Zeitung Heute : Erdrutsch-Sieg

ALBRECHT MEIER

Tony Blair ist der strahlende Gewinner der Wahlen in Großbritannien.Ob nun der Insel unter dem Labour-Chef ein tiefgreifender Wandel bevorsteht, bleibt abzuwartenVON ALBRECHT MEIERSteht Großbritannien vor einer Wende? Beginnt mit dem Einzug Tony Blairs in die Downing Street wieder eine Revolution, wie sie Margaret Thatcher im Mai vor 18 Jahren einläutete? Nicht wenige - auch auf dem Kontinent - fragen nach den Chancen des Wandels, die sich für Großbritannien mit dem ersten Machtwechsel seit 1979 bieten.Stehen nun, da der Erdrutschsieg der Labour Party die politische Landkarte Großbritanniens drastisch verändert hat, auch tiefgreifende gesellschaftliche Veränderungen auf der Insel bevor? In einem Land, das revolutionären Umstürzen traditionell eher abgeneigt ist, muß die Antwort naturgemäß vorsichtig ausfallen.Die Briten haben sich für eine Labour-Regierung entschieden - nicht unbedingt, weil sie vom Enthusiasmus für Tony Blairs "New Labour" gepackt waren, sondern vielmehr, weil nach 18 Jahren Regierungsverantwortung der Konservativen die Zeit für den Wechsel reif schien.Majors Konservative, die sich nun in der Opposition als englische Rumpfpartei wiederfinden und einen Neubeginn schaffen müssen, bot am Ende das Bild einer Partei, deren Führungspersonal tief in Skandale verwickelt ist und deren Mitglieder über die grundsätzliche Richtung im unklaren sind. Gewiß: Verschleiß nach 18 Jahren an der Macht kann nicht überraschen. Der verzweifelte Kampf gegen eine veränderte Grundstimmung im Lande, den die Tories bis zuletzt ausgefochten haben, markiert ja nur das Ende einer Ära, deren Bilanz insgesamt sehr viel gemischter ausfällt.Die marktwirtschaftliche Öffnung, die Margaret Thatcher Großbritannien verordnete, stellte eine unvermeidliche Roßkur für ein Land dar, das von chronischen Streiks gebeutelt war und noch in den siebziger Jahren bei der Weltbank um Kredite betteln mußte.John Major, der ehemalige Schatzkanzler Margaret Thatchers, hat versucht, das Werk seiner radikaleren Vorgängerin behutsam fortzuführen.In seine Amtszeit fiel das Ende der Rezession zu Beginn der neunziger Jahre.Dennoch konnte er nicht verhindern, daß das britische Pfund an jenem "schwarzen Mittwoch" im September 1992, der auch zu einem schwarzen Tag für die Konservativen werden sollte, aus dem Europäischen Währungssystem herauskatapultiert wurde.Diese nationale Schmach, die mehr als jedes andere Ereignis in der Amtszeit John Majors Zweifel am Wirtschaftskurs der Regierung aufkommen ließ, bereitete letztlich auch den Boden für die Wahlniederlage der Tories.Majors Nachfolger Tony Blair wird in der Europapolitik wieder mit demselben Dilemma konfrontiert werden, das die Konservativen beim Beitritt zum Europäischen Währungssystem bewältigen mußten.Diesmal präsentiert es sich nun in Gestalt der Europäischen Währungsunion. So paradox es klingt: Der haushohe Sieg der Labour Party dürfte einige Reformvorhaben der Partei nicht befördern, sondern eher behindern.Das ist eine besonders bittere Nachricht für die ewigen Dritten im britischen Machtspiel, die Liberaldemokraten.Obwohl sie ihren Stimmenanteil verdoppeln konnten, scheint ihr politisches Ziel - die Einführung des Verhältniswahlrechtes - so weit entfernt wie zu konservativen Regierungszeiten.In der Europapolitik - und das wird nun manche Partner auf dem Kontinent enttäuschen - sind von dem neuen britischen Premier keine allzu großen Zugeständnisse zu erwarten, wenn man von der Unterzeichnung der Sozialcharta einmal absieht.Aber Blair hat angekündigt, die britische Blockadehaltung zugunsten einer konstruktiven Zusammenarbeit aufzugeben.Dann könnte Großbritannien immerhin den Platz finden, den einst John Major im März 1991 bei seinem Besuch in Bonn für sein Land ausgemacht hat - im "Herzen Europas".

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