Zeitung Heute : Erhöhte Wahrnehmung

Erstmals seit fünf Jahren steigen die Zinsen – doch Sparer werden davon kaum profitieren

Henrik Mortsiefer

Die Europäische Zentralbank hat gestern den Leitzins angehoben – von 2 Prozent auf 2,25 Prozent. Was ändert das für den einzelnen Bankkunden?


Die gute Nachricht zuerst: Kredite werden nach der moderaten Zinserhöhung vom Donnerstag kurzfristig nicht teurer. Zumindest signalisieren dies viele Banken und Sparkassen. Die schlechte Nachricht: Auch Sparguthaben und Tagesgeld werden nicht ab morgen höher verzinst. Verpufft die Zinserhöhung also – oder wirkt sie sich mit Verzögerung auf die privaten Finanzen aus? Immerhin verfügten die Bundesbürger im vergangenen Jahr über ein Geldvermögen in Höhe von mehr als vier Billionen Euro. Dem standen Schulden in Höhe von rund 1,6 Billionen Euro gegenüber.

Verbraucherschützer haben festgestellt, dass Zinsen in der Regel schnell angepasst werden, wenn dies zu Lasten der Verbraucher geht. Mehr Zeit lassen sich die Banken hingegen, wenn die Verbraucher von steigenden Zinsen profitieren. Die Banken weisen dies in der Regel zurück. Am Beispiel von Verbraucher- und Ratenkrediten lässt sich allerdings zeigen, wie schnell die Geldhäuser reagieren – nämlich schon vor der Zinserhöhung. Da die Geschäftsbanken in Zukunft selbst mehr zahlen müssen, wenn sie bei wöchentlichen Refinanzierungsgeschäften bei der Zentralbank Kredite aufnehmen, reichen sie die Mehrkosten eben an Verbraucher und Unternehmer weiter. Es war abzusehen, dass der Leitzins im Euro-Raum steigen würde. Deshalb haben einige, vor allem größere Banken die Zinsen für kurzfristige Darlehen bereits angepasst. Weitere Zinssteigerungen sind hier also nicht zu erwarten.

Allerdings könnten kleinere Geldhäuser, die im scharfen Wettbewerb um die günstigsten Kreditkonditionen stehen, nachziehen. Ein Ratenkredit von 10 000 Euro für vier Jahre ist derzeit im günstigsten Fall für 5,5 Prozent zu haben.

Ähnlich vorausschauend waren die Anbieter von Immobilienkrediten : Wer in den vergangenen Wochen die Hypothekenzinsen beobachtet hat, konnte schon einen moderaten Anstieg feststellen. Allerdings bleibt das durchschnittliche Zinsniveau – knapp 4,1 Prozent effektiver Jahreszins für ein zehnjähriges Darlehen – immer noch auf historisch niedrigem Niveau. In den vergangenen 20 Jahren lag der Schnitt bei 7,3 Prozent. Kommt die deutsche Wirtschaft aber in Schwung wird sich dies auch auf die langfristigen Zinsen auswirken. Bauherren, die in Zukunft eine Anschlussfinanzierung brauchen, sollten also wachsam sein – und die Konditionen vergleichen. Verbraucherschützer warnen aber vor Hektik: Haus- oder Wohungskäufer sollten nicht nur die Zinsen, sondern auch ihr Eigenkapital und ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis des Kaufobjektes im Blick behalten.

Was Kreditnehmer freut, ärgert auf der Guthabenseite Sparer und Anleger. „Auf steigende Guthabenzinsen sollten die Verbraucher kurzfristig nicht hoffen“, sagt Manfred Westphal vom Bundesverband der Verbraucherzentralen. Es sei denn, die EZB kündigt für das kommende Jahr weitere Zinsschritte an. Dann könnte der Wettbewerb der Banken um Tagesgeld und Spareinlagen neu entfacht werden. „Es muss einen Vorreiter geben, der die Zinsen erhöht, dann folgen die anderen“, sagt Westphal.

Auch Anleihen verlieren bei steigenden Zinsen an Attraktivität. Konnten Anleger in den vergangenen Jahren neben einem festen Zinskupon üppige Rentenkursgewinne einstreichen, sind die Renditen am Anleihemarkt zuletzt deutlich gesunken.

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