Zeitung Heute : Erinnerungen in Frischhaltefolie

Jetzt ist sie wieder hergezogen – in das Haus, an dem General Mladic einst vorbeimarschierte, bevor er ihren Vater und die Brüder umbringen ließ. Nach acht Jahren werden nun die ersten Toten des Massakers von Srebrenica beerdigt. Und Hatidza Habibovic hat zwei gute Gründe, nicht hinzugehen.

Markus Bickel[Srebrenica]

Von Markus Bickel,

Srebrenica

In der frisch geputzten Scheibe spiegelt sich ihr Gesicht. Es lacht. Seit ein paar Wochen ist wieder Glas im Fensterrahmen der Wohnküche, und das Gefühl, nicht mehr durch die hässliche Plastikfolie auf die Straße hinauszuschauen, ist noch neu.

Elf Monate ist es her, dass Hatidza Habibovic, 58 Jahre alt, zurückkam in das Haus in Srebrenica, aus dem sie vor acht Jahren geflohen war. In der Zwischenzeit hat sie bei Verwandten gewohnt, in einem Vorort von Sarajewo. Jetzt also lacht sie und winkt durchs Fenster einer Nachbarin zu, die das steile Stück Weg vor dem Haus hinaufläuft. Im Erdgeschoss fehlen die Fenster noch.

Doch er schmerzt auch noch, der Blick auf die Straße, die sie einmal täglich entlangging. Denn am 1. Juli 1995 kamen die Truppen des bosnisch-serbischen Generals Ratko Mladic auf ihrem Weg in die Stadt hier vorbei. Danach haben sie 7000 Männer und Jugendliche umgebracht, die extra hergekommen waren, damit sie am Leben bleiben. Nach Srebrenica, in die Uno-Schutzzone. Unter den Toten sind Habibovics Vater und die beiden Brüder.

Sie wird zu Hause bleiben heute, am Montag, wenn auf dem Feld gegenüber dem einstigen Blauhelm-Hauptquartier die ersten 600 Ermordeten bestattet werden. Nicht, weil von Habibovics vermissten Verwandten bislang nur einer der Brüder identifiziert werden konnte, während vom Vater und dem zweiten Sohn noch jede Spur fehlt. „Nein, das ist es nicht“, sagt sie.

Das Versprechen des Diplomaten

Hatidza Habibovic will einfach ein paar Sachen nicht mehr hören. Das, was die nach Bosnien entsandten Vertreter der internationalen Gemeinschaft ebenso wie die einheimischen Politiker bei der Trauerfeier wohl wieder sagen werden, wohlfeile Worte von Versöhnung und Vertrauensbildung zwischen den Muslimen, Serben, Kroaten im Land.

Schon letzten Oktober hatte sie sich Paddy Ashdowns Versprechungen angehört. Der Leiter der Ende 1995 geschaffenen Protektoratsbehörde war zum Beginn der Friedhofs-Bauarbeiten nach Srebrenica gekommen. Den Stadtverordneten sagte er damals Geld zu. „Aber geändert hat sich nichts“, schimpft Habibovic. Sie muss mit ihrer Witwenrente auskommen, 50 Euro, sagt sie. Sie will ebenfalls Versöhnung, aber auch, „ dass es endlich wieder Wasser und Strom gibt“.

Früher, im Jugoslawien unter Tito, wurden in der Gegend Zink und Bauxit abgebaut, es gab zu tun, den Leuten ging es gut. Heute aber gibt es keine Aussicht auf Arbeit, höchstens 150 muslimische Vertriebene sollen sich deshalb bis jetzt in die Stadt zurückgetraut haben. Von einmal 6000. Selbst Srebrenicas Stadträte wohnen woanders.

Hatidza Habibovic hat auf dem Wohnzimmertisch Dokumente und Erinnerungen ausgepackt, sie steckten in einer kleinen Frischhaltetüte. Neben einem Foto ihres längst gestorbenen Mannes und der in kyrillischen Buchstaben gehaltenen Rentenbescheinigung der bosnisch-serbischen Republika Srpska ist auch ein Zeitungsausschnitt mit Bild darunter: Gemeinsam mit dem US-amerikanischen Botschafter sieht man sie im Sommer vor zwei Jahren vor ihrem zerstörten Haus. Doch das Versprechen des Diplomaten, ihr einen Wasseranschluss zu beschaffen, ist noch immer nicht erfüllt.

Indes, anderes ist passiert. Ein Bericht des Niederländischen Instituts für Kriegsdokumentation im vergangenen Jahr führte zum Rücktritt der Regierung dort. Sie übernahm die Verantwortung für das Scheitern ihrer Soldaten in Srebrenica. Und das französische Parlament kam in einer Untersuchung zu dem Schluss, dass Vereinte Nationen und Nato an der kampflosen Einnahme der Stadt durch Mladic mit schuld seien.

Doch selbst das Eingeständnis von UN-Generalsekretär Kofi Annan über das Versagen seiner Organisation kann Hatidza Habibovic nicht trösten. Mit dem hat sie ja nichts zu tun, aber dafür mit den Behörden hier und den internationalen Hilfsorganisationen zum Beispiel. Es wird ihr nicht leicht gemacht in Srebrenica. Die Sache mit dem Wasser, der Strom, die ewig versprochenen Fensterscheiben. Und dann hat ein Jahr bevor sie herzog, als alles schon einigermaßen vorbereitet war für sie, jemand ihr Haus angesteckt. Das passiert öfter in Bosnien.

Trennung an der Tankstelle

Zuflucht sucht sie da lieber beim Beten in der wieder aufgebauten alten Moschee, die ein paar Ecken weiter die Straße abwärts Richtung Stadtzentrum liegt. Besonders dann, wenn die Erinnerungen an jenen drückend heißen Juli-Tag wieder hochkommen, als sie ihre Verwandten zum letzten Mal sah. Nur Stunden, bevor die von Mladic kommandierten Einheiten am Mittag die Straße vor ihrem Haus entlangmarschierten, hatte sie das kleine Tor zum Vorgarten noch ordentlich hinter sich geschlossen. Vorbei an den nach drei Jahren Belagerung von Granatwunden übersäten Fassaden war sie mit dem Vater, den Brüdern und der Schwägerin ans Nordende der Stadt aufgebrochen, von wo es noch einmal vier Kilometer waren bis zur Batteriefabrik, aufs sichere Gelände der 400 niederländischen Blauhelmsoldaten.

Kurz vor dem Uno-Lager, an einer Tankstelle, trennten sich die Wege der drei Männer von denen der Frauen. Dem Vater und den Brüdern schienen die Wälder im Westen sicherer. Sie haben sich noch die Hand gegeben. Als Habibovic fertig ist mit der Erzählung, weint sie.

So wie Hunderten anderen misslang den Männern die Flucht durch die Wildnis. Mladics Einheiten hatten längst die Schlupflöcher am Stadtrand blockiert und schossen auf alles, was sich bewegte. „Männer sind für mich keine Zivilisten“, hat Mladic einmal gesagt. Das UN-Kriegsverbrechertribunal sucht ihn wegen Völkermordes und Verbrechen gegen die Menschlichkeit.

Vielleicht im Juli

Hatidza Habibovic weiß bis heute nur, dass Vater und Brüder irgendwo in den Wäldern zwischen der überrannten Schutzzone und den weiter westlich gelegenen, von muslimischen Einheiten kontrollierten Gebieten von Kugeln getroffen worden sein müssen. Oder vor Überanstrengung und Hunger tot zusammengesackt sind. Die Gerichtsmediziner des Missing Persons Institute in ihren Labors in Tuzla und Banja Luka konnten erst 850 Tote identifizieren.

Als die Sonne hinter den steilen Hängen, die sie aus dem Wohnküchenfenster sehen kann, schon verschwunden ist, sagt Hatidza Habibovic: „Ich bete dafür, dass ich meinen Vater eines Tages auf dem neuen Friedhof besuchen kann.“ Beim Bruder wird das vielleicht gelingen. Am 11. Juli, am Jahrestag, sollen noch einmal 450 Menschen begraben werden. Er wird wohl dabei sein.

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