Zeitung Heute : Erleuchtet werden

Ariane Bemmer

Wie eine Westberlinerin die Stadt erleben kann

Vergangenen Mittwochabend fuhr ich mit dem Fahrrad am Brandenburger Tor vorbei, hinten mittels batteriebetriebener Lampe leuchtend, vorne gänzlich im Dunklen, da stellte sich mit ausgebreiteten Armen ein Polizist in meinen Weg und sagte: „Junge Frau, halten Sie mal an."

Oh nein, dachte ich, nicht diese Leier, aber es kam ganz anders. Um den Radlern ohne Licht den rechten Weg zu weisen, mache man hier gerade eine gemeinsame Aktion mit dem Fahrradclub ADFC, sagte der Polizist, und die würden mir gleich eine Lampe an den Lenker montieren. Ich schob ab, rüber zum Zelt, wo ein junger Mann den Halogenstrahler gleich montierte. Insgesamt hatten sie in dem Zelt 100 Lampen für vorne und hinten zu verschenken, Gaben für Sünder – was ich ja nicht ausstehen kann, weil das ungerecht ist.

Wie damals in der Schule, wenn die Lehrer in der Schule sich nur um die Doofen kümmerten, oder wenn jemand vordrängelt, oder wenn jugendliche Straftäter in Abenteuercamps reisen. Ich gehöre nämlich eigentlich zu den Braven, die bekanntlich die Dummen sind, und wenn ich schon mal was falsch mache, folgt die Strafe meist auf dem Fuße. Und nun hatte ich auf das Fahrrad-Beleuchtungsgesetz gepfiffen – und kriege eine Lampe geschenkt. Ich war begeistert.

Die Lampenaktion war gesponsert von der Fahrradzubehörherstellungsfirma „Busch + Müller". Danke, „Busch + Müller", dachte ich.

Mein zweiter Gedanke war, dass hier vielleicht eine Glückssträhne schlummert, und dass ich am besten die Lampe gleich wieder abmontiere, mir einen Bart anklebe, erneut in die Kontrolle gerate und noch eine Lampe geschenkt bekomme. Aber das wäre eine zu unredliche Reaktion auf diese Güte gewesen.

„Busch + Müller" haben eine Homepage, www.bumm.de, das kommt von „Busch + Müller Meinerzhagen", und das ist der Ort, in dem die Firma 1925 als Speichenreflektorenhersteller gegründet wurde. Die hat „Busch + Müller“ immer noch im Sortiment. Ich habe aber solche nicht am Fahrrad. Soll ich mir die jetzt kaufen – oder soll ich lieber warten, bis sie irgendwo verschenkt werden?

Kostenlose Lichtchecks gibt es noch bis Freitag beim ADFC, Brunnenstr. 28, Mitte, 15 bis 20 Uhr). Anmeldung empfohlen unter Tel. 448 47 24

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