Zeitung Heute : Erinnerung kommt aus Deutschland

Clemens Wergin

Sechzig Jahre nach der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz. Was kann Deutschland tun, um gegen Antisemitismus in Europa vorzugehen?

Israel Singer ist noch ein wenig verfroren. Vor seiner Reise mit Bundespräsident Horst Köhler nach Auschwitz hat er im klirrend kalten Berlin das Holocaust- Mahnmal besichtigt. Aber nun redet er sich langsam warm: „Deutschland sollte beim Kampf gegen Antisemitismus und Rassismus eine Führungsrolle in Europa einnehmen“, sagt der Vorsitzende des Jüdischen Weltkongresses. Und zwar nicht nur, weil Deutschland angesichts seiner Vergangenheit eine besondere Verantwortung trage. Sondern, weil Deutschland auch beispielgebende Lehren aus der Geschichte gezogen habe: „Deutschland hat die besten Gesetze gegen extremistische Tendenzen, gegen Nazi-Symbole, antisemitische Parolen und die Leugnung des Holocaust“, sagt Singer. Und führende deutsche Politiker gehörten zu den sensibelsten Verteidigern jüdischer Gemeinschaften und zu denen, die sich am aktivsten für die Vermittlung von Wissen über den Holocaust einsetzten – auch auf europäischer Ebene.

Singer ist besonders überzeugt von der Art und Weise, mit der Außenminister Fischer dieses Thema behandelt: „Fischer ist das Modell, er ist das mahnende Gewissen in Deutschland und für die ganze Welt. Er ist ein Symbol dafür, was getan werden sollte. Er weiß instinktiv, was ein Deutscher im Blick auf die Vergangenheit tun sollte.“ Singer, der für seine liberalen, stets auf Verständigung zielenden Ansichten bekannt ist, fühlt sich Fischer auch persönlich nah: „Wir kommen beide aus einer Tradition des Widerstandes gegen den Staat“, sagt Singer. Fischer habe der 68er-Bewegung angehört und er der Bürgerrechtsbewegung in den USA. Da habe man eben einen gewissen Vorbehalt gegenüber der Mehrheit – und ein besonderes Empfinden für die Verletzbarkeit der Demokratie. Singer, der in den USA bei den deutschen Juden Hans Morgenthau und Herbert Marcuse studierte, verweist auf einen Aufsatz von Marcuse über die „Kritik der reinen Toleranz“. Denn beim Kampf gegen Extremisten könne ein Zuviel an Demokratie schädlich sein, das hätte die Geschichte der Weimarer Republik gezeigt. Dann nämlich, wenn die Demokratie gegenüber ihren Feinden zu tolerant ist und zulässt, dass Extremisten sich demokratischer Mittel bedienten, um die Demokratie abzuschaffen.

Singer ist besonders kritisch, was die Aufarbeitung des Holocaust in anderen europäischen Staaten betrifft – oder, wie er sagt, der Mangel daran, zum Beispiel in Österreich, wo man sich immer noch als erstes Opfer, nicht als erster williger Komplize Deutschlands fühle, oder auch in Frankreich, wo nicht genug über die Kollaboration gesprochen werde. Deshalb schlägt Singer ein europaweites und von der EU koordiniertes Bildungsprogramm zur Geschichte des Holocaust vor. „Wenn man eine gemeinsame Währungspolitik hinbekommt, dann sollte auch ein gemeinsames Bildungsprogramm kein Problem sein“, sagt Singer, „besonders, weil die Überlebenden langsam sterben und es bald keine authentischen Berichte mehr aus den Lagern geben wird“.

Singer ruft Deutschland dazu auf, in Europa die Initiative für solch ein Bildungsprogramm zu ergreifen – und dafür zu sorgen, dass auch andere Staaten der EU Gesetze gegen Nazi-Propaganda, Extremismus und Antisemitismus einführen, wie sie in Deutschland schon existieren. Außerdem regt Singer die Schaffung eines europaweiten „Holocaust-Erinnerungstages“ an. Damit sich nicht fortsetzt, was seiner Meinung nach schon eingesetzt hat: dass die Erinnerung an die Nazi-Gräuel vor allem eine innerjüdische Angelegenheit wird.

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