Zeitung Heute : Erinnerung an einen handfesten Visionär

Der Tagesspiegel

Querdenker sind ihrer Zeit oft voraus. Das gilt auch für den Berliner SPD-Politiker Harry Ristock. Am heutigen 5. März vor zehn Jahren starb er mit 70 Jahren. Ristock bürstete mit Vorliebe gegen den Strich – und setzte doch auf Versöhnung. Überzeugungstreue und Pragmatismus, Kampfgeist und Herzenswärme waren für den Soziademokraten keine Gegensätze. Er konnte polemisch sein und dabei ein Prosit der Gemütlichkeit ausrufen. „Ich kann nicht hassen“, sagte er einmal.

Der ostpreußische Bauernsohn mit dem angeborenen Charme war Hauptmann der SPD-Linken, Volksbildungsstadtrat in Charlottenurg, Staatssekretär für Schulwesen und von 1975 bis Anfang 1981 ein populä rer Bausenator, der sich „schützend vor jeden Baum“ stellte und die Umkehr zur „behutsamen Stadterneuerung“ betrieb. Außerdem war er schon in den fünfziger Jahren ein Entspannungs- und Versöhnungspolitiker. Mitten im Kältesten Krieg warb er für die Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze und organisierte die ersten Gedenkstättenfahrten nach Auschwitz. Mit seiner Teilnahme an APO-Demonstrationen gegen den Vietnam-Krieg handelte er sich den Parteiausschluss ein, der aber schon zwei Wochen später rückgängig gemacht wurde. In den achtziger Jahren machte er durch seine Gespräche mit SED-Größen „neben dem roten Teppich“, wie er seine Memoiren betitelte, von sich reden. Doch er unterrichtete Senat und Alliierte minutiös über seine „offiziöse Außenpolitik“, mit der er zur Verbesserung des Ost-West-Klimas beitragen wollte.

Vor der Großen Koalition, die sich wie „Mehltau“ über Berlin legen würde, warnte er vergeblich. Und dem Glauben, dass die SED/PDS für den demokratischen Sozialismus umzumodeln sei, hing er bis zum letzten Atemzug an. Darin konnten ihm selbst enge Weggefährten nicht folgen; nun ist die rot-rote Koalition Realität. Die SPD gedenkt Ristocks heute um 19 Uhr im Festsaal des Abgeordnetenhaus.Gru

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