Erich Loest : "Ich hätte ihm eine scheuern können"

Vieles an Sachsen wird belächelt. Alles Quatsch, sagt Erich Loest im Interview: Unsere Mundart ist reizvoll – und der Grand Canyon liegt gleich hinter Dresden, erklärt der Schriftsteller, der am Donnerstag 85 Jahre alt wird.

Erich Loest.
Erich Loest.Foto: Gerhard Steidl

Herr Loest, stehen Sie immer noch mit den Hühnern auf und setzen sich sofort an Ihren Schreibtisch?

Ja. Das mache ich mein Leben lang. Ein kleines Frühstück, und los geht’s.

Sie haben über 50 Bücher geschrieben. Hat Sie das Kraft gekostet oder Ihnen eher Kraft geschenkt?

Ich hatte immer Lust zu schreiben. Auch einen Dachdecker kostet sein Beruf Kraft.

Viele Schriftsteller schildern das Schreiben als Qual.

Die sollen doch mit dem Mist aufhören und Friseur werden! Alles Koketterie, die können in den Wald gehen, dann haben sie keine Angst mehr.

Was haben Sie denn heute Morgen in Ihr Tagebuch geschrieben?

Dass ich den Einfall habe, drei Leipziger Persönlichkeiten als Ehrenbürger ins Gespräch zu bringen: Eva Maria Hoyer vom Grassi-Museum, Wolf-Dietrich Freiherr Speck von Sternburg für seine Verdienste um die bildende Kunst und den Zoo-Direktor Jörg Junhold.

Sie selbst sind schon seit 1996 Ehrenbürger Leipzigs. Wir würden gerne mit Ihnen über Sachsen reden, einverstanden?

Nun mal los.

Können Sie erklären, warum die sächsische Mundart stets mit dem kommunistischen Deutschland gleichgesetzt wird?

Sachsen war mit der Chemie in Halle und Leuna ein Industriegebiet, und was für eins. Dort hat sich die Arbeiterbewegung gebildet. ’33 war die KPD fast so stark wie die SPD, die ja in Leipzig von Bebel und Lassalle gegründet wurde. Dann hat sich's radikalisiert und Chemnitz hatte ganz zuletzt mehr Kommunisten als Sozis. Sachsen war die personelle Keimzelle der DDR, von hier strömten die Genossen an die Küste, nach Neubrandenburg und Ost-Berlin.

Sächsisch ist laut einer Umfrage die mit Abstand unbeliebteste Mundart Deutschlands.

Daran seid Ihr Journalisten Schuld. Und diese blöden Kabarettisten, die ein arschbreites, fürchterliches Sächsisch sprechen, das es gar nicht gibt. In Wirklichkeit ist Sächsisch reizvoll und verspielt. In Kneipen hört man manchmal die herrlichsten Wendungen, da ist mit drei, vier Worten alles gesagt.

Ein Beispiel?

Eine Debatte geht zu Ende, und jemand sagt: „Nu, da kannste mal sehen.“ Dann ist Ruhe. Sächsisch ist eine Mischung aus Lakonie und Lebensweisheit – weil wir Sachsen die größten Verlierer sind. Nur einen Krieg, ’70/’71, haben wir gewonnen. Wir sind immer besetzt worden, von den Schweden, Napoleon, den Preußen…

In Ihrem Roman „Durch die Erde ein Riss“ schreiben Sie, dass Friedrich der Große Ihr Jugendidol war.

Das war zur Nazi-Zeit – Sachsen kam im Unterricht damals kaum vor, die Geschichte war preußisch dominiert. In der DDR wurde Sachsen aufgelöst, da blieben nur die Bezirke, Bezirk Karl-Marx-Stadt und so weiter. Erst Kurt Biedenkopf…

…der von 1990 bis 2002 Ministerpräsident war…

…brachte den gedemütigten Sachsen wieder Selbstbewusstsein. Er hat ihnen erklärt: Ihr habt das Auto gebaut, ihr hattet 1900 die meisten Millionäre, ihr habt das dichteste Eisenbahnnetz nach Belgien. Stimmte alles nur zu 80 Prozent, aber es hat den Leuten Mut gemacht.

1981 haben Sie die DDR nach jahrelangen Konflikten mit der Staatsführung verlassen. Wie ist es Ihnen denn in Osnabrück mit Ihrem Dialekt ergangen?

Ich weiß noch, bei einer Lesung strengte ich mich an, reinstes Bühnenhochdeutsch zu sprechen. Und am nächsten Tag stand in der Zeitung: „Schön, dass er seinen sächsischen Dialekt nicht verleugnet.“

Das zärtlichste, was man auf Sächsisch sagen kann?

Meine Kleene. Ganz weich.

Da drüben in Ihrem Bücherregal steht das Wörterbuch der obersächsischen Mundarten.

Vier Bände. Ein Forscher hat Studenten in die Dörfer geschickt, die die alten Frauen gefragt haben, wie dies und das im Ort heißt. Es ist landwirtschaftlich völlig überladen: Der Pflug hatte 12 Teile, für die jeder Landstrich einen anderen Begriff kannte.

Loben Sie doch bitte die sächsische Landschaft.

Die ist sehr vielgestaltig. Im Norden breitet sich Flachland aus, das in ein Hügelland mündet, dann erhebt sich ein Mittelgebirge.

Das alles gibt’s in Nordrhein-Westfalen auch. Was ist so einzigartig?

Nichts. Oder doch, die Sächsische Schweiz natürlich. Gut, das gibt’s so ähnlich noch mal, am Grand Canyon. Da sind ein paar mehr Steine und die sind auch bunter. Bei uns sind sie bescheiden grau.

Sie denken am Rande des Grand Canyons ans Elbsandsteingebirge?

Zu meiner österreichischen Gefährtin sagte ich damals: So musst du dir die Sächsische Schweiz vorstellen. Oder wir sind am Wolfgangsee, und ich: Hier ist es wie an der Talsperre Kriebstein.

Welches Klischee über Sachsen können Sie am wenigsten leiden?

Dass wir angeblich „gemiedlich“ sind. „Gemiedlich“ – das ist weich und feig. Einer, der „gemiedlich“ ist, mit dem kann man alles machen.

Klären Sie uns auf: Wie schlimm ist eigentlich die Rivalität zwischen Leipzig und Dresden?

So schlimm, dass das Schönste an Dresden der Zug nach Leipzig ist. Es ist eine spöttische Rivalität, so wie zwischen Warschau und Krakau oder St. Petersburg und Moskau.

Worüber macht ein Sachse Witze?

Über die Preußen. Ganz große Schnauze und doof. Und über die Bayern. Einfach nur doof.

Dafür kennen die Berliner aber auch ziemlich viele Sachsen-Witze…

Ach, so äußern sich Minderwertigkeitskomplexe, die Berliner schauen voller Neid auf das Kulturland Sachsen. Die Berliner gibt’s überhaupt nicht, die kommen alle aus Schlesien oder sonstwo her.

Die drei größten Sachsen aller Zeiten?

Bach. August der Starke… Na ja, der hat zwar das barocke Dresden begründet und Kunstschätze angehäuft, aber sein Land auch ausgebeutet. Bundestrainer Helmut Schön, der war auch ein wunderbarer Spieler beim Dresdner Sportclub.

Der beste sächsische Wein?

Das Gut Proschwitz keltert einen Grauburgunder, der überall mithalten kann.

Zu DDR-Zeiten war der Wein eher eine saure Sache. Das muss hart gewesen sein für Sie.

Schlimmer war das Zeug vom Balkan: „Mädchentraube“ und Sonnendingsda. Dann kamen Weine aus Moldawien – im Tanklaster. Nun sag ich nicht, dass vorher Benzin drin war, aber… In Panitzsch wurde das Zeug abgefüllt. Der Feuerwehrschlauch ging in den Keller, wo irgendein Etikett aufgeklebt wurde. Nach einem halben Jahr war der eh verdorben, wegen des Mini-Korkens. Egal: Wir haben ihn gleich weggepichelt.

Haben Sie, als Sie im Westen lebten, Pakete nach drüben geschickt?

Klar! Kaffee – das musste „Jacobs Krönung“ sein – Strumpfhosen, Champignons für 79 Pfennig. Alles konnte man von der Steuer absetzen. Selbst den Anzug, den man selber trug. Der richtige Verlierer der Einheit war der Päckchenschicker!

Herr Loest, Sie waren nach dem Fall der Mauer nie mehr im früheren Stasi-Knast Bautzen, wo Sie von 1957 bis 1964 eingesperrt waren. Man hatte Sie oft eingeladen…

…da setze ich keinen Fuß mehr rein. Ich habe sofort im Herbst ’89 in Leipzig einen Stasi-Knast besucht. Mit einem Fotografen. An der Tür stand ein Vopo-Offizier, der mich angeblich immer bewundert hatte. Drinnen hockten Stasi-Leute in Trainingsanzügen. Über der Tür hing ein Dzierzynski-Zitat: „Tschekist ist ein Mensch mit kühlem Kopf, heißem Herzen und sauberen Händen.“

Hatten Sie überhaupt Zeit, etwas zu fühlen?

Ich dachte, da ist so eine Situation, in der man sich den Herzinfarkt einhandeln kann.

Wie hat Leipzig damals auf Sie gewirkt?

Es war eine verrottete Stadt. Ich habe sie ja so ähnlich gekannt, aber dann ist sie noch einmal zehn Jahre lang weiter vermodert. Jedes dritte Haus war abgestützt, damit keiner vom herabfallenden Putz erschlagen wurde.

Trotzdem haben Sie sich 1990 eine Wohnung hier gesucht, 1998 sind Sie ganz nach Leipzig gezogen.

Ich wusste, da muss ich wieder hin. Da leben meine Freunde, da sind meine Feinde.

Während Ihres ersten Leipzig-Besuchs haben Sie öffentlich gelesen. Waren dort bekannte Gesichter?

Das Gohliser Schlösschen war voll. Alle waren ganz respektvoll – oder ängstlich, dass sie eins übergebraten kriegen. Ein besonderes Arschloch stand an der Treppe und sagte: „Erich, schön, dass du wieder da bist!“ Ich hätte ihm eine scheuern können.

Sie haben gesagt: „Die Stasi war mein Eckermann.“ Heute besitzen Sie eine sehr genaue Chronik…

…die ich lieber selber geschrieben hätte.

Gab es in Ihrer 31-Ordner-starken Akte auch etwas, das Sie zum Lachen gebracht hat?

Höchstens Lächerliches: Zur Buchmesse war immer viel los, nachmittags kamen westliche Journalisten zu mir. Es wurde viel getrunken, gutes Zeug. Von einem Abend haben drei verschiedene Spitzel berichtet, keine dummen Leute. Dennoch: Beim Lesen hatte ich den Eindruck, die waren auf drei verschiedenen Veranstaltungen.

Die größte Überraschung?

Ich habe welche für Freunde gehalten, die mich verpfiffen haben. Die Erschütterung war groß. Wissen Sie, ich hab’ denen Kopien ihrer Berichte geschickt, so zwei, drei Blatt, mit Decknamen und allem. Dazu legte ich einen Zettel und fragte: „Was hast Du mir dazu zu sagen?“ Zwei hatten immerhin den Mut, mich zu besuchen. „Ja ja, ist lange her, weeß ooch nicht mehr, da war ich gerade da und dort und deshalb.“ Nach einer Viertelstunde hatte ich das satt und sagte: „Geh Deines Wegs, wenn Dir noch was einfällt, kannst Du mir ja schreiben. Jetzt ist Schluss.“

Nicht einer ist von sich aus gekommen?

Keiner. Ich hab nie lautgemacht, wer das war. Mit Ausnahme derer, die nahtlos wieder an die Regierung wollten: Dietmar Keller zum Beispiel…

…der ehemalige Kulturminister der DDR und spätere PDS-Bundestagsabgeordnete…

…bei den anderen habe ich gedacht, es ist Strafe genug, dass sie wissen, dass ich weiß.

Wann genau haben Sie mit der DDR abgeschlossen?

Es ist merkwürdig. Erst im Knast, nach ein paar Jahren. Ich hatte immer noch geglaubt, der Laden sei reformierbar. Dabei stand doch in „Staat und Revolution“ von Lenin genau drin, was die vorhatten.

Aber der Aufstand vom 17. Juni 1953 hatte bei Ihnen bereits einen tiefen Schock ausgelöst.

Ich erlebte, wie sich die Arbeiter gegen meine Partei erhoben. Ich war in Berlin, schaute zu, wie die Massen in einem breiten Strom die Linden entlangkamen und einbogen zum Haus der Ministerien. Ich hörte Schüsse vom Potsdamer Platz. Nach einer Weile kamen die Panzer. Das war so ein aufwühlendes politisches Erlebnis, da dachte ich: Es muss was geändert werden. Aber es änderte sich nichts. Da begann mein Bruch mit der SED.

Haben Sie schon mal jemanden auf der Straße getroffen, den Sie aus einem Verhör kannten?

Nein, und das ist sehr seltsam. Es gibt eine Kneipe im Süden, da gehe ich gerne hin, sitze im Garten und denke: Mensch, da wohnt einer um die Ecke. Und der kommt nie vorbei.

Er könnte umgezogen sein.

Er wohnt dort, ich habe im Telefonbuch nachgeschaut. Er ist wie vom Erdboden verschluckt.

Legen Sie sich Worte zurecht, für den Fall, dass er doch eines Tages kommt?

Natürlich. Ich werde sagen: „Geh’ mal aus der Kneipe raus, geh’ mal schnell raus.“ Aber da es nicht passiert, hat sich die Vorstellung erledigt, was ich dann Tollkühnes machen könnte.

Wie überlebt man ein Verhör von 30 Stunden?

Es dauert, ehe der Mensch tot ist. Nervenzusammenbrüche haben wir alle erlitten, ist klar. Bei mir ist der Magen draufgegangen, bei anderen Herz oder Rückgrat. So gesehen hatte ich Glück. Den Magen schneidet man raus, dann hat sich’s.

In Ihrem Tagebuch steht, Sie litten heute noch unter Schlafstörungen.

Wir können das jetzt beenden.

Weil es Sie zu sehr aufwühlt?

Ja, genau. Genug. Haben Sie noch ein Thema?

Churchill, den Sie verehren, sagte: „Es ist ein großer Vorteil im Leben, die Fehler aus denen man lernt, möglichst früh zu begehen.“ Finden Sie das auch?

Bis 30 ist man für seine Fehler weniger verantwortlich. Danach sollte man Bescheid wissen. Ich habe alle Fehler in jungen Jahren gemacht. Dass ich ein HJ-Führer und Nazi-Soldat war und dass ich nicht beizeiten nach dem Westen abgehauen bin.

Ihr Eintritt in die SED war kein Fehler?

Wenn die SED gewesen wäre, wie man es mir erzählt hatte, wäre es kein Fehler gewesen. Es hieß ja, sie sei eine völlig neue sozialistische Partei, die das Beste von SPD und KPD vereinen würde.

Wir haben gelesen, hier in Ihrem Wohnzimmer stünde eine große Büste von Ferdinand Lassalle, einem der Väter der Sozialdemokratie. Aber wir können sie nirgendwo entdecken.

Die steht inzwischen in Mittweida, meiner Heimatstadt, im Museum. Immer raus damit! Das Ölbild hinter mir geht auch bald weg, und die Bücher verschwinden sowieso.

Hatten Sie während Ihrer Zeit im Westen Angst, womöglich nicht in Heimaterde begraben zu werden?

Ich war überzeugt, dass die Mauer zu meinen Lebzeiten nicht mehr fallen würde. Jetzt weiß ich, dass ich in Mittweida begraben werde. Ich habe auch schon den Musikanten bestimmt und denjenigen, der den Champagner besorgt.

Wer trägt die Hauptverantwortung?

Der Oberbürgermeister. Ein ehrlicher Mann, natürlich CDU.

Bei wem müssen Sie sich noch entschuldigen?

Was zu entschuldigen war, hab’ ich getan.

Interview: Björn Rosen, Esther Kogelboom

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