Zeitung Heute : Erst Pay, dann Klick

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Von Holger Schlösser

Inhalte nur noch gegen Kasse – so lautet die neue Marschrichtung der Internet-Branche. Zwar geistert die Idee kostenpflichtiger Webinhalte schon seit Jahren durch die Köpfe der Website-Betreiber, doch erst mit der Krise der Online-Werbung nimmt sie Gestalt an. Wenn sich die Anbieter auf der diesjährigen Internet-World in Berlin treffen, werden sie die neue Strategie besonders eifrig diskutieren.

Der „Spiegel“ hat damit angefangen, die Konkurrenz folgte bei Fuß. Das Hamburger Nachrichtenmagazin bietet auf seiner Website ein Paket mit den Titelstories vom Montag schon Sonnabendnachmittag für 85 Cent an. Artikel aus der Datenbank von „Stern“, „Zeit“, „Financial Times Deutschland“, „Handelsblatt“, „FAZ“ und „Süddeutscher Zeitung“ kosten 1,48 Euro pro Stück. Die Stiftung Warentest ist da schon fast ein Schnäppchen: Der Verlag kassiert pro Testbericht im Netz einen Euro.

Viele Anbieter von Online-Content in Deutschland, darunter n-tv, RTL, bild.de, Heise Verlag und „Auto Motor und Sport“ setzen beim Bezahlen auf eine Internet-Abrechnungslösung der Kölner Firstgate Internet AG. Herkömmliche Verfahren, etwa die Einzugsermächtigung oder Kreditkarte haben sich als zu umständlich oder teuer erwiesen. So ist das Firstgate-System auf dem besten Weg, ein Quasi-Standard beim Kassieren von Kleinstbeträgen zu werden. Bis heute haben rund 600 000 Kunden über das System bereits einmal Internet-Inhalte gekauft.

Alternative Bezahlmodelle, etwa über die Dialer-Einwahl mit einer 0190er Nummer sind in letzter Zeit in Verruf geraten. Die winzigen Programme, die über das Internet automatisch installiert werden, wählen kostenpflichtige 0190er Nummern an. Was als eine Art Micropayment gedacht war, richtet in der Hand von Kriminellen beim ahnungslosen Surfer beträchtlichen finanziellen Schaden an. Verbraucherministerin Renate Künast meldete sich zu Wort und forderte eine bessere Absicherung der Technik gegen Missbrauch.

Transparente Bezahlmodelle gefragt

Firstgate ist hier transparenter und kommt ohne zusätzliche Software aus. Nach Anmeldung in dem System wird der Kunde bei Aufruf eines kostenpflichtigen Artikels über die anfallenden Kosten informiert. Stimmt er per Mausklick zu, werden die Beträge gesammelt und monatlich vom Konto eingezogen. Silvia Besslich, Leiterin Marketing und Kommunikation bei Firstgate, sieht im Trend zu Bezahl-Inhalten auch eine Entwicklung hin zu mehr Qualität im Netz. „Sicher wird vieles kostenpflichtig, was es vorher kostenlos gab, aber dafür kommen auch interessante neue Angebote, die bislang nicht ins Netz gestellt werden konnten.“ Neben den klassischen Datenbanken nennt sie als Beispiel die Premium-Services bei „Focus“. „Hier gibt es Infos und Tipps zum Download, von der Anwaltsliste bis zur Zwangsversteigerungs-Datenbank.“

Die Chancen, dass der „Focus“ mit seinem Angebot tatsächlich Geld verdienen kann, stehen nicht schlecht. Laut den Marktforschern von Fittkau & Maaß sträuben sich immer weniger Netznutzer gegen Bezahlinhalte im Web. In der aktuellen Benutzer-Analyse W3B stellen sie fest, dass nur noch 30 Prozent der Teilnehmer das Bezahlen von Online-Content kategorisch ablehnen.

Wie locker der Euro bei ihnen sitzt, hängt stark von den angebotenen Inhalten ab. Vor allem das Interesse an Nachrichten, Informationen und Daten ist im vergangenen Halbjahr deutlich gestiegen, gefolgt von der Online-Softwarenutzung. Das Herunterladen von Filmen, Bildern, Musik und Sounds ist für weniger als jeden fünften Nutzer relevant. Kaum ein Online-Content ist dabei „massentauglich“. Umso wichtiger ist es für Online-Anbieter, die individuellen Wünsche der Zielgruppe genau zu kennen.

Trotz der für die Branche guten Nachrichten warnen die Marktforscher vor zuviel Optimismus. Bei der Diskussion über die Frage, ob und wie viel die Surfer bereit sind, für bestimmte Inhalte zu zahlen, wird eines oft vergessen: Aus Sicht der Nutzer ist das Internet heute keineswegs kostenfrei. Die monatlichen Gebühren für den Internet-Zugang und die Telefongebühren sind zum Teil nicht unerheblich. Kein Wunder, dass vier von fünf Internet-Nutzern eine kostengünstigere Online-Nutzung als entscheidend für die zukünftige positive Entwicklung des Internet einschätzen. Bezahlinhalte bedeuten, vergleichbar etwa mit dem Pay-TV-Sender Premiere, eine deutliche Erhöhung des Medienbudgets eines Haushalts. Auch wenn das Ende der Gratiskultur nicht bereits 2002 ansteht, die Vorbereitungen dafür laufen.

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