Zeitung Heute : „Erlaubt ist, was Spaß macht“

Die Jazzszene in Kopenhagen kennt keine Dogmen

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Von Thorbjørn Sjøgren In den 1960er Jahren wurde Kopenhagen oft als „JazzZentrum Europas“ bezeichnet. Das war nicht besonders fair gegenüber Städten wie London, Paris, Stockholm, Rom und Barcelona, die sich ebenfalls einer florierenden Jazzszene rühmen konnten. Aber die zahlreichen amerikanischen Musiker, die sich in Kopenhagen niedergelassen hatten, trugen entschieden dazu bei, dass sich die Stadt auf der europäischen Jazz-Landkarte etablieren konnte. Im Jahr 1986 wurde das Rytmisk Musikkonservatorium in Kopenhagen gegründet, Dänemarks erste Einrichtung, an der die Ausbildung zum Jazzmusiker möglich wurde – nachdem zuvor mehr als 50 Jahre lang über die Problematik der Jazzausbildung am Konservatorium diskutiert worden war.

1991 wurde das Copenhagen JazzHouse eingeweiht. Mit mehr als 200 Konzerten im Jahr – davon etwa drei Viertel mit dänischen Gruppen oder dänischer Beteiligung – ist es für den jüngeren dänischen Jazz ein eminent wichtiges Forum. Gleiches gilt auch für das seit 1979 jährlich stattfindende Copenhagen Jazz Festival, das an zehn Tagen im Juli mehr als 800 Konzerte auf die Bühnen bringt.

Es ist nichts Außergewöhnliches, dass ein dänischer Musiker ein halbes oder ein ganzes Jahr in New York Unterricht nimmt oder praktische Erfahrungen sammelt. Wie es umgekehrt genauso alltäglich ist, dass amerikanische Musiker zu uns kommen und mit einer dänischen Gruppe auf Tournee gehen. Ganz offensichtlich haben stilistische Abgrenzungen und Bindungen für die junge und jüngere Generation heute eine weit geringere Bedeutung als noch für ihre Vorgänger. Vielmehr scheint die Devise zu gelten „Erlaubt ist, was Spaß macht“.

Dabei gehen die jungen Musiker mit einer bislang ungekannten Neugierde, Vorurteilsfreiheit und Experimentierfreude ans kreative Werk. Eine der treibendsten Kräfte ist der Schlagzeuger Kresten Osgood (Jg. 1976), der neben seinem großen musikalischen Talent als (Mit)Initiator viele Projekte energisch voranbringt und dabei auch hervorragende Musiker von außerhalb mit einbezieht.

In ungefähr diese Altersgruppe reihen sich auch Namen ein wie die Tenorsaxofonisten Jakob Dinesen, Anders Banke, Jan Harbeck und Jesper Løvdal, die Trompeter Gunnar Halle und Kasper Tranberg, Pianisten und Keyboarder wie Jacob Anderskov (Kopf der Gruppe Anderskov Accident og Doctor Structure), Søren Kjærgaard, Peter Rosendal, Kasper Villaume, Søren Nørbo, Oliver Antunes und Christopher Møller, Gitarristen wie Niclas Knudsen, Mark Solborg und Jacob Bro, Bassisten wie Anders Christensen, Jesper Bodilsen und Jeppe Skovbakke, Schlagzeuger wie Stefan Pasborg, Anders Mogensen, Morten Lund und Jeppe Gram sowie die Sängerinnen Josefine Cronholm und Maria Laurette Friis.

Die meisten dieser Musiker hört man heute – oft in unterschiedlichsten Konstellationen gemeinsam – als herausragende Vertreter einer Musikrichtung, die man vor zehn bis 15 Jahren kaum als Jazz bezeichnet hätte, lebt sie doch neben den konventionellen Jazzelementen von jeder Menge Inspiration aus Rockmusik im weitesten Sinn, elektronischer Musik, Musik aus der Dritten Welt und neuer Kompositionsmusik.

Der Jazz ist nicht nur die Musik der jüngsten Generation, deren Klangwelten vermutlich weit mehr von anderen Inspirationsquellen geprägt sind als vom Jazz, wie wir ihn seit vielen Generationen kennen. Aber auch zahlreiche Musiker um die 40 haben Lust, außerhalb der altbekannten Jazz-Parameter zu arbeiten und diese Ideen mit einer eindeutigeren Jazzsprache zu kombinieren. Dazu gehören unter anderem die Tenorsaxofonisten Fredrik Lundin, Lars Møller, Hans Ulrik und Thomas Agergaard sowie der Trompeter Jens Winther.

Das Gleiche gilt auch für etwas ältere Musiker wie zum Beispiel den Pianisten Thomas Clausen (Jg. 1949) und den Posaunisten Erling Kroner (Jg. 1943), die sich lang für brasilianische beziehungsweise argentinische Musik und deren Schnittfläche mit dem Jazz interessieren.

Schließlich finden sich die Jazzer, die sich generationenübergreifend zu einer „reinen“ Jazzsprache bekennen, ohne dass ihre Musik deshalb eingegrenzt oder verschlossen daherkommt. Einige ihrer bedeutendsten Protagonisten sind der Tenorsaxofonist Jesper Thilo (Jg. 1941), die Geiger Finn Ziegler (Jg. 1935) und Kristian Jørgensen (Jg. 1967), der Gitarrist Jacob Fischer (Jg. 1967) sowie die Pianisten Jan Kaspersen (Jg. 1948) und Søren Kristiansen (Jg. 1962), allesamt Künstler, die auch in der Breite des „Mainstream-Jazz“ ausreichend Inspiration fanden, um einem ganz persönlichen Ton Ausdruck verleihen zu können. Wurzelwerk, Breite und Wachstumsbedingungen der Kopenhagener Jazzszene sind in bester Ordnung.

Thorbjørn Sjøgren (Jg. 1946) ist Mitarbeiter der Zeitschrift „Jazz Special“ und verantwortlicher Redakteur des „Politikens Jazz Leksikon“ .

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