Zeitung Heute : Erst mal auf Abstand

Tissy Bruns[Moskau],Elke Windisch[Moskau]

Bundeskanzlerin Angela Merkel besucht Russlands Präsidenten Wladimir Putin in Moskau. Was war das Besondere an diesem Treffen?


Es war kein unterkühltes, aber ein doch sehr sachliches Zusammenkommen. Funken sprühten nicht zwischen Angela Merkel und Wladimir Putin beim ersten Besuch der Bundeskanzlerin in Moskau.

Gemeinsam stellten die beiden nach einem unerwartet langen Gespräch von drei Stunden dar, wie sie sich ihre Zusammenarbeit vorstellen: „Ich glaube, dass die Grundlagen dafür gelegt sind, dass wir unsere Partnerschaft weiterentwickeln und verbreitern können“, erklärte Merkel. Sie nannte die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen beiden Ländern „atemberaubend“ angesichts des Tempos, in dem sie erweitert würden.

Putin sagte, die Kontakte seien auch nach dem Regierungswechsel in Berlin unverändert intensiv. Beide Länder arbeiteten auf unterschiedlichen Gebieten, einschließlich der Außenpolitik, „zur Koordinierung unserer Positionen“ gut zusammen. Den Wert des deutsch-russischen Warenaustauschs im vergangenen Jahr gab er mit 26,4 Milliarden Euro an.

Der Präsident bot außerdem an, die 800-Jahr-Feier Dresdens zu nutzen, um ein Signal für einen umfassenderen kulturellen Austausch beider Länder zu geben. Die eigentlich für Mitte März angesetzten deutsch-russischen Regierungskonsultationen in der sibirischen Stadt Tomsk kündigte Wladimir Putin jetzt für April an

Die Bundeskanzlerin und der Kreml- Chef hatten einander eher zurückhaltend freundlich begrüßt. Umarmungen wie mit dem ehemaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) gab es nicht. Auch sonst unterschied sich am Montag einiges von den Besuchen, die Schröder in Moskau gemacht hatte: Iran und dessen Atompläne war beiden Seiten gleichermaßen wichtig. Iran hatte auch bei Merkels Gesprächen mit George W. Bush am Freitag eine zentrale Rolle gespielt.

Die Russen, die bisher – auch aus wirtschaftlichen Gründen – gegen einen zu harten Kurs gegenüber Irans Präsident Ahmadinedschad waren, stimmen mit dem der Deutschen mittlerweile überein. Gleichzeitig jedoch warnte Putin den Westen vor unüberlegten und voreiligen Schritten gegen Teheran.

Anders als ihr Vorgänger Gerhard Schröder, der öffentliche Kritik an Putin vermieden hatte, hat Merkel in Moskau auch über eine Reihe von Konflikten gesprochen. Dazu zählen die fortdauernde Gewalt in Tschetschenien und die schwierige Lage für regierungsunabhängige Organisationen (NGO) in Russland. Man werde, so sagte Merkel, aufmerksam verfolgen, wie deren Arbeitsmöglichkeiten sich weiter entwickeln. Zu Tschetschenien habe es einen „freimütigen Austausch“ gegeben. Sie, Merkel, setze vor allem darauf, das im Nordkaukasus die EU-Programme umgesetzt werden, die der Region einen wirtschaftlichen und sozialen Aufschwung bringen sollen.

Deshalb hat die Kanzlerin nach dem Termin im Kreml auch mit Vertretern aus Politik, Wirtschaft Kirche und Kultur gesprochen. In der Residenz des deutschen Botschafters, Walter Jürgen Schmid, wo das Treffen stattfand, gesellte sie sich mal der einen, mal der anderen Gruppe zu und parlierte in perfektem Russisch. Die Menschenrechtsorganisation Memorial lobte Merkel anschließend für ihre Gesprächsbereitschaft, die sie von ihrem Vorgänger Gerhard Schröder unterscheide.

Merkels Schlusswort der Reise: „Also – auch hier besteht zum Pessimismus kein Anlass.“(mit Reuters, dpa)

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