Zeitung Heute : Erlahmt

JÖRG KÖNIGSDORF

Das ungarische Keller-Quartett gastierte im SchauspielhausDie Sitte, eine Streichquartettformation nach dem ersten Geiger zu benennen, ist zum Glück fast ausgestorben.Wenig verträgt sich solche Namensdominanz mit der Idee gleichberechtigten Dialogs, für den diese Art des Musizierens wie keine andere steht.Skrupel, die das ungarische Keller-Quartett, das im Rahmen des Beethoven-Zyklus im Schauspielhaus gastierte, nicht anfechten: Hier herrscht András Keller, der Primarius, spielt sich mit Nach- und Bogendruck auch da in den Vordergrund, wo der ersten Geige lediglich Umspielungen der Melodielinie zugeordnet werden.Das beeindruckt zunächst, das frühe B-Dur-Quartett aus opus 18 wird energisch angegangen, die Kontrastwirkungen des Kopfsatzes unprätentiös ausgespielt. Doch allzu schnell erlahmt der Schwung, drängt sich der Eindruck auf, die Ungarn hätten das Stück noch nicht oft gespielt.Die keck herabfallenden Geistesblitze der ersten Geige im Trio werden nicht mit Spiellaune erfüllt, in den hurtigen Finalläufen geraten alle Beteiligten in Bedrängnis. Besser ergeht es dem populären "Harfen-Quartett" aus Beethovens mittleren Jahren, doch auch hier irritieren genug technische Schnitzer und Unausgewogenheiten.Der markante Themenkopf des Allegro wird unkontrolliert herausgehauen, die Staccato-Viertel ungleichmäßig artikuliert.Unangenehm stechende Pizzicati, wenig Lautstärkennuancen und Balanceprobleme - alles Kleinigkeiten gewiß, die sich jedoch zum Gesamtbild verkrampften Musizierens addieren.Dem Scherzo fehlt es an Kraft, die Überleitung zum Finalsatz versandet. Mit einem geradlinigen Interpretationsansatz, der aus technischer Bemühtheit heraus zur Eindimensionalität gerät, ist dem doppelbödigen Quartett Opus 130 kaum beizukommen.Die Abgründigkeit hinter den Charaktermasken verbirgt sich in den Nebenstimmen, eine Konzentration auf Primgeigerbrillanz kann hier bloß schön klingende Außenseite vermitteln.Das gerät immerhin respektabel und verdichtet sich in der Cavatina endlich zu langersehnter Stimmung.JÖRG KÖNIGSDORF

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