Zeitung Heute : Erst daddeln, dann operieren

fahndet nach guten Nachrichten in der Medizin. Heute: Die nützliche Seite der Videospiele

Hartmut Wewetzer

Der Chefarzt schaut streng in die Runde seiner Assistenzärzte. Tja, da ist doch tatsächlich ein junger Kollege, der seine Anweisungen nicht befolgt hat. „Mensch Mayer“, sagt der Chefarzt, „Sie sollen nicht in die Oper gehen, sondern Computerspiele daddeln.“ Mayer senkt betreten den Kopf. „Werden Sie ein guter Ballerspieler, Mayer. Dann klappt es auch mit dem Operieren.“

Zugegeben, diese Episode ist erfunden. Aber in ein paar Jahren könnte sie sich zutragen. Ärzte um James Rosser vom Beth Israel Medical Center in New York haben nämlich getestet, ob Videospiele die chirurgischen Fertigkeiten steigern. Es waren Spiele, bei denen es auf Schnelligkeit und Geschick ankommt.

Spieler könnten tatsächlich die besseren Operateure sein, lautet frei formuliert das Ergebnis der Untersuchung, die diese Woche im Fachblatt „Archives of Surgery“ veröffentlicht wurde.

Die New Yorker Mediziner prüften die Leistungen von 33 Chirurgen an einem Testgerät für die laparoskopische Schlüssellochchirurgie. Bei diesem Verfahren führen die Ärzte das Operationsbesteck über kleine Öffnungen in den Körper ein. Eine Kamera überträgt die Bilder aus dem Körperinneren auf einen Bildschirm. Der Chirurg steuert seine Instrumente von außen anhand dieser Fernsehbilder. Die Schlüssellochchirurgie ist anspruchsvoller als eine offene Operation. Sie muss besonders trainiert werden, bis sie „sitzt“. Weil der Arzt sein Handeln nur indirekt, über einen Bildschirm, beurteilen kann, gibt es sogar eine gewisse Nähe zur virtuellen Welt der Computerspiele.

„Computerspieler machten 32 Prozent weniger Fehler, waren 24 Prozent schneller und schnitten insgesamt 26 Prozent besser ab als ihre nicht spielenden Kollegen“, fassen die Forscher zusammen. Sie empfehlen, Videospiele für das Geschicklichkeitstraining in der laparoskopischen Chirurgie in Erwägung zu ziehen.

In anderen Bereichen könnten Computerspiele ebenfalls nützlich sein. So veröffentlichten Forscher der Universität von Rochester vor kurzem eine Studie, nach der Actionspiele die Wahrnehmung schärfen und möglicherweise Schwachsichtigen eine Hilfe sein könnten. Und Nasa-Wissenschaftler entwickelten ein Verfahren, um hyperaktiven Kindern mit Videospielen mehr Selbstkontrolle und Konzentration anzutrainieren.

Natürlich bleibt abzuwarten, ob sich solche Ideen in der Praxis bewähren. Auch in den USA haben Videospiele ein eher negatives Image, werden körperliche Trägheit und Übergewicht, Abstumpfung gegen Gewalt und Spielsucht als Folgen einer Überdosis Spielen diskutiert. Deshalb verwundert es nicht, dass die „Archives of Surgery“ sich vorsichtig distanzieren. Im Anhang an die Untersuchung veröffentlicht die Zeitschrift einen kritischen Kommentar aus der Feder einer Ärztin von der Universität Stanford. Sie kann am Ergebnis wenig rütteln, mäkelt an Details und empfiehlt weitere Studien, bevor grünes Licht für das Videospieltraining gegeben werden kann.

Unser Assistenzarzt Mayer dürfte also vorerst weiter in die Oper gehen.

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