Zeitung Heute : "Erst der Mensch, dann die Technik"

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"Der Zwang nimmt ab, aber der Druck nimmt zu." Um die Entwicklung der Arbeitswelt darzustellen, braucht Verdi-Gewerkschafter Michael Sommer nur wenige Worte - und erntet Zustimmung von allen Seiten. Arbeitsexperten aus Wirtschaft, Forschung und Verwaltung sind sich darin einig, dass die globalisierte Wirtschaft bisherige Arbeitsformen, Organisationsstrukturen und Informationsabläufe in hohem Tempo verdrängt. Auf der "1. Fachtagung Innovative Arbeitsgestaltung - Zukunft der Arbeit" haben Praktiker und Wissenschaftler Lösungsansätze für eine gar nicht mehr sehr zukünftige Arbeitswelt diskutiert. Aus gutem Grund: Wenn die I+K-Techniken demnächst alle Wertschöpfungsstufen des Marktes durchdringen, droht der Mensch auf der Strecke zu bleiben. Die Gefahr ist groß.

Das Bundesbildungsministerium (BMBF) hat aus berechtigter Sorge das Programm "Innovative Arbeitsgestaltung - Zukunft der Arbeit" gestartet und bis zum Jahr 2005 rund 83 Millionen Euro zur Verfügung gestellt. Etwa für Veranstaltungen wie jüngst mit dem Untertitel "Für eine menschengerechte Arbeitswelt". Experten halten diese Formulierung keinesfalls für eine akademische Floskel. Die Sorgen der Wissenschaftler und Praktiker betreffen ökologischen Aspekte und Gesundheitsfragen ebenso wie flexible Arbeitszeitsysteme. Für Professor Klaus Hennig vom Zentrum für Lern- und Wissensmanagement an der RWTH Aachen steht fest: "Innovationen sind überlebensnotwendig und sie müssen sich am betriebswirtschaftlichen Erfolg messen lassen."

Henning legt ganz besonderen Wert auf das "und". Ausgerechnet als Ingenieur fordert der Aachener Wissenschaftler: "Erst der Mensch, dann die Organisation, dann die Technik." Kein Wunder. Das Schlagwort "Humanisierung der Arbeitswelt", das in den 70er Jahren erstmals im Bundestag diskutiert wurde und damals noch einen klassenkämpferischen Hautgout hatte, betrifft längst Jedermann. Überforderung und Stress, Verstöße gegen Persönlichkeitsrechte - etwa durch das Verbot oder auch den Gebrauch elektronischer Medien - sowie die fortschreitende "Re-Taylorisierung" - etwa in Callcentern - , sind in allen Qualifikationsebenen Alltagssorgen geworden. Wenn diese Nöte nicht ernst genommen werden, kann das fatale Folgen haben - nicht nur für den Einzelnen. BMBF-Staatssekretär Uwe Thomas jedenfalls sagt: "Die Vernachlässigung des menschlichen Faktors in den Veränderungsprozessen ist die wichtigste Ursache für gescheiterte Umstrukturierungen in Unternehmen." In der innovativen Arbeitswelt müsse der Mensch stärker im Mittelpunkt stehen, "wenn der Strukturwandel erfolgreich sein soll."

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