Zeitung Heute : Erst Glück, dann Geld

Dr. Wewetzer fahndet nach guten Nachrichten in der Medizin. Heute: Warum positive Gefühle so wichtig sind

Hartmut Wewetzer

Unsere Regierung sollte auf den König von Bhutan hören. Der Herrscher dieses südasiatischen Landes hat es zu seiner politischen Aufgabe gemacht, das nationale Bruttoglücksprodukt zu steigern. Das klingt lächerlicher als es ist. Denn nach einer neuen Studie ist Glück die Grundlage für Erfolg. Glückliche Menschen haben mehr Erfolg als weniger Glückliche. Nicht Erfolg macht glücklich, sondern Glück erfolgreich. Vor dem Bruttosozialprodukt kommt also tatsächlich erst einmal das Bruttoglücksprodukt.

Herausgefunden haben das Forscher der Universität von Kalifornien in Riverside. Sie werteten 225 Studien aus, in denen der Zusammenhang von Glück und Erfolg untersucht wurde. „Wir fanden deutliche Hinweise, dass Glück Menschen geselliger und großzügiger, produktiver bei der Arbeit und erfolgreicher beim Geldverdienen macht. Außerdem haben Glückliche ein stärkeres Immunsystem“, sagt Sonja Lubomirsky, die Leiterin der Untersuchung. Ausgefüllte Menschen sind experimentierfreudiger und stellen sich eher Herausforderungen. Das wiederum stärkt die positiven Gefühle, den Erfolg bei der Arbeit, gute Beziehungen, Gesundheit und Lebenserwartung.

Glück, nicht harte Arbeit, als Schlüssel zum Erfolg. Klingt nicht so wie die Schulweisheit, nach der erst die sauren Trauben der Entbehrung uns irgendwann ans Ziel führen. Es könnte eher sein, dass es auch zum Erreichen eines großen oder weit entfernten Ziels der positiven Gefühle bedarf. Man muss sich Sisyphos als glücklichen Menschen vorstellen, hat Camus gesagt.

Aber wie wird man glücklich?

Antwort eins: Auf das Geld kommt es eher nicht an (es gibt immer jemanden, der mehr hat). In so unterschiedlich reichen Ländern wie Ghana, Mexiko, Schweden und den USA sind die Menschen ähnlich zufrieden. Und in den am meisten entwickelten Ländern hat sich der Wohlstand in den letzten 50 Jahren vervierfacht, ohne dass die Bürger dieser Nationen ständig auf Wolke sieben schweben würden.

Antwort zwei: die Familie ist ein wichtiger Schlüssel zum Glück. Verheiratete leben im Schnitt drei Jahre länger als Unverheiratete, sind körperlich und geistig gesünder. Offenkundig fügt Glück dem Leben Jahre hinzu. Eine Familie zu haben, steigert das Wohlergehen. Und das umso mehr, je mehr Zeit wir mit ihr verbringen. Natürlich sind soziale Bindungen auch über die Familie hinaus wichtig. Zu Freunden, Nachbarn, am Arbeitsplatz. Je besser die Kontakte, umso besser für uns.

Antwort drei: Die Arbeit kommt erst an zweiter Stelle, sie kann die Familie nicht ersetzen. Hier gilt, dass Selbstständigkeit beim Arbeiten, Vertrauen, Gerechtigkeit und die Möglichkeit, an Entscheidungen teilzuhaben, wichtig sind. Ähnliches gilt auch für die Politik – je mehr sie die individuellen Interessen ihrer Bürger berücksichtigt, umso glücklicher werden diese sein. Der König von Bhutan wird es wissen.

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