Zeitung Heute : Erfindungskraft

ECKART SCHWINGER

Tom Schilling, Chefchoreograph der Komischen Oper, wird siebzigECKART SCHWINGERBei Felsenstein habe er entdeckt, "daß in jeder künstlerischen Äußerung ein Gedanke stecken, ein Bekenntnis sein muß".Dieses heute fast schon etwas altmodisch anmutende Credo von Tom Schilling ist nicht ohne Auswirkung geblieben auf die vielbewunderte Ballettarbeit in der Komischen Oper.Unberührt hat man seine Tanztheaterpremieren dort nie verlassen.Was wohl auch damit zusammenhängt, daß Schilling, der noch immer die Meinung vertritt, Kunst könne etwas bewirken, Tanz nie als abstrakte Spielerei, als Selbstzweck auf die Bühne gebracht hat.Der tanzende Mensch interessierte ihn in seinem sozialen Umfeld immer mehr als die technischen Mittel.Und zwar nicht nur bei den großen Balletten wie "Schwanensee", "Schwarze Vögel" oder "Romeo und Julia", sondern auch bei den exquisiten kleinen Arbeiten, für die er nicht zuletzt berühmt wurde, wenn man nur an das umwerfend komische, phantasiesprühende und hübsch bissige "Match" nach der Tonbandmusik von Matthus oder an "Fancy Free" nach Bernstein denkt. Das Faustballett "Abraxas" von Werner Egk war 1966 die erste Arbeit des so musiksensiblen wie einfallsreichen Choreographen für die Komische Oper, nachdem ihn Felsenstein zum Künstlerischen Leiter des Tanztheaters in der Behrenstraße berufen hatte.Als Schilling damals an der Komischen Oper auftauchte, dürfte er für manchen ein Newcomer gewesen sein.Aber urplötzlich ist er keinesfalls aus dem heiteren Balletthimmel auf den heiligen Bühnenboden der Komischen Oper herabgefallen.Am 23.Januar 1928 im thüringischen Esperstedt geboren, kam er zunächst als Eleve ans Dessauer Theater, machte 1944 kriegsbedingt den Notabschluß als Bühnentänzer, geriet als Soldat in die Kriegsgefangenschaft und war nach Flucht und Heimkehr von 1946 an Tänzer und Solist am Opernhaus Leipzig, am Friedrichstadtpalast Berlin, bis er Choreograph in Weimar und schließlich Chefchoreograph und Ballettdirektor an der Dresdner Staatsoper wurde. Dore Hoyer, Mary Wigman und Gret Palucca, der deutsche Ausdruckstanz, aber auch der klassische russische Tanzstil haben den jungen Schilling in entscheidender Weise geprägt.Obwohl der Krieg wie die politische Wende Schatten auf seinen Lebensweg geworfen haben, verlief seine künstlerische Karriere geradezu bilderbuchartig.Tom Schilling, der bescheidene, besonnene Mensch, der mit Verpflichtungen im In- und Ausland, mit Ehrungen und Preisen reich bedacht wurde und bis zum Jahr 1993 an der Komischen Oper wirkte, wird bis zum heutigen Tag von seinem Publikum in einer Weise verehrt und geliebt, wie das nur wenigen Künstlern in dieser Stadt zuteil wird. Es ist kein Zufall, daß ihm die Komische Oper am 31.Januar mit der Aufführung von "Romeo und Julia" zum 70.gratulieren wird.Denn Schillings zweite Choreographie des Prokofjew-Balletts zählt sicherlich zu seinen besten und bewegendsten Arbeiten.Aber auch die anderen, noch im Spielplan der Komischen Oper verbliebenen Arbeiten von Schilling dürften in Zukunft in ihrer reichen choreographischen Erfindungskraft, ihrer unverwechselbaren szenisch-tänzerischen Qualität Akzente setzen.

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