Zeitung Heute : Erdbebensicher

VOLKER STRAEBEL

work in progress spielen Werke von John Cage in der Parochialkirche Ein reines Cage-Programm mit selten gespielten Werken aus den siebziger und achtziger Jahren ist eine Herausforderung an Hörer wie Interpreten.Nur schwer ist die Spannung klanglicher Entdeckerfreude und musikalischer Konzeptkunst in einer Aufführung zu vermitteln, zumal wenn die Technik Streiche spielt und das Publikum auf harten Kirchenbänken friert.Problematische Bedingungen also für das Ensemble work in progress in der Parochialkirche, die dessen Tochtergründung, das Kairos-Streichquartett, nicht von einem glänzen Berlin-Debüt abzuhalten vermochten.Weit im Kirchenraum verteilt spielten die jungen Instrumentalisten, denen man die wiederholte Zusammenarbeit mit dem Arditti-Quartett anzumerken meint, die anspruchsvollen "Thirty Pieces for String Quartet" in überwältigender Präzision, mit feinem Klangsinn und fast perfekter Balance.Kairos behält zu den zufällig aufeinandertreffenden Einzeltönen und Klanggesten eine vornehme Distanz, verdoppelt keinen musikalischen Verlauf in aufdringlicher Expressivität, sondern überläßt die drei sauber getrennten Materialschichten sich selbst, die Bildung musikalischer Zusammenhänge dem Hörer.Ein fesselndes Spiel befreiter Klänge, deren flexible Struktur diese Musik tatsächlich erdbebensicher macht, wie Cage einmal bemerkte.
Noch offener ist die Partitur von "Child of Tree", einer Improvisation auf zehn "Instrumenten" aus Pflanzenmaterial.Tan Kutay begann späktakulär mit einem mächtig geschwungenen getrockneten Palmwedel, um dann einen reizvollen Übergang zu leiseren, schließlich verstärkten Klängen zu gestalten.Das Kaktusstachelklicken aus einem weit vom Podium entfernten Lautsprecher zerstörte allerdings den konzentrierten Raumeindruck ebenso wie die Stereowiedergabe der Tonbänder im Kontrabaß-Solo aus "Ryoanji".Dessen Glissandi nahm Gerhardt Müller-Goldboom mit einer halben Minute pro "Garten" sehr schnell, wodurch er zwar die Großform leichter faßbar machte, aber auch räumliche Bewegungsvorstellungen evozierte, die dem Stück eher fremd bleiben."Telephones and Birds" schließlich, Medienkomposition für Vogelstimmenaufnahmen und Telephonansagen, geriet bei rund halbstündiger Dauer und unbefriedigender Klanggestaltung zu einer argen Geduldsprobe.Dennoch ein notwendiger Schritt auf dem Weg zu einer Aufführungstradition des amerikanischen Meisters.VOLKER STRAEBEL

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