Zeitung Heute : Erich Mielke und des Dichters Herzschlag

Hatte Brecht vor, Strafantrag gegen Stasi-Spitzen zu stellen? Musste er deshalb sterben? Auf den Spuren eines seltsamen Tondokuments

Peter von Becker

Als Bertolt Brecht kurz vor Mitternacht am 14. August 1956 mit 58 Jahren in seiner Wohnung im ersten Stock der Berliner Chausseestraße gestorben ist, passieren ein paar merkwürdige Dinge. Es soll eine Anweisung des Dichters geben, ihm im Todesfall noch in sein seit Jugendjahren krankes Herz zu stoßen. Dieser Dramatiker eines „Theaters des wissenschaftlichen Zeitalters“, dieser Aufklärer und skeptisch überzeugte Sozialist fürchtete sich nicht vor dem Sterben. Aber er hatte Angst, lebendig begraben zu werden. Also schneiden Ärzte am Mittag des 15. August dem Toten in die Herzschlagader.

Entsprang die Furcht vor dem Lebend-Tod und der vorzeitigen Einsargung nur einem bei Brecht sonst ungewöhnlichen Aberglauben? Eines immerhin wusste der Meister, und es war auch seinen Schülern, Freunden und allen um ihn besorgten, vornehmlich weiblichen Mitarbeitern und Geliebten klar: Ein toter Brecht, verbrämt und verklärt zum sozialistischen Klassiker, war für die DDR-Staatsmacht vor 50 Jahren bequemer als ein lebender Brecht.

Und für die Staatssicherheit?

Beim FBI gab es eine „Akte Brecht“, so der Titel eines vor Jahren am Berliner Ensemble (BE) von George Tabori uraufgeführten Stücks, entstanden während der Emigration in den USA bis 1947. Eine Brecht-Akte in der Gauck-Birthler-Behörde, die den Nachlass der DDR-Stasi erforscht und verwaltet, gibt es freilich nicht. Doch existiert eine in der weltweiten Brecht-Forschung bislang unbekannte, unbeachtete Rede des Stasi-Chefs Erich Mielke, die im Ton der Abrechnung Brechts Tod erwähnt – und ein paar neue Fragen aufwirft. Bevor hier aber Mielke spricht, noch ein notwendiger Blick zurück.

Gleich nach seinem Ableben stöbert Brechts Witwe Helene Weigel, die Schauspielerin und Intendantin des brechtschen Berliner Ensembles, in den persönlichen Papieren des Verstorbenen, um das Erbe zu regeln. Sie lässt alle von Brecht diktierten Verfügungen zugunsten seiner Mitarbeiterinnen und Geliebten kassieren und nur das handschriftliche Testament zu ihren und ihrer Kinder Gunsten anerkennen. Dabei freilich findet die Weigel auch einen Zettel mit dem Wunsch des Gatten, in einem Sarg aus Stahl begraben zu werden.

Auf dass der große Tote kein schneller Fraß der Würmer werde, schweißen nun Ost-Berliner Arbeiter in einer Nachtschicht jenen Sarg aus Edelstahl, in dem Brecht, begraben am Morgen des 17. August, nun seit 50 Jahren wie in einem kalten Safe auf dem Berliner Dorotheenstädtischen Friedhof ruht. Am Grab wollte Brecht keine Reden. Doch schon am nächsten Tag sprach SED-Generalsekretär Walter Ulbricht als Hauptredner bei einem Staatsakt für Brecht im BE. Ausgerechnet Ulbricht, ein Mann der sozialistischen Operette, der den weltberühmten Dramatiker als ideologischen Unsicherheitsfaktor und „formalistischen Abweichler“ von einer der Arbeiter- und Bauernmacht hörigen „fortschrittlichen deutschen Literatur“ bedrängen und zensieren ließ.

In Brechts Todesjahr 1956 hält Nikita Chruschtschow seine berühmte „Geheimrede“ auf dem 20. Parteitag der KPdSU, die erste Distanzierung von Josef Stalin. Nach Brechts Tod schlagen die Sowjets den Ungarn-Aufstand nieder, es gibt zudem Unruhen in Polen. Kurz darauf werden in der DDR Intellektuelle verhaftet; am bekanntesten ist der Prozess gegen den jungen Philosophen Wolfgang Harich und den Chef des Ost-Berliner Aufbau Verlags Walter Janka, die im März 1957 wegen angeblich konterrevolutionärer Umtriebe zu mehrjährigen Zuchthausstrafen verurteilt werden.

Im Zwielicht dieser Ereignisse tritt Erich Mielke am 1. September bei einer „Perspektivtagung“ des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) vor die Führung der Stasi. Noch ist Mielke stellvertretender Minister, zum Chef wird er genau zwei Monate später befördert und bleibt das 32 Jahre lang bis zum November 1989. Faktisch aber beherrschte Mielke bei seiner Rede den Geheimdienst schon, sein Vorgänger war entmachtet. Und Mielkes Rede im Anschluss an das 22. Plenum des ZK der SED im Sommer 1957 ist eine Abrechnung mit allen Tauwetter-Propheten. Mielke wendet sich gegen die „Verleumdung“ der als „Stalinisten“ bezeichneten Genossen (er selber ist und bleibt gern Stalinist). Ein Gipfel der „Zersetzung“ ist für ihn die „Gruppe“ Janka-Harich, diese „Brüder“ mit ihrer „Politik der Verleumdung und des Betruges“.

Mielke hat sich jetzt in schneidend kaltem Ton gleichsam warmgeredet und weicht nach gut 17 Minuten, offenbar improvisierend, ab von seinem Manuskript: „Ich möchte eins der krassesten Beispiele bringen, Genossen, weil es wichtig ist, dass man als Staatssicherheitsmann, nich’ wahr, genau weiß, wie diese Brüder gedacht haben ...: dass also in der Staatssicherheit die Verhafteten geschlagen und misshandelt worden sind, auch hier in der DDR. (Pause) Und dass deshalb also der bekannte Schriftsteller (Pause) und, äh, Dramaturg Brecht Strafantrag stellen wollte gegen also einen leitenden Funktionär der Staatssicherheit.“ Hier hält Mielke wieder kurz inne, es wirkt wie eine kleine Bedeutungspause, und fährt in Berliner Dialekt mit falschem Dativ und der Betonung auf dem zweiten Wort fort: „Und dann ist der Brecht erlegen einen Herzschlag.“

Der heute in Brandenburg lebende Autor Joachim Walther, nach der Wende 1990 stellvertretender Vorsitzender des DDR-Schriftstellerverbandes und bis 1996 Mitarbeiter der Gauck-Behörde, hatte diese Passage bereits unkommentiert in einem Radio-Feature über Erich Mielke Ende 1995 verwendet. Seitdem sind unzählige Bücher, Aufsätze, Filme über Brecht erschienen, nicht zuletzt zu seinem 100. Geburtstag 1998. Aber Werner Hecht, zu DDR-Zeiten langjähriger Chefdramaturg am BE, inzwischen Herausgeber der Brecht-Gesamtausgabe im Suhrkamp Verlag und Verfasser einer 1315 Seiten starken Brecht-Chronik, der über Leben und Wirkung B.B.s mehr weiß als jeder andere Sterbliche, er sagt nur verblüfft: „Ich habe von dieser Rede noch nie gehört.“

Das sagen alle von uns in diesen Tagen befragten Brecht-Biografen und Zeithistoriker. Wir hören noch mal in die Mielke-Rede, das Tondokument „MfS ZAIG/Tb/146-149“ im Archiv der Gauck-Birthler-Behörde. Der von Joachim Walther nicht gesendete Folgesatz nach Brechts „Herzschlag“ lautet: „Das haben also diese Brüder dort auf dem Prozess (Anm.: gegen Janka und Harich), nich’ wahr, als sie gefragt wurden, wen sie denn alles entfernen wollten aus der Regierung, aus dem Staatsapparat, geschildert, Genossen!“

Von dem angeblich beabsichtigten Strafantrag Brechts gegen Führungsmitglieder der Stasi weiß die Brecht-Forschung bisher ebenfalls nichts. Werner Hecht sagt lachend: „Ich hätte auch vermutet, dass die den Brecht loswerden wollten. Und wenn man aus Mielkes Bemerkung den heimlichen Triumph über irgendeine Art Sterbehilfe der Stasi herauslesen und das dann auch beweisen könnte, wäre das natürlich ein Coup, zumal in diesem Jubiläumsjahr!“ Da sei nun noch weitere Forschung nötig.

Wir fragen Barbara Brecht-Schall, die als Tochter Helene Weigels und B.B.s bis heute einflussreiche Erbin und Rechteinhaberin. Auch sie lacht: „Ich bin ja eine Liebhaberin von Verschwörungstheorien und halte einige für wahr. Aber dass bei Papas Tod die Stasi ihre Hände im Spiel hatte, glaube ich nicht.“ Barbara war als Fünfundzwanzigjährige dabei, als ihr Vater starb und hat Brechts angeblich letzte Worte gehört: „Lasst mich in Ruhe.“ Brecht wurde nach tagelangen Erschöpfungszuständen wegen innerer Entzündungen und seiner seit Kindheitstagen bestehenden Herzschwäche von Ärzten der Charité am Ende zu Hause behandelt. Am 15. August wollte Brecht mit dem Zug nach München zu einer Untersuchung und Kur bei einem Arzt seines Vertrauens reisen. Aber er fiel bald ins Koma, und Barbara Brecht-Schall sagt: „Wir hatten, als es mit Papa kritisch wurde, einfach Pech, der behandelnde Professor schickte nur einen Vertreter, das war typische Medizinerarroganz!“

Tatsächlich war der nicht erschienene Arzt Professor Theodor Brugsch, Direktor der Charité, schon weit über 70 und am selben Tag erst aus dem Urlaub zurückgekehrt. Eine Studie des Mediziners Hans Karl Schulten, die im Jahr 2000 die ärztlichen Befunde Brechts von 1956 nochmals prüfte, ergab allerdings, dass Brugsch (und andere) Brecht vor seinem Tod „statt Verordnung einer Diät und einer schon damals als obsolet angesehenen Immunisierung in ausreichend hoher Dosierung Antibiotika (hätten) geben müssen“.

Eine von höherer Stelle gelenkte ärztliche Verschwörung wird sich heute wohl trotzdem nicht nachweisen lassen. Seit Mai 1951 war indes ZK-Mitglied Wilhelm Girnus, ein studierter Germanist, zur Überwachung und „politischen Arbeit“ mit Brecht abgestellt worden. Die Staatssicherheit hatte längst ein Auge auf ihn. Martin Pohl, ein junger Lyriker und Schüler Brechts, der jetzt fast vergessen in Neubrandenburg lebt, sagt uns jetzt: „Brecht war doch umgeben von Spitzeln, vor allem unter seinen weiblichen Mitarbeitern, unter den Geliebten.“

Pohl wurde 1954 wegen erfundener staatsfeindlicher Tätigkeit verhaftet, zu vier Jahren Haft verurteilt und wohl auf Brechts Interventionen hin nach knapp zwei Jahren vorzeitig entlassen. Pohl sagt, er sei von den Vernehmern der Stasi nie geschlagen worden, aber durch Schlafentzug gefoltert worden: „Sie weckten mich um sechs Uhr morgens, dann gab es Verhöre bis nach Mitternacht, und nach einer Stunde Schlaf kamen sie wieder. Ich dachte, ich werde wahnsinnig und habe irgendwann ein Teilgeständnis unterschrieben …“ Brecht habe er nach seiner Haftentlassung noch einmal getroffen und ihm auch von der Haft erzählt. „Allerdings eher nur in Andeutungen.“

Der Fall Pohl wäre ein möglicher Anlass gewesen für die von Mielke genannte „Strafanzeige“. Nicht klar ist, ob diese tatsächlich im Janka-Harich-Prozess erwähnt oder von Mielke aus anderen Gründen ins Spiel gebracht wurde. Bemerkenswert bleibt immerhin, dass der Stasi- Chef, der in seinen Reden oft brutal offen als politischer Killer vom „kurzen Prozess“ gegenüber „Schuften“ und „Drecksäcken“ sprach, den „äh, Dramaturgen Brecht“ Monate nach dessen Tod so konkret mit einem „Herzschlag“ erwähnt. Herzschläge als angebliche Todesursache hatten schon beim KGB und der Gestapo einen ominösen Beiklang.

Und die von Pohl verdächtigten Brecht-Geliebten? Nur von seiner letzten Freundin, der schönen Isot Kilian, die als Mädchen schon mit dem Dichter Wolfgang Borchert verkehrt hatte, existiert eine IM-Akte. Kilian war auch die geschiedene Frau des verurteilten Philosophen Wolfgang Harich. Aber „Maria“, so ihr Geheimname, ist erst nach Brechts Tod von der Stasi erpresst worden. Und sie hat viel übers BE und die Weigel erzählt. Aber nichts über Brecht verraten.

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