Zeitung Heute : Erinnern ist mehr als Rückblick

HERMANN RUDOLPH

Die Rede, die Ernst Reuter heute vor fünfzig Jahren in Berlin gehalten hat, gehört zu den Marksteinen der Nachkriegsgeschichte, und zumal der Aufruf: Ihr Völker der Welt, schaut auf diese Stadt! hallt seither wie ein alttestamentarischer Propheten-Ruf durch die Jahrzehnte.Da muß man kaum rechtfertigen, daß an diesem Tage an sie erinnert wird.Oder muß man es doch? Was bringt das Erinnern denn? Wozu ist dieses Gedenken an die historischen Daten gut, die uns gerade in diesem Jahr alle naselang begegnen? Es schafft keine Arbeitsplätze.Es ändert nichts daran, daß die Konjunktur nur schleppend anläuft, die Diskussion über eine Revision des Staatsbürgerschaftsrechts unergiebig bleibt und der Landeshaushalt notleidend ist.Und überhaupt: Ist das, was da ins Gedächtnis gerückt werden soll, nicht zu lange her, um uns noch etwas zu sagen? Ist dieses ganze Erinnern Luxus?

Immerhin, die Wochen und Monate, die in der Freiheits-Demonstration vom 9.September 1948 vor dem Reichstag gipfelten, sind ein atemberaubender Vorgang gewesen, auch noch und vielleicht erst recht aus heutiger Sicht, nach der Vereinigung dessen, was damals getrennt wurde.Es ist nicht übertrieben, darin eine Weichenstellung zu sehen, die irgendwie - wenngleich in verschlungener Weise - noch bis an den Rand unserer Gegenwart reicht.Ohne die deutsche Entschlossenheit, dem sowjetischen Druck zu widerstehen, wäre vermutlich auch das Interesse der West-Alliierten an Berlin geschwunden.Irgendwann hätten sie eine Frontbegradigung vorgenommen, Deutschland wäre säuberlich, ohne den störenden westlichen Vorposten Berlin geteilt worden, die Stadt wäre ohne Wenn und Aber zur Hauptstadt der DDR geworden - und wie anders sich Dinge dann entwickelt hätten, kann man sich ausmalen.Kurz: Berlin war für diese Zeitspanne vor einem halben Jahrhundert tatsächlich der Posten auf der Waage, der in einem weltpolitischen Ringen mit den Ausschlag gab.

Natürlich kann man auch etwas aus diesen Ereignissen lernen - und nicht nur, daß Standfestigkeit und Entschlosenheit sich auszahlen.Es liegt eine wichtige Lektion darin, daß der Kern der Selbstbehauptung Berlins die Bewahrung der Arbeit der demokratisch gewählten Stadtverordnetenversammlung gegen die Mobilisierung der Masse war.Die Besetzung des Stadthauses, die den Anlaß für ihren Rückzug in den Westen gab - und gegen die die Kundgebung vor dem Reichstag protestierte -, war im Grunde genommen ein Putschversuch, durchaus vergleichbar mit der Taktik, mit der die Kommunisten in den Ländern Mittel- und Osteuropas in den Jahren zuvor die Macht an sich gerissen hatten.Berlin wehrte sich dagegen mit der Verteidigung der demokratisch-parlamentarischen Institutionen.Es hat deshalb seinen tieferen Sinn, daß zur gleichen Zeit der Parlamentarische Rat in Bonn mit der Beratung des Grundgesetzes begann und daß der erste Schritt der Stadtverordnetenversammlung im freien Westen darin bestand, dessen Berliner Vertreter zu wählen.Die Bekehrung zu der Überzeugung, daß die parlamentarischen Institutionen und Verfahren das Zentrum der Demokratie bilden, ist der eigentliche Grundstein der Bundesrepublik geworden.Viele Jahrzehnte später hat der Politologe Dolf Sternberger dafür den Begriff "Verfassungspatriotismus" gefunden.

Aber das Erinnern leistet noch mehr.Daß die Berliner damals dem Zugriff eines diktatorischen Willens standhielten, hat nicht nur zum überleben der Stadt und zum Beginn der Partnerschaft zwischen Deutschen und den Siegermächten beigetragen.Es hat ein Beispiel gesetzt, an dem wir auch heute Maßstäbe und überzeugungen schärfen können.Erinnerung an solche Geschehnisse löst, gewiß doch, keine aktuellen Probleme, aber sie schafft Bewußtsein, aus dem Selbstbewußtsein wachsen kann, einen Gedanken-Horizont, aus dem Gesellschaften Kraft gewinnen, eine Haltung, die den Blick weiter richtet - alles wichtige Ressourcen, um nicht vom Hier und Jetzt untergepflügt zu werden."Wer nicht von dreitausend Jahren/Sich weiß Rechenschaft zu geben,/Bleibt im Dunkeln unerfahren,/Mag von Tag zu Tage leben", heißt es bei Goethe.Es muß, zumal in lebhaften Epochen, nicht diese gewaltige Zeitspanne sein.Gelegentlich genügen auch fünfzig Jahre.

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