Zeitung Heute : Erdung

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Tanzende Verhältnisse: Die Nils Petter Molv¶r Band im QuasimodoghlDas Münchner Label ECM gilt als Institution im europäischen Jazz.Seit gut drei Jahrzehnten veröffentlicht Inhaber Manfred Eicher vorwiegend leisen, kammermusikalischen Jazz, oft an der Grenze zu Minimal, Neuer Musik oder New Age."The Most beautiful Sound Next to Silence" so sollten die Platten der "Edition of Contemporary Music" immer klingen: Filigrane Tongespinste mit perlendem Piano und allgemein sehr feingeistiger Musizierhaltung.Der amerikanische Gitarrist Pat Metheny war hier lange zu Hause oder der Pianist Keith Jarrett.Doch nun scheinen die Verhältnisse zu tanzen: Auf einem Album des Hauses ECM ist Drum-&-Bass-Geknatter zu hören, Loops, Beats und Bässe, so tief wie der Marianengraben."Khmer", so der Titel, wurde eingespielt von einem Trompeter, der wie viele ECM-Künstler aus Skandinavien stammt: dem Norweger Nils Petter Molv¶r. Molv¶r gibt ECM, was andere Jazz-Labels meist auf dem Umweg des Samplings erhalten: Anschluß an die Gegenwart und Erdung auf dem Tanzboden.Seine Stücke wurden von Dub-Crews wie Rockers Hi-Fi und The Herbalizer re-mixt eine kleine Sensation.Das Konzert im Quasimodo beginnt in kühlem Blau.Weißes Rauschen aus den Lautsprechern verdichtet sich zu einem infernalischen Bläserchor, der den Hörnern von Jericho recht nahekommt und dann in einen entspannten HipHop-Beat von A Tribe Called Quest mündet.Molv¶r bläst lange, coole, einsame Linien, verfremdet sie mit Wah-Wah und Harmonizer und hebt auf dem Beat seiner zwei Schlagzeuger ab zum Flug in einen unendlichen Nachthimmel.Am Ende des 15minütigen Openers klingt das Quintett fast wie einer seiner Überväter: Miles Davis in seiner elektrischen Phase.Diesen Einfluß deutet Molv¶r ähnlich wie vor ihm die Trompeter Jon Hassel und Toshinori Kondo , indem er die Digitaltechnik konsequent nutzt und mit dem Sound und seinen Möglichkeiten spielt.Mal klingt die Trompete wie eine elektrische Gitarre, mal ist sie nur ein entferntes psychedelisches Blubbern.Molv¶r und seine Band lassen Club- und Jazz-Kultur aufeinanderprallen.Auf der Bühne geht ein DJ seiner Arbeit nach und gleichzeitig applaudiert das Publikum zum Ende eines Solos.Wenn man die Augen schließt, könnte man vermuten, die Bühne stünde voll mit allerneuester Gerätschaft.Tatsächlich ist nicht einmal ein Sampler dabei.Die schlaue Nutzung konventioneller Effekte zum Beispiel der guten alten Talk-Box für die Gitarre und der diskret arbeitende DJ lassen vergessen, daß zur Tourbesetzung nicht einmal ein Keyboarder gehört.Und der Jazz? Steht da, wo er hingehört: auf den Füßen.

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