Zeitung Heute : „Erst merken es die anderen“

Gabriele Farke über ihre überwundene Internet-Abhängigkeit

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GABRIELE FARKE (47)

war zweieinhalb Jahre internetsüchtig, bis sie sich selbst therapierte. Danach gründete sie den Verein „Hilfe zur Selbsthilfe für Onlinesüchtige“, dem jedoch das Geld ausging. Foto: Privat

Wie haben Sie gemerkt, dass Sie internetsüchtig sind?

Ich wurde darauf angesprochen. Selbst habe ich das gar nicht mitbekommen. Ich habe aber gemerkt, dass etwas nicht stimmte. Meine Tochter und meine Kollegen wunderten sich, dass ich so viel Zeit im Netz verbrachte und extrem viel darüber redete.

Wie viele Stunden waren das am Tag?

Man kann das nicht an Zeiten festmachen. Internetsüchtige integrieren ihr Leben ins Netz und verlieren das Gefühl für Zeit. Bezeichnend war, dass ich alles stehen und lieben gelassen habe.

Womit haben Sie sich im Netz beschäftigt?

Hauptsächlich habe ich kommuniziert, das heißt gechattet. Leute kennenzulernen, über die Grenzen hinaus, das hat mich wahnsinnig fasziniert.

Was haben Sie gegen Ihre Sucht unternommen?

Ich habe zwei Bücher zum Thema geschrieben und mich so selbst therapiert. Damals gab es noch niemanden, der sich damit auskannte. Als ich einen Arzt auf Internetsucht ansprach, kam nur ein Achselzucken. Damals habe ich außerdem einen totalen Bruch vollzogen. Ich bin umgezogen nach Berlin, habe hier neu angefangen, und dann habe ich mich auch langsam wieder zurecht gefunden im Alltag.

Außerdem haben Sie den Verein „Hilfe zur Selbsthilfe für Onlinesüchtige“ gegründet.

Das hat mir sehr geholfen. Ich konnte in der Öffentlichkeit über das Thema sprechen, bin mit Wissenschaftlern in Kontakt gekommen und habe mich selbst besser verstanden. Es war einfach notwendig, den Verein zu gründen, weil es sonst keine Hilfsangebote gab.

Wie sollen sich Betroffene und Angehörige verhalten?

Es gibt viele Möglichkeiten. Meine Erfahrung ist, dass die meisten zuerst auf unserer Internetseite landen. Oft entsteht erst dann zum ersten Mal der Gedanke, dass man selbst onlinesüchtig ist. Es gibt sehr viele, die ihre Geschichte dann im Forum ( www.onlinesucht.de ) niederschreiben und sich so ihre Sucht eingestehen. Wir geben zunächst sehr einfache Tipps, zum Beispiel, den Computer aus dem Wohnzimmer zu entfernen, um nicht gleichzeitig noch fernsehen zu können.

Was ist das Ziel?

Es geht darum, den Umgang unter Kontrolle zu haben. Die Betroffenen sollen ja nicht ihren Rechner wegwerfen. Da hilft es anfangs, Tages oder Wochenpläne aufzustellen.

Und psychologische Hilfe?

Ich hätte mir damals gewünscht, dass es eine Gesprächsgruppe gibt. Aber bis heute existiert so etwas nicht. Auch unser Verein ist nur als Internetseite vorhanden. Die bundesweite Etablierung von Selbsthilfegruppen bleibt weiter mein Ziel. Noch fehlen jedoch die Mittel.

Wie gehen Sie heute mit dem Internet um?

Es ist mein Arbeitsmittel. Ich schreibe immer noch Bücher über das Thema. Ich bin froh, wenn ich abends den Rechner ausmachen kann. Ich chatte gar nicht mehr, das übt keinen Reiz mehr auf mich aus.

Das Gespräch führte Dana Ifflaender .

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