Zeitung Heute : Erkundungen im Eis

Wie ist ein Mensch beschaffen, der so lebt: das tote Kind in der Tiefkühltruhe? Der Prozess hat begonnen

Sandra Dassler[Cottbus]

Im Juni 2004 schreibt eine Mitarbeiterin des Cottbuser Jugendamts einen Bericht für ihre Vorgesetzten. Danach bittet sie um psychologischen Beistand. Jahrelang hatte sie eine Cottbuser Familie betreut: Angelika und Falk B. mit ihren acht Kindern. Meist saß die Frau vom Jugendamt bei ihren Besuchen in der Küche. Manchmal fragte sie auch nach dem 1995 geborenen Dennis. Er sei im Krankenhaus, antwortete die Mutter, schenkte Kaffee nach. Der Kaffeeautomat stand auf einer Tiefkühltruhe. Was von dem Jungen übrig war, lag in dieser Truhe.

Ein unglaublich dichtes Lügennetz habe Angelika B. gesponnen, um das Siechtum und den Tod von Dennis zu verheimlichen, sagte der Cottbuser Staatsanwalt Tobias Pinder. Gestern verlas er im Cottbuser Landgericht die Anklageschrift gegen Angelika und Falk B.: Jahrelang hätten sie das Kind vernachlässigt, es hungern lassen, nie einem Arzt vorgestellt, obwohl es immer mehr verfiel. Wenn Bekannte oder Jugendamtsmitarbeiter in die Wohnung kamen, sollen die Eltern Dennis mit einem Bademantelgürtel ans Bett gefesselt haben.

Das Ehepaar auf der Anklagebank verzieht keine Miene. Es muss sich wegen Totschlags durch Unterlassen und der Misshandlung Schutzbefohlener verantworten. Zum ersten Verhandlungstag sind Journalisten aus ganz Deutschland nach Cottbus gekommen – obwohl solche Prozesse auch anderswo in Deutschland geführt werden: In Hamburg standen gerade die Eltern der siebenjährigen Jessica wegen ähnlicher Vorwürfe vor Gericht. Was die Journalisten eigentlich nach Cottbus treibt, steht nicht in der Anklageschrift: Es ist keine Straftat, ein totes Kind in einer Tiefkühltruhe zu verstecken – nur eine Ordnungswidrigkeit, ein Verstoß gegen das Bestattungsgesetz. Aber wie muss ein Mensch beschaffen sein, um so zu leben? Immer die Truhe vor Augen, die Schuld, drei Jahre lang. Boulevardzeitungen haben Angelika B. eine Monstermutter genannt. Vor Gericht sitzt eine gefasst wirkende Frau Mitte 40. Auf ihren schneeweißen Pullover fallen lange dunkle Haare – eine Mädchenfrisur.

Schon als Mädchen, erzählt Angelika B., sei sie öfter abgehauen von daheim, vor allem wegen der häuslichen Pflichten. „Ich war eben das erste Mädchen und meine Eltern waren beide auf Schicht“, sagt sie. Der endgültige Bruch mit dem im Strafvollzug tätigen Vater und der als Verkäuferin arbeitenden Mutter kam, als Angelika B. die 10. Klasse nicht schaffte. Da hätten die Eltern verlangt, dass sie gleich arbeiten gehen sollte – ohne Ausbildung. „Ich hätte so gern Schneiderin gelernt“, sagt sie, so hat es nur zur Hilfskraft im Textilkombinat Cottbus gereicht. Angelika B. haute wieder ab, lebte bei Bekannten, ging nicht arbeiten. Mit 18 kam sie ins Gefängnis. Wegen „asozialen Verhaltens“ – in der DDR war das ein Straftatbestand. Nach ihrer Entlassung kamen die Kinder. Die erste Tochter gab sie zur Adoption frei, sie hat sie nie gesehen. Die drei Söhne, die heute schon erwachsen sind, behielt sie, trennte sich aber nach einigen Jahren von deren Vater. Mit ihrem jetzigen Ehemann Falk B. hat sie noch einmal sieben Kinder. Wenn man Dennis mitzählt.

Falk B. ist 38, sechs Jahre jünger als seine Frau. Ein schnauzbärtiger, bierbäuchiger Mann mit sich lichtendem Haar, der keinen Beruf erlernt hat und eine Zeit lang als Hausmeister arbeitete – im Rahmen einer ABM. „Meine Kindheit, die war nicht gut“, sagt er. „bei uns zu Hause ist viel geprügelt worden.“ Deshalb sei er mit 15 Jahren in den Jugendwerkhof gekommen – wieder so ein DDR-Terminus. Aber der aus Köln stammende Vorsitzende Richter ist lang genug in Cottbus und hat gelernt, dass Jugendwerkhöfe eine Art Gefängnis waren. Warum Falk B. eingesperrt wurde, will er wissen. Der wiederholt, dass bei ihm zu Hause geprügelt wurde. Und setzt hinzu: „Ich habe meine Eltern ständig geschlagen, weil sie mich genervt haben.“

Bei der Polizei hat Falk B. ausgesagt, dass er vom Tod von Dennis nichts wusste, sondern so wie die Behörden geglaubt habe, dass der Junge in einem Krankenhaus sei. Vor Gericht wirkt er unbeholfen, kann sich an wenig erinnern. Immer wendet er sich Hilfe suchend an seine Frau.

Dennis kam im Januar 1995 auf die Welt. Und schon ein halbes Jahr später für 15 Monate in ein Kinderheim, weil Angelika B. einen Selbstmordversuch unternommen hatte. Warum, will sie nicht sagen. Sie stürzte sich aus dem Fenster ihrer Plattenbauwohnung. Seitdem leidet sie an einer Hüftgelenksverletzung und ist gehbehindert. Ihr anderes Leiden sei aber schwerwiegender, erzählt sie. Wegen einer Art Klaustrophobie könne sie nicht längere Zeit mit vielen anderen Menschen in einem Raum sein. Deshalb, ergänzt ihr Anwalt, sei sie ja auch nicht mit Dennis zum Arzt gegangen.

Über Dennis wird an diesem ersten Verhandlungstag sonst nicht gesprochen. Der Anwalt möchte erst die Akten vom Jugend-, Sozial- und Schulamt, die er nur als Kopien erhalten hat, im Original sehen. Er vertraut den Kopien nicht. Das Jugendamt hat bei einer Untersuchung keine eigenes Versagen entdecken können. Auch das Schulamt hatte nicht nachgefragt, als Angelika B. drei Jahre lang immer wieder andere Ausreden erfand, warum Dennis die Schule nicht besuchen könne. Stutzig wurde am Ende eine Frau vom Cottbuser Sozialamt, der Falk B. erzählte, der Junge sei mit einem Rettungshubschrauber ins Krankenhaus geflogen worden. Die Mitarbeiterin hatte nie eine Rechnung gesehen und informierte „aus einem Bauchgefühl“ heraus das Jugendamt.

Der Anwalt möchte außerdem erst einen Dokumentarfilm ansehen lassen, den der WDR über den Fall gedreht hat. Seine Mandantin könne nur schlecht über das Geschehen reden. Deshalb habe sie sich auf sein Anraten auch vor einiger Zeit in therapeutische Behandlung begeben. Ihre vier kleineren Kinder hat ihr das Jugendamt weggenommen. Sie besuche sie fast täglich, sagt sie und weint hin und wieder in ein zusammengeknülltes Papiertaschentuch. In dem Film, den der WDR schon ausgestrahlt hat, erzählt sie, dass Dennis ein schwieriges Kind gewesen sei. Kurz vor Weihnachten 2001 habe der Junge plötzlich zu zittern begonnen und sei dann einfach umgefallen.

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