Zeitung Heute : Erhabenes Donnergrollen

VOLKER STRAEBEL

Die Maulwerker im Kunstschiff "Anna"Die vielfältigen Möglichkeiten des menschlichen Stimm- und Artikulationsapparates zur Klangerzeugung zwischen Geräusch, Gesang und Sprache zu nutzen, ist seit je her die Domäne der Maulwerker, eines vor fast 20 Jahren von Dieter Schnebel begründeten Spezialensembles für Experimentelle Musik.Trotz steten Wechsels ihrer Mitglieder, die sich aus höheren Semestern der HdK rekrutieren, haben sich die Maulwerker eine im besten Sinne detailverliebte und auf klangliche wie szenische Prägnanz versessene Musizierhaltung erarbeiten und bewahren können.Ein Glücksfall für Berlins Neue Musik, deren Ensembles nicht immer diese Disziplin an den Tag legen. Der offene Laderaum des an der Fischerinsel vertäuten Schubschiffes "Anna" ist wie geschaffen für jene leisen Stücke John Cages, in denen vereinzelte Klänge einen musikalischen Raum aufspannen, der auch von Umweltgeräuschen bevölkert sein will.In "Four" reflektierten die Maulwerker ihre Konzertsituation zwischen Natur und Technik nochmals durch die Auswahl der Klangerzeuger: Tilmann Walzer spielte auf einer Orgel aus acht elektrischen Föhnen industriell starres Rauschen, während Henrik Kairies seinen Flaschen und gestrichenen Gläsern lebendige Blas- und Pfeifklänge entlockte.Leider gingen Ariane Jeßulat und Katarina Rasinski weniger konsequent vor und erzeugten teils intern rhythmisch stark strukturierte perkussive Klänge, die den Kontrast zu den Umweltgeräuschen als musikalisch-künstlerische Produktion verschwimmen ließen. Unter den Eigenkompositionen verdient besonders Katarina Rasinskis "Eiszeit" (1997) Beachtung, in der die Laute der sich bedrohlich langsam auf das Publikum zubewegenden Phalanx von fünf Vokalisten von Putz- und Fegegeräuschen außerhalb des Laderaumes kontrapunktiert werden.Offenbar sind hier weniger die Stimmklänge selbst als vielmehr die Weise ihrer Hervorbringung komponiert, so daß rein abstrakte Verschiebungen und Überlagerungen eines virtuos ausdifferenzierten Klanggefüges entstehen.Zum stimmlichen Feuerwerk geriet schließlich die lautpoetische Umsetzung verschiedener Chlebnikow-Texte unter dem Titel "Schramme am Himmel", in der die Maulwerker mit unerreichter Souveränität und Perfektion zwischen den Genres herumspringen, ein "erhabenes Donnergrollen" klanglich ausdeuten, Zisch- und Schnalzlaute in glissandierende Vokalisen übergehen lassen oder Nonsense-Sätze im Kanon vortragen.So entsteht eine lustvoll artikulierte futuristische Klangwelt jenseits des lallenden Klamauks.VOLKER STRAEBEL Noch einmal heute, 20 Uhr, im Kunstschiff "Anna", Fischerinsel.

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