi Annabi, beim Einsturz des UN-Gebäudes ums Leben. Ein starkes Beben gab es auch in Indonesien. Über Opfer war zunächst nichts bekannt.

Die deutsche Bundesregierung sagte am Mittwoch 1,5 Millionen Euro Soforthilfe zu und bot die Entsendung von Bergungsteams an. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sagte, „Deutschland wird, wo immer es kann, den Menschen in Haiti beistehen“. Notfallhilfe und Nahrungsmittelversorgung soll über die Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) erfolgen, sagte Entwicklungsminister Dirk Niebel (FDP). Im Auswärtigen Amt wurde ein Krisenstab eingerichtet. „Ich bin bestürzt über das Ausmaß der Erdbebenkatastrophe“, sagte Außenminister Guido Westerwelle (FDP) nach einem Telefonat mit dem deutschen Botschafter in Haiti. Es sei nicht auszuschließen, dass Deutsche unter den Opfern sind. Laut der Sprecherin der Hilfsorganisation World Vision Deutschland, Iris Manner, „haben unsere Mitarbeiter, die in Haiti leben, selbst Häuser verloren und suchen noch nach Angehörigen“. Noch am Abend flogen vier Experten des Technischen Hilfswerks (THW) zur Erkundung in die Krisenregion, sagte THW-Chef Albrecht Broemme dem Tagesspiegel. Das „Armenhaus der Welt“ sei völlig auf fremde Hilfe angewiesen, da es seit 1995 vor allem aus Kostengründen kein Militär mehr habe, das jetzt helfen könne. „So einen Fall habe ich überhaupt noch nie erlebt.“ Die Menschen auf der Insel Hispaniola, auf deren östlichen Hälfte die offenbar nicht betroffene Dominikanische Republik liegt, sind nun auch von Trinkwasser abgeschnitten.

Das Deutsche Rote Kreuz will am Freitag von seinem Logistikzentrum im Flughafen Berlin-Schönefeld aus ein mobiles Gesundheitszentrum sowie zwei Geländewagen ausfliegen. Caritas International stellt 100 000 Euro Soforthilfe bereit und ruft die Deutschen zu Spenden auf. Erste Mitarbeiter sollen heute Abend Haiti erreichen. Zum Katastropheneinsatz nach dem Erdbeben haben die US-Streitkräfte Schiffe und Flugzeuge in Richtung Haiti in Bewegung gesetzt. Der Flugzeugträger „USS Carl Vinson“ werde mit einigen kleineren Schiffen am Donnerstag die haitianische Küste erreichen, teilte das zuständige US-Südkommando mit. Auch Flugzeuge und Helikopter seien im Einsatz.

Die Erde hatte am Dienstag gegen 17 Uhr Ortszeit (23 Uhr MEZ) gebebt. Bereits der erste und schwerste Stoß in 10 Kilometer Tiefe erreichte eine Stärke von 7,0. Es folgten mehrere Nachbeben, die die Stärke 5,9 erreichten. Das Epizentrum lag etwa 20 Kilometer südlich der Hauptstadt in der Region einer aktiven Plattengrenze. Die Erschütterungen wurden ausgelöst, weil dort die Nordamerikanische und die Karibische Platte aufeinandertreffen, wobei sich die Karibische Platte mit einer Geschwindigkeit von etwa sieben Millimetern pro Jahr zur Nordamerikanischen Platte nach Osten bewegt.

Menschen liefen auf die Straßen und wurden von Trümmern einstürzender Gebäude getroffen. Nach Ansicht eines UN-Mitarbeiters könnte das Beben die höchste Opferzahl von Mitarbeitern zur Folge haben, die je bei Ausübung ihres Mandats auf einen Schlag ums Leben kamen. Bis Mittwochabend waren noch immer mehr als 100 UN-Mitarbeiter vermisst. Untergeneralsekretärin Susana Malcorra sagte, mindestens 14 Blauhelme seien getötet worden.rtr/AFP/dpa

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar