Erinnerungen : Von der Mutter eingeholt

Er heißt Felix Ensslin. Er hat eine Ausstellung über die RAF gemacht. Er sagt, das hat nichts mit ihm persönlich zu tun.

Stefanie Flamm,Barbara Nolte

Felix Ensslin hat eine Stimme, zu der man sich bei geschlossenen Augen einen gewaltigen Resonanzkörper vorstellt. Opernbässe sprechen so tief, Märchenerzähler oder Pfeifenraucher. Doch zu dem schmalen blonden Mann, der im Café Bravo in Berlin-Mitte auf seinem Stuhl herumrutscht, als wäre er schon wieder auf dem Sprung, will dieser ausgeruhte Bass einfach nicht passen. Was passt schon zu einem Menschen? Die Kleidung etwa, oder der Name? Felix Ensslin trägt an diesem Nachmittag eine verwaschene Jeans, T-Shirt, darüber eine grasgrüne Strickjacke. Es ist kalt und nass draußen, die Haare gehorchen bei diesem Wetter keinem Scheitel. Er wirkt ein bisschen abwesend, seine Haltung signalisiert Abwehr. Der Oberkörper ist leicht nach vorne gebeugt, die Hände ruhen auf der Tischplatte, als müsse er sich festhalten. Er sagt, dass er sehr müde sei.

Vor ein paar Wochen hatte sein erstes Theaterstück Premiere, in Weimar, am kommenden Samstag wird in den Ausstellungsräumen der Berliner Kunstwerke die seit langem erwartete RAF-Schau eröffnet, die er zusammen mit den Kuratoren Ellen Blumenstein und Klaus Biesenbach drei Jahre lang konzipiert hat. Ein Teil der Arbeiten hängt schon, der Rest muss in den nächsten Tagen noch fertig werden. Sie sind knapp dran. Nachdem das Projekt vor anderthalb Jahren heftig in die Kritik geraten war, hatte der Hauptstadtkulturfonds seine Förderung zurückgezogen. Erst kurz vor Weihnachten konnte eine Kunstauktion im Internet das Budget sichern. Doch Ensslin ist zuversichtlich, dass sie es bis zum 29. schaffen. Das Konzept stehe schließlich nicht erst seit drei Wochen.

Er zündet sich eine Zigarette an, seine Augen heften sich prüfend auf sein Gegenüber. Felix Ensslin ist der Sohn der RAF-Terroristin Gudrun Ensslin, die sich im Herbst 1977 in ihrer Zelle in Stuttgart-Stammheim das Leben nahm. Er weiß, dass – egal, was er sagen wird – die Fragen sich immer auch an Gudrun Ensslins Sohn richten.

Ist er wirklich der Richtige, um so eine Ausstellung zu kuratieren?

„Es geht um Kunst, nicht um meine persönliche Betroffenheit.“

Macht er mit dieser Ausstellung die eigene Auseinandersetzung mit seiner Mutter öffentlich?

„Ich mache meine Auseinandersetzung mit Kunst, die sich mit der RAF beschäftigt, öffentlich.“

Ensslin war sechs Monate alt, als seine Mutter im Frühling 1967 die Familie verließ. Nach dem 2. Juni war das. Tausende hatten an diesem Tag in Berlin gegen den Besuch des persischen Schahs demonstriert, an dem ein Polizist den Studenten Benno Ohnesorg erschoss. Das Bild von seinem toten Körper, über den sich eine hübsche Frau beugt, ist bekannt. Es wurde unzählige Male vervielfältigt, verfremdet, zitiert, und es wird auch in den Kunstwerken zu sehen sein. Denn Benno Ohnesorgs Tod markiert zumindest im Nachhinein den Zeitpunkt, an dem die Studentenbewegung sich in verschiedene Richtungen radikalisierte. Die RAF hat diesen Tag zu ihrem Schlüsseltag stilisiert. Dass die Ausstellung mit diesem Datum beginnt, kann man ihr nicht zum Vorwurf machen, genauso wenig, dass sie mit dem 1. April 1991 mit dem Rohwedder-Mord endet. Denn um diese Zeit geht es. Vor allem aber geht es um die Bilder, die sich in den letzten 30 Jahren in die Köpfe gebrannt haben und wie sie in diesen Köpfen verarbeitet wurden. Es geht um drei Generationen von Künstlern, die sich mit diesen Bildern beschäftigt haben, sagt Ensslin.

Herr Ensslin, viele dieser Bilder zeigen Ihre Mutter.

Ensslin nimmt einen Schluck von seinem Wasser. Er kennt diese Sätze. Er hat schon tausend Mal darauf seine Antwort gegeben. Gudrun Ensslin sei die Frau die ihn geboren habe, aber die RAF sei nicht seine Familie. Und die Ausstellung garantiert kein Familienalbum. „Unsere Ausstellung ermöglicht eine Auseinandersetzung mit der Macht der Bilder.“

Aber Bilder können die RAF nicht erklären. Kunst benutzt sie als Material, mehr nicht, und muss sich deshalb gefallen lassen, dass die Opfer nun befürchten, eine Schau, die den mehrdeutigen Titel „Zur Vorstellung des Terrors“ trägt, ginge rücksichtslos über ihre Schicksale hinweg. Wenn jemand, der direkt betroffen ist, sich kritisch äußert, kann er das verstehen, sagt Ensslin. Er spricht aus Erfahrung. Auch er ist ja in gewisser Weise ein Betroffener.

Ensslin ist bei einer Pflegefamilie auf der Schwäbischen Alb groß geworden, den Seilers. Sein Vater, der Schriftsteller Bernward Vesper, hatte ihn dort untergebracht, als er sich nicht mehr um ihn kümmern konnte. Der Pflegevater war Landarzt, die Pflegemutter leitete den Kirchenchor. Er hatte drei ältere Schwestern. Als 1976 der Prozess gegen Andreas Baader, Jan-Carl Raspe und Gudrun Ensslin begann, war er neun Jahre alt, ein Landbub, der sich an Vesper fast nicht mehr erinnern konnte. Gudrun Ensslin hat er zum ersten Mal auf einem Fahndungsplakat gesehen. Es habe eine Zeit gedauert, bis er begriff, dass diese Frau etwas mit ihm zu tun hat, warum die Leute im Dorf mit dem Finger auf ihn zeigten. „Ich wurde von außen in meine Geschichte geholt, nicht von innen“, sagte er einmal in einem Interview mit der „tageszeitung“. Er hatte sich bis dahin nie gefragt, warum auf seinem Zeugnis ein anderer Name stand als bei seinen Schwestern.

Die Ende der 60er, Anfang der 70er Jahre in der Bundesrepublik Geborenen können sich noch an den Terror der „Baader-Meinhof-Bande“ erinnern. An die Fahndungsplakate, die damals auf jedem Bahnhof hingen. Die meisten verbinden damit heute nicht mehr als eine dumpfe Panik. Doch bei Felix Ensslin vermischen sich Zeitgeschichte und Leben stärker als bei anderen Menschen. In seiner Biografie verdichtet sich eine Epoche der Bundesrepublik, in seinem Namen der „Deutsche Herbst“ von 1977, der immer noch Fragen aufwirft, auf die es niemals einfache Antworten geben wird.

Nur warum soll er diese Fragen beantworten? Haften Kinder etwa für ihre Eltern? Ensslin schüttelt den Kopf. Seine Position sei ja nun wirklich klar. Es seien mörderische Taten gewesen, die zu Unrecht begangen und zu Recht bestraft wurden. Auch Leute, die weit links von ihm stünden, sähen das nicht anders.

Felix Ensslin ist 37 Jahre alt, bald wird er älter sein, als seine Mutter je wurde. Er hat in New York Philosophie und Drama studiert und an der renommierten New Yorker New School of Social Research gelehrt. Mitte der 90er Jahre wurde er wissenschaftlicher Referent der Grünen-Politikerin Antje Vollmer, später leitete er das Büro ihres Parteikollegen Rezzo Schlauch. Er soll ziemlich gut in diesem Job gewesen sein. Auch sein erstes Theaterstück „Durch einen Spiegel in ein dunkles Bild“ bekam durch die Bank begeisterte Kritiken und trug ihm den Ruf ein, ein unzeitgemäßer Sprachkünstler zu sein.

Als nächstes will er in Weimar Schillers „Räuber“ inszenieren. Das ist im Schillerjahr nahe liegend, zumal für einen aufstrebenden jungen Theatermann. Doch wenn dieser aufstrebende junge Theatermann Felix Ensslin heißt, wird sich garantiert ein Kritiker finden, der sagt, Schillers gesetzloser, marodierender Räuberhauptmann Franz Moor sei so etwas wie der Andreas Baader des 18. Jahrhunderts gewesen, weshalb Ensslin im Grunde ein RAF-Stück inszeniert habe. Er hebt die Schultern. Sicher. Er kann niemanden daran hindern, so zu tun, als sei er der einzige Mensch auf Erden, der sich an seiner Familie abarbeiten muss, bloß weil diese Familie relativ bekannt ist und auch sein Name in den Quellen und Interpretationen dieser Zeit immer wieder eine Rolle spielt.

In den Briefen, die Gudrun Ensslin aus dem Gefängnis an ihren Exfreund Vesper schickt, geht es meistens um ihn, in Vespers Autobiografie „Die Reise“ heißt er „die kleine Sonne“, in „Die bleierne Zeit“, Margarethe von Trottas Film über die Ensslin-Schwestern, heißt er Jan. Dieser Jan zerreißt in der letzten Szene das Bild seiner Mutter. „Ich will alles wissen“, sagt er dabei. Das war ein klarer Auftrag, doch mit 17, so alt war Felix Ensslin, als er den Film sah, muss ihm das vorgekommen sein wie ein Fluch. Heute sagt er, er habe kein engeres Verhältnis zur RAF als andere Menschen seines Alters auch.

Doch warum kuratiert er dann diese Ausstellung? Warum stellt er sich bewusst in den Kontext, in dem er nie gesehen werden wollte? Weil er testen will, wie die Öffentlichkeit reagiert, jetzt wo die RAF seit mehr als zehn Jahren Geschichte ist? Weil er den eigenen Namen historisieren will? Oder weil er die Aufträge, die an ihn herangetragen werden, eben doch noch erfüllen will?

Er starrt auf seine Zigarettenschachtel, dann auf das Aufnahmegerät auf dem Tisch. Bevor ihm das Gespräch entgleitet, drückt er jetzt lieber die Stopp-Taste. Sein Blick sagt: Jetzt reicht’s. Leute, die ihn länger kennen, sagen der Ensslin sei ein „Vollprofi“. Während der acht Jahre, die er für die Grünen arbeitete, hat er für Antje Vollmer und Rezzo Schlauch Reden geschrieben und Interviews gegengelesen. Er weiß, dass ein einziges unbedachtes Wort eine lange Diskussion lostreten kann, dass Zitate ein prekäres Eigenleben entwickeln können und dass sich zu viel Offenheit am Ende möglicherweise gegen einen selbst und die eigene Arbeit wendet.

„Ich habe in meinem Leben schon viele Angebote erhalten, mich zur RAF zu äußern, das Angebot der Kunstwerke hat meine Leidenschaften getroffen.“ Das ist der persönlichste Satz, den er in den letzten Wochen öffentlich gesagt hat. Am Tisch im Café Bravo ist er nicht gefallen. Felix Ensslin geht, ohne sich zu verabschieden. Sein Wasserglas ist nach zweieinhalb Stunden noch immer halb voll.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben